Jüdische Einwanderer: Neue Heimat Israel

Chaya Tal (23) neben Militärstreife im neuen Wohno…
Foto: /Norbert Jessen Der 44-jährige Dan Feygin verlegte seinen Hauptwohnsitz von Wien, wo alles ruhiger ablaufe, ins dynamische Tel Aviv.

Immer mehr Juden zieht es aus Europa nach Israel. Der zunehmende Antisemitismus, auch in Verbindung mit Terror ist ein Grund. Aber nicht der einzige. Der KURIER sprach mit zwei Migranten, die in Israel den Neustart wagen.

Dan Feygin (44) zog es von Wien nach Israel. Chaya Tal (23) wagte den Sprung von Köln aus. Beide haben einiges gemeinsam: Russische Wurzeln, eine deutschsprachige Gegenwart und israelische Zukunftspläne. Wer sie aber in Israel besuchen will, muss von einem Rand zum anderen fahren. Israel ist so breit gar nicht, doch dazwischen liegen Welten.

Dan wohnt am westlichen Rand in Tel Aviv, "die Blase" der Gutbürgerlichen und Yuppies. Chaya lebt am östlichen Ende in Allon Schwut. Eine Siedlung bei Bethlehem. Für die Israelis das Gegenteil von Tel Aviv, aber auch "wie unter einer Glocke". Für Dan und Chaya ist beides neu. Es zog sie hierher in eine neue Heimat. Auch wenn sie an verschiedenen Enden leben, ihre Motive nach Israel zu gehen, sind so verschieden nicht. Vor allem haben beide ein gemeinsames Motiv nicht: Antisemitismus war für beide kein Umzugsmotiv: "Von Flucht kann keine Rede sein."

Wie viele Juden aus deutschsprachigen Ländern nach Israel auswandern, weiß niemand genau. Die Einwanderungsagentur Sochnut zählte 2014 über 200, davon 50 aus Österreich. Aber nicht alle melden sich bei der Sochnut. "Auf jeden Fall gibt es keinen Anstieg der Zahlen wie bei den Juden aus Frankreich, Belgien oder der Ukraine", meint ein Sochnut-Sprecher.

Arbeitsmöglichkeiten

In den deutschsprachigen Ländern hat sich der Antisemitismus noch nicht so offen als terroristisch geoutet. Doch viele Juden haben Verwandte in Israel. Billigflüge, schönes Wetter und Neugier tun das Ihre. Wer den richtigen Beruf hat, den locken heutzutage auch gute Arbeitsmöglichkeiten. Wachsender Antisemitismus ist da kein vordergründiges Motiv. Allenfalls schwebt er im Hintergrund der Migration.

Chaya Tal (23) neben Militärstreife im neuen Wohno… Foto: /Norbert Jessen Deutschsprachige Gegenwart, doch die Zukunft in Israel: Chaya Tal zog von Köln in die Nähe von Bethlehem Dan Feygin bestellt seinen Cappuccino auf Hebräisch. Dabei beherrscht er vorläufig nur die Grundkenntnisse. Die aber akzentfrei. Sprachen lernen hat er gelernt. In Russland erhielt er die Ausbildung zum Dolmetscher. In Deutschland und Österreich schaffte er es zum gefragten Simultan-Übersetzer. Schwerpunkt romanische Sprachen. "Ich bin das, was die Russen einen Kosmopoliten nennen. Stalin hätte mich deswegen nach Sibirien geschickt."

Er kam in den 1990er-Jahren allein nach Deutschland. Hier lernte er Deutsch, hier studierte er Sprachen, und von hier aus wurde die Welt sein Arbeitsplatz. New York, Rom, London – internationale Konferenzen weltweit. "Dafür bin ich Deutschland dankbar." Aber er wird nicht richtig heimisch. In Wien fühlt er sich seit 2005 wohler. "Es hat was. Und es wird auch in Zukunft mein Berufsdomizil bleiben." In Wien läuft eben alles etwas langsamer ab. Höflicher. Wenn er sagt, er fühle sich in Wien älter, meint er das positiv. "Aber deswegen möchte ich in Wien auch nicht alt werden."

Gegensatz zu Wien

Tel Aviv ist der ergänzende Gegensatz zu Wien. Jünger, dynamischer und nicht zum älter fühlen. Dans Arbeit treibt ihn ohnehin ständig in die Welt hinaus. "Meine Anwesenheit ist die meiste Zeit Abwesenheit." Wo auch immer. Da wird Wien zum bequemen Zimmer, in dem Dan zur Ruhe kommt. "In Tel Aviv aber leb’ ich auf."

Dort denkt er ans alt werden. An eine Partnerschaft, an Kinder. Die hätten hier den Rahmen, den er sich wünscht. Er nennt das "russisch-jüdisch". Das findet er in Israel offener zugänglich. Russland, Österreich? Auch sie sind Heimat. Aber von allem, was der Weltbürger an vielen Orten schätzen lernte, findet er in der Stadt am östlichen Mittelmeer so viel vereint wie sonst nirgendwo.

Auch diese "Grundsolidarität" unter Juden. Hier ist er Jude mehr als anderswo, doch ohne es zu spüren. Im Sommer, als die Raketen fielen, half er als Freiwilliger. Mit seinen Sprachkenntnissen nahm er telefonisch Spenden aus aller Welt an. Für Geschenkpakete an die Soldaten. "Ich war überrascht, als sich eine Araberin meldete. Sie sprach von ,unseren‘ Soldaten, die alle in Israel vor den Raketen schützen. Das hat mich tief bewegt."

Damals beschloss er, seine Sympathien für Israel in die Praxis umzusetzen. Er wanderte ein. Dabei nahm er keinen hebräischen Namen an. Vielmehr änderte er seinen russischen Namen in den alten jüdischen Namen seiner Familie um: Feygin.

Chaya Tal wusste sehr viel früher als Dan, dass sie einwandern würde. Auf Hebräisch heißt das "aufsteigen". Mit 13 Jahren, nach dem ersten Besuch, wurde Israel ihr Ziel.

In Köln war sie damals ein Vorzeigebeispiel geglückter Integration. Klassenbeste. Sie spricht nicht Deutsch, sie jongliert es. "Voll integriert, aber niemals wirklich Teil meiner Umgebung." Nicht nur in der Schule nimmt sie kritisch "eine gewisse Oberflächlichkeit wahr. Auch diesen Mangel an Zwischenmenschlichkeit."

Fromme Gebote

Parallel dazu vertieft sie ihr Interesse an Israel. Sie beginnt Hebräisch zu lernen, interessiert sich auch für die religiöse Seite jüdischen Lebens, beginnt die frommen Gebote einzuhalten. "Ich bin in fast allem Autodidakt."

Immer mehr engagiert sie sich in der Gemeindearbeit. Von dort aus knüpft sie Kontakte zu anderen Gemeinden. "Mein Freundeskreis bestand fast nur aus jungen Juden mit russischen Wurzeln." Ihre bis heute säkulare Mutter hatte und hat es nicht einfach mit ihrer Tochter. "Sie fiel aus allen Wolken, als ich den angesehenen Dom-Chor verließ und stattdessen in der Synagoge mitsang."

Auch Chaya nahm bisher keine Hilfe der Einwanderungsagentur an. Sie macht einen Kurs als Fremdenführer. Mit der Abfindungszahlung der Armee, wo sie zwei Jahre in der Presseabteilung arbeitete. "Natürlich am Europa-Desk." Die Sochnut wird aber nächstes Jahr die Studienkosten an der Universität übernehmen. "Etwas mit Nahostwissenschaften."Nebenbei betreibt sie einen Blog im Internet "Ich, die Siedlerin!"

Wann spürten sie antisemitische Feindschaft direkt und persönlich? Dan und Chaya müssen lange nachdenken. Direkt eigentlich gar nicht. "Vielleicht dieser Zwischenfall in der 5. Klasse, als ein Mitschüler aus Tschetschenien etwas sagte, das die rote Linie allzu deutlich überstieg?" Da fuhr aber der Direktor sofort energisch dazwischen.

Dan denkt an die anti-israelische Grundstimmung während der Gaza-Kämpfe. "Irgendjemand behauptete tatsächlich, Israel hätte seine Raketenabwehr nur deshalb entwickelt, um besser palästinensische Kinder morden zu können." Das war direkt – aber persönlich? Nein, Antisemitismus vertrieb sie nicht. Im Gegenteil: Sie fühlen sich weiter in Wien und Köln voll dabei – "in Israel aber ganz dazu".

Österreich

Antisemitische Übergriffe lassen Juden fliehen

WIENER PRATER: BESUCHER
Foto: APA/ROLAND SCHLAGER

In Österreich ist die jüdische Gemeinde wegen antisemitischer Tendenzen zwar alarmiert, aber nicht so in Auswanderungsstimmung wie zum Beispiel in Frankreich. Dort hat die wachsende Zahl an antisemitischen Übergriffen im Vorjahr schon 7000 Juden nach Israel auswandern lassen – doppelt so viele wie 2013. Nach den Terroranschlägen in Paris auf das Satire-Magazin Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt dürfte sich dieser Trend beschleunigt fortsetzen.

Insgesamt erreichte die Zahl jüdischer Auswanderer nach Israel 2014 ein Zehnjahreshoch: 26.500 zogen in den Mittelmeer-Anrainerstaat, das ist um ein Drittel mehr als 2013. Die meisten kamen aus Frankreich, gefolgt von Ukrainern und Russen. Basis dafür ist das "Rückkehrgesetz" aus dem Jahr 1950, das Juden in aller Welt geradezu ermutigt, in das Land ihrer Vorfahren zurückzukehren.

Zuletzt hatte auch Israels Premier Benjamin Netanyahu dazu aufgerufen und sich vor allem an die Juden in Europa gewandt. Nur in Israel seien sie sicher, in Europa würden antisemitische Übergriffe zunehmen. Der Zentralratspräsident der Juden in Deutschland, Josef Schuster, widersprach dem israelischen Regierungschef: Mit Auswanderung spiele man antisemitischen Extremisten nur in die Hände. "Dann hätten die Terroristen schon eines ihrer Ziele erreicht."

(kurier) Erstellt am
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