Jens, der feste Anker in der Tragödie

Gezeigtes Mitgefühl Stoltenberg spendet nach dem Terror Trost.
Foto: APA

Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg galt vor dem Anschlag als kühl und pragmatisch. Nun wurde er zum Helden für das geschockte Volk.

Das Regierungsgebäude in Oslo ist nach dem Bombenanschlag des Attentäters Anders Breivik laut Statikern kaum noch zu retten. Ministerpräsident Jens Stoltenberg ist in ein provisorisches Büro in einem Gästehaus unweit des Königsschlosses ausgewichen. Viel im Büro ist der 52-Jährige seit dem Horror, der Norwegen durch einen norwegischen Bürger mit kruden rechten Ideen überzog, aber nicht. "Jens", wie die Menschen ihren Premier nennen, fuhr nach dem Blutbad auf der Insel Utøya sofort dorthin, um zu trösten. Er nahm Hinterbliebene in den Arm, sprach den Entsetzten Trost zu. Auch politisch reagierte er schnell und besonnen: Keine voreiligen Schuldzuweisungen in Richtung islamistische Terroristen, kein Ruf nach Verschärfung der Befugnisse für die Sicherheitsbehörden. Im Gegenteil: Stoltenberg sprach von mehr Demokratie, Offenheit und Menschlichkeit.

"Ich habe ihn nicht gewählt. Ich fand ihn kühl und pragmatisch, aber ich habe meine Meinung geändert", spricht eine Osloerin aus, was viele Norweger nun denken. Aus dem Karrieristen, der mangels "proletarischem" familiären Hintergrund auch in der eigenen Arbeiterpartei nicht nur Freunde hatte, sei ein Mann von enormer Statur geworden. Er habe Gefühle, gar Tränen gezeigt und - noch wichtiger - so viel Mitgefühl. Worte des Hasses ließ der Mann nicht aufkommen: Dabei wurde er auf der Insel Utøya politisch sozialisiert und hat zwei Kinder im Alter jener, die zu Dutzenden erschossen wurden. Im Zentrum von Oslo verlor er enge Mitarbeiter. Er habe "alles richtig gemacht", attestieren ihm einfache Menschen und Politik-Experten.

In Umfragen vorne

Gezeigtes Mitgefühl Stoltenberg spendet nach dem Terror Trost. Foto: APA Gezeigtes Mitgefühl Stoltenberg spendet nach dem Terror Trost.

Umfragen belegen dies: Stoltenberg, vor Breiviks Wahnsinnstat abgeschlagen auf Platz zwei, ist die Nummer eins in der politischen Landschaft. Beobachter rechnen damit, dass sich dies bei den Kommunalwahlen am 12. September niederschlagen wird. Vor dem Terrorakt war die Fortschrittspartei vorne gelegen. Allein schon, weil das Datum zehn Jahre nach den islamistischen Anschlägen in den USA mit Endlosschleifen der einstürzenden Türme des Word Trade Centers im Fernsehen den Rechtspopulisten in die Hände gespielt hätte.

Nach der Tragödie zollte auch die konservative Zeitung Aftenposten dem Premier Respekt: "Stoltenberg ist zu einem festen Anker für Norwegen geworden ... Er hat es geschafft, Mitgefühl zu zeigen, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen ... Stoltenbergs Linie, die die nationale Linie geworden ist, heißt weiter Offenheit und Demokratie als Antwort auf Terror."

Wie nun bekannt wurde, hatten Angehörige einer Eliteeinheit bereits auf den Attentäter auf der Insel angelegt. Als der aber mit erhobenen Händen dastand, wurde der Schießbefehl in letzter Sekunde zurückgenommen. Der Prozess wird erst nächstes Jahr beginnen.

Zur Person: Jens Stoltenberg

Persönliches Der sozialdemokratische norwegische Ministerpräsident Stoltenberg ist Sohn des renommierten Diplomaten Thorvald Stoltenberg. Der 52-jährige studierte Ökonom und zwischenzeitliche Journalist ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Karriere Stoltenberg war von 1979 bis 1989 Vorstandsmitglied der Jugendorganisation der Arbeiterpartei und hatte später andere hohe Parteifunktionen. Er war Wirtschafts- und Finanzminister. 2000 und dann wieder 2005 wurde er Premier.

(kurier / Livia Klingl) Erstellt am
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