Politik | Ausland
09.08.2017

Jemen: Eine Epidemie inmitten des Krieges

Der Ausbruch der Cholera inmitten des Kriegslandes hat katastrophale Folgen für die Menschen.

Krieg, Hunger und Cholera – abseits der öffentlichen Wahrnehmung findet im Jemen eine Tragödie statt. Die UNO warnt vor der "größten humanitären Katastrophe der Welt". Von den rund 27 Millionen Einwohnern brauchen 20,7 Millionen dringend humanitäre Hilfe; die Hälfte davon Kinder. Sieben Millionen Jemeniten droht akut der Hungertod. Die vom Hunger geschwächten Menschen werden von der rapiden Ausbreitung der Cholera dahingerafft. Beinahe jede Stunde stirbt ein Mensch im Jemen an der Seuche. Es trifft wie immer die Schwächsten: Kinder, Alte, Kranke. Und mit Beginn der Regenzeit und des Schulbeginns im September droht die Zahl der Opfer endgültig zu explodieren. Dabei gibt es schon jetzt mehr als 400.000 registrierte Cholera-Fälle.

Leicht zu behandeln

Cholera ist eine Durchfallerkrankung, die an sich leicht zu behandeln ist. "Das ist keine Hexerei: Es reicht ein Rehydrierungssalz und Zink. Das kann man auflösen und trinken. Schwere Fälle müssen an den Tropf", sagt Wolfgang Jamann, Generalsekretär von Care International. Nachsatz: "Aber dafür musst du es rechtzeitig in eine Gesundheitsstation schaffen", sagt er und erzählt von Müttern, die ihre völlig entkräfteten und halb verhungerten Kinder durch den Bombenhagel, zerstörte Straßen und zermürbende Checkpoint-Kontrollen der Militärs dorthin schleppen. Dort angekommen sei jedoch die Ausrüstung "oft jämmerlich. Es ist wirklich bitter".

Schlechte Ausstattung

Bei seiner jüngsten Jemen-Reise, erzählt der Deutsche im Gespräch mit dem KURIER, war er in einer Gesundheitsstation in Hajjah, der Provinz mit der zweithöchsten Rate an Cholera-Fällen. "Ärzte und Krankenschwestern wurden seit acht Monaten nicht mehr bezahlt. Sie kommen trotzdem, weil sie ihre Mitbürger nicht im Stich lassen wollen. Und dann haben sie gerade einmal 50 Packungen der Salzlösung, und in jedem Dorf rund herum gibt es Cholera-Fälle."

Care ist trotz enorm schwieriger Bedingungen in neun der zwölf Provinzen aktiv, hilft beim Aufbau von Infrastruktur und bei der Versorgung mit Trinkwasser. "30 Prozent des Wasserbedarfs kann durch uns abgedeckt werden", berichtet Jamann. Allerdings bleibt vielen Jemeniten nur das verschmutzte Wasser aus Flüssen und Teichen, und selbst davon "ist nicht mehr viel da".

Hilfe zur Selbsthilfe

Als stolze Menschen beschreibt Jamann die Jemeniten, vor allem vor den Frauen hat er großen Respekt. "Sie sitzen nicht am Straßenrand und betteln. Sie packen zu, wenn man ihnen eine Chance bietet, sich selbst zu helfen." Mit dem Programm "Geld für Arbeit" unterstützt Care Dorfgemeinschaften beim Aufbau von Schulen oder Straßen. Damit bekommen die Menschen ein Einkommen, mit dem sie sich Lebensmittel kaufen können, und zugleich dringend benötigte Infrastruktur.

Alle Hilfsorganisationen, die in dem Land im Einsatz sind, tun ihr Bestes, aber das reicht nicht. Jamann fordert von der internationalen Gemeinschaft, dass sie Druck auf die Kriegsparteien macht, dass Helfer und nötige Hilfsgüter in den Jemen gelassen werden. "Den Verantwortlichen für die Tragödie ist die Zivilbevölkerung egal, aber uns kann sie nicht egal sein", sagt er und erzählt von einer Jemenitin, die ihm bitter vorgeworfen hat: "Würden sich Millionen von uns auf den Weg nach Europa machen, würdet ihr uns helfen."

Spendenkonto Katastrophenhilfe CARE Österreich: IBAN: AT77 6000 0000 0123 6000 oder auf www.care.at

Bomben aus dem Himmel, Kämpfe auf dem Boden, Landminen unter der Erde und die Cholera mitten in der Bevölkerung – im Jemen ist der Tod allgegenwärtig. Seit 2015 tobt der Bürgerkrieg im südlichen Staat der arabischen Halbinsel. Mehr als 10.000 Menschen haben bisher ihr Leben verloren.

Das krisengebeutelte Land ist Austragungsfläche im Machtkampf zwischen dem sunnitischen Saudi-Arabien und dem schiitischen Iran, die ihre Pendenten im Jemen instrumentalisieren. Eine von Saudi-Arabien geführte Allianz arabischer Staaten kämpft mit dem exilierten Präsident Hadi gegen die schiitische Gruppe der Huthi, die die Hauptstadt Sanaa kontrolliert.

Die Huthi sind eine schiitische Minderheit, die mehr als tausend Jahre über den nördlichen Jemen herrschte. Sie kämpfen bereits seit 2004 mit iranischer Unterstützung gegen die jemenitische Armee, da sie sich politisch, wirtschaftlich und religiös von der sunnitischen Staatsführung ausgegrenzt fühlen.

MachtvakuumWie in Syrien aber nutzen Terrororganisationen das entstandene Machtvakuum. Die „Al Kaida auf der Arabischen Halbinsel“ (AQAP), die als gefährlichster und stärkster Zweig der al-Kaida gilt, ist bereits seit mehr als 15 Jahren im Land aktiv und kontrolliert ganze Landstriche. Doch auch die Terrormiliz „Islamischer Staat“ fasste im Jemen Fuß.

Im Zuge des Arabischen Frühlings fanden 2011 auch im Jemen pro-demokratische Demonstrationen statt, worauf der langjährig amtierende Präsident Saleh zum Rücktritt gezwungen und Hadi eingesetzt wurde. Doch 2014 wurde Sanaa, die Hauptstadt Jemens, ohne großen Widerstand von den Huthi eingenommen, worauf Hadi nach Saudi-Arabien ins Exil ging. Es kam zum Bürgerkrieg und die Infrastruktur brach zusammen.

Hadi bemüht sich seither, mit militärischer Hilfe Saudi-Arabiens und dessen Militärallianz das Land unter Kontrolle zu bekommen. Logistisch wird die Allianz von den USA unterstützt.

Ein weiterer Akteur in diesem Konflikt sind die Südjemeniten, die ihre 1990 verlorene staatliche Eigenständigkeit zurückfordern. Militärisch ist die „Südliche Bewegung“ auf Saudi-Arabien angewiesen und tritt somit auch für die Wiederkehr Hadis ein. Dies unterstreicht zusätzlich die Komplexität der Lage im Armenhaus der Arabischen Halbinsel, wo ein bitterer Machtkampf mit kräftigem Zutun von Außen tobt – ohne Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.
- Theresa herzog