Ort des Anschlags in Bagdad

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Irak
07/04/2016

Bagdad: Zahl der Todesopfer bei IS-Anschlag steigt auf 213

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" bekannte sich zum schwersten Anschlag in der irakischen Hauptstadt seit Monaten.

Die Zahl der Todesopfer des Terroranschlags auf ein beliebtes Einkaufsviertel in Bagdad ist auf mindestens 213 gestiegen. Mehr als 300 Menschen seien zudem verletzt worden, einige davon schwer, hieß es am Montag aus dem irakischen Gesundheitsministerium.

Die Bombe des bislang schwerstes Anschlags in diesem Jahr in Bagdad war am Sonntagmorgen in dem Stadtteil Karada explodiert. Die heftige Detonation und ein anschließendes Feuer zerstörten mehrere Gebäude fast vollständig. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich in einer Erklärung zu dem Attentat.

Der irakische Ministerpräsident Haidar al-Abadi verkündete nach dem Anschlag eine dreitägige Staatstrauer. Er ordnete zudem neue Sicherheitsmaßnahmen an. So befahl er dem Innenministerium, Fahrzeuge an den Straßen in die irakische Hauptstadt schärfer zu kontrollieren.

Gegen Schiiten

Der Sprengsatz explodierte in dem belebten Geschäftsviertel Karrada, wo wegen der bevorstehenden Feierlichkeiten zum Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan viele Menschen ihre Einkäufe erledigten. Der IS erklärte laut dem auf die Beobachtung islamistischer Websites spezialisierten US-Unternehmen SITE, der Selbstmordanschlag habe sich gegen Schiiten gerichtet. Die sunnitische IS-Miliz verübt immer wieder Anschläge auf Zivilisten in Bagdad und anderen irakischen Städten.

Am Anschlagsort waren zahlreiche Helfer im Einsatz. Männer bargen zwei Leichen aus einem brennenden Gebäude. Feuerwehrleute löschten den Brand, der sich durch die Detonation entzündet hatte. Überall lagen Trümmerteile herum.

Ministerpräsident Haider al-Abadi besuchte den Anschlagsort und versprach nach Angaben seines Büros, die für die Tat Verantwortlichen würden "bestraft". Der Regierungschef zog sich aber wegen der Wut der Anrainer schnell wieder zurück, wie die unabhängige Webseite Alsumaria News berichtete. In einem im Internet verbreiteten Video waren unterdessen irakische Bürger zu sehen, die ihrem Ärger über Unfähigkeit der Regierung Luft machten, derartige Taten zu verhindern. Sie warfen Steine auf einen Autokonvoi, in dem sich den Angaben zufolge Abadi befand.

Zweiter Sprengsatz auf gut besuchtem Markt

Ein weiterer Sprengsatz detonierte am Sonntag auf einem ebenfalls gut besuchten Markt im Schiiten-Viertel Al-Shaab im Norden von Bagdad. Dort wurden nach Angaben aus Polizeikreisen mindestens zwei Menschen getötet.

Der IS hatte 2014 die Kontrolle über weite Teile des Irak übernommen. In der Folge ging die Zahl der Anschläge in Bagdad zurück - offenbar konzentrierten sich die Jihadisten auf ihre Gebiete nördlich und westlich der Hauptstadt. Zuletzt verlor der IS aber einige Gebiete wieder, vor einer Woche eroberte die irakische Armee auch die Stadt Falluja 50 Kilometer westlich von Bagdad zurück. Die Regierung feierte die Rückeroberung der IS-Hochburg als großen Erfolg.

Falluja

Die Eroberung von Falluja war von US-gestützten Luftangriffen unterstützt worden. Am Freitag verkündeten die USA zudem die Tötung zweier IS-Kommandanten im Irak. Diese seien bei einem Luftangriff nahe Mossul getötet worden, der letzten noch vom IS kontrollierten irakischen Großstadt. Die irakischen Truppen und ihre Verbündeten konzentrieren sich derzeit auf die Befreiung von Mossul.

Der Anschlag in Karrada vom Sonntag ist der bisher blutigste Anschlag in Bagdad heuer. Er ist zudem der erste größere Angriff des IS in der irakischen Hauptstadt, seit bei einem Doppelanschlag am 17. Mai fast 50 Menschen getötet und mehr als hundert weitere verletzt wurden.

Wegen der unzähligen Fahrzeuge, die täglich die Stadtgrenzen von Bagdad passieren, sind solche Anschläge kaum vermeidbar. Hinzu kommt, dass die Sicherheitskräfte noch immer nicht funktionierende Bombendetektoren verwenden, die ein britischer Geschäftsmann einst an den Irak verkaufte.

Anschläge werden blutiger

Istanbul, Brüssel, Kabul, Bagdad. Nahezu im Wochentakt erschütterten Selbstmordattentate weltweit die Öffentlichkeit. Es sind vor allem "weiche Ziele" wie Flughäfen oder belebte Einkaufsstraßen, die von den Terroristen des IS gegenwärtig ins Visier genommen werden – mit dem Ziel: so viele zivile Opfer wie möglich.

Aber was geht in den Köpfen von Selbstmordattentätern vor? Warum entschließen sich vor allem junge Männer, mit ihrem Selbstmord unschuldige Menschen mit in den Tod zu reißen?

Der israelische Psychologe Ariel Merari von der Universität Tel Aviv hat für sein Buch "Driven to Death" (Verlag: Oxford University Press) die Psyche von vornehmlich palästinensischen Selbstmordattentätern untersucht. Er hat Täter getroffen, deren Bomben nicht explodiert waren, und Hintermänner befragt. Im KURIER-Gespräch erklärt er die Psyche der Täter und zeichnet ein düsteres Bild für die Zukunft.

KURIER: Herr Professor, wie erforscht man das Wesen von Selbstmordattentätern?

Ariel Merari: Das ist natürlich nicht einfach, aber wir haben zum einen Familien, aber auch Freunde und Bekannte verstorbener Attentäter befragt, und zum anderen 15 Männer, deren Anschläge fehlschlugen, weil sie es sich kurz zuvor anders überlegten, oder weil der Sprengsatz nicht funktionierte. Außerdem haben wir einige Hintermänner von Selbstmordanschlägen getroffen, die in Haft sitzen.

Gibt es einen bestimmten Typus von Attentätern?

Bisher dachte man, dass Selbstmordattentäter sehr unterschiedliche Persönlichkeiten sind, aber wir konnten in unseren Studien typische Persönlichkeitsprofile feststellen. So haben wir herausgefunden, dass viele Attentäter ein sehr geringes Selbstbewusstsein haben, sie können Autoritätspersonen gegenüber nur sehr schwer Nein sagen. Wir bezeichnen diesen Typus als abhängig-vermeidend. Rund 60 Prozent der Attentäter fallen in diese Kategorie. Dann gibt es noch den impulsiven Typ, zu dem etwa 20 Prozent zählen: Diese Personen sind emotional sehr instabil.

Was motiviert einen Menschen, sich selbst zu töten mit dem Ziel, so viele unschuldige Menschen, wie möglich mit in den Tod zu reißen? Sind das alles religiöse Fanatiker?

Nein. Wir müssen unterscheiden: Bei den palästinensischen Selbstmordattentätern waren es überwiegend politische Motive, die Religion war hier nur ein Vehikel. Man verfolgte mit der Unabhängigkeit von Palästina ein klares politisches Ziel, die Attentäter waren oder sind bis heute Volkshelden. Der IS gibt hingegen religiöse Ziele an. Er will den Westen bestrafen. Es geht hauptsächlich um größtmögliche Zerstörung. Aber bei den meisten Attentätern handelt es sich nicht um religiöse Fanatiker. Und nur ein sehr geringer Prozentsatz von Muslimen steht hinter IS-Terroristen.

Warum entschließt sich ein junger Mensch, seinem Leben so ein Ende zu setzen? Wie wird er beeinflusst, trifft er die Entscheidung selbst?

Es gibt die Theorie, dass sich muslimische Selbstmordattentäter in erster Linie selbst umbringen wollen. Und weil der Suizid im Islam verboten ist, sehen sie im Märtyrertod den einzigen Weg. Das heißt, ihr Suizid im Namen des Dschihad bekommt für sie so eine andere Bedeutung. Es wird also sozial etwas akzeptiert, was im Islam eigentlich verboten ist. Wir haben herausgefunden, dass viele Attentäter psychisch labil waren und oft keinen Ausweg mehr sahen, oftmals aus unerfüllter Liebe, Problemen im Job, Depressionen. Rund 40 Prozent der Attentäter waren suizidgefährdet. Wir haben einen verhinderten Attentäter befragt, der sagte, ich wollte nur sterben, egal wie, und egal, ob ich in den Himmel oder in die Hölle komme.

Es handelt sich also oftmals um eine Art erweiterter Selbstmord?

Ja. Und der eigene Tod lässt sich so auch noch glorifizieren.

Eine Reihe von Attentaten wie in Paris oder Brüssel oder jetzt in Istanbul wird gleichzeitig von mehreren Attentätern durchgeführt. Wie lässt sich das erklären?

Der Gruppendruck spielt eine sehr wichtige Rolle. Die Attentäter agieren meist in einer Gruppe, es gibt einen dominanten Führer, der über alles entscheidet, es entsteht eine Art Kult. Die Attentäter gehen innerhalb dieser Gruppe eine Art Vertrag ein, dass sie sich für die Sache opfern.

Melden sich die Attentäter in der Regel freiwillig, oder werden sie rekrutiert?

Etwa die Hälfte meldete sich freiwillig, die anderen wurden rekrutiert und dann manipuliert. Selbstmordattentäter handeln nie allein, sondern immer aus einer Gruppe oder einer Organisation heraus.

Das eine ist der Entschluss, sich selbst zu opfern, das andere die Durchführung. Sind die Attentäter frei von Angst? Was geht in ihnen vor?

Rund 60 Prozent der Männer sagten, sie hätten große Zweifel gehabt. Je näher der Zeitpunkt zu sterben kam, desto größer sei ihre Angst geworden. Wir kennen das aus zahlreichen psychologischen Studien. Das erklärt auch, warum rund 60 Prozent der Attentäter es sich in letzter Minute anders überlegen und aussteigen.

Es ist nahezu unvorstellbar, also der Moment, wo der Attentäter die Bombe zündet, im Bewusstsein, dass er gleich selbst stirbt und Dutzende Menschen mit in den Tod reißt.

Ich habe mit einem Mann gesprochen, dessen Zünder nicht funktionierte. Er erzählte, dass er große Angst hatte und auf dem Weg zur Bushaltestelle, wo er sich in einem Bus in die Luft sprengen wollte, über Kopfhörer Koranverse hörte. Er erzählte uns, dass er rekrutiert worden war. Die Furcht sei von Tag zu Tag schlimmer geworden. Aber als er dann in den Bus stieg, muss etwas mit ihm passiert sein. Seinen Angaben nach kann er sich an nichts mehr erinnern. Das ist durchaus glaubhaft. Fahrgäste erzählten später, was dann geschah: Der Attentäter versuchte in der Mitte des Busses die Bombe zu zünden. Aber es funktionierte nicht. Er drückte immer wieder auf den Knopf, die Fahrgäste versuchten ihn zu überwältigen, er schrie, biss und kratzte. Er muss in einem anderen Bewusstseinszustand gewesen sein. Psychologen nennen das dissoziativ: Sie lösen sich von der Welt.

Was weiß man über die Hintermänner?

Ich habe mit einigen gesprochen, sie waren gebildeter und älter als die ausführenden Attentäter, hatten oft einen Universitätsabschluss. Sie sagten alle, die Attentäter hätten sich alle freiwillig gemeldet. Aber das stimmt natürlich nicht, wie wir wissen. Sie hatten junge Menschen dazu gebracht, Unschuldige zu töten. Dabei wussten sie genau, was sie taten – sie waren sehr berechnend und keine Psychopathen. Überraschend für mich: Fast alle gaben an, dass sie sich selbst nie als Selbstmordattentäter zur Verfügung gestellt hätten.

Glauben Sie, dass die Attentate mehr werden?

Ja. Je mehr der IS in die Enge getrieben wird, desto öfter werden sie zuschlagen. Ich bin da sehr pessimistisch, die Anschläge werden immer blutiger werden. Der IS kennt keine moralischen Grenzen.

Geschichte von Attentaten: Antike bis Neuzeit

Das Opfer des eigenen Lebens für ein politisches Ziel war nicht immer islamistisch motiviert. Frühe Selbstmordattentate gab es auch schon in der Antike. Im Alten Testament im Buch der Richter, wird ein Selbstmord- attentat von Samson beschrieben. Im Zweiten Weltkrieg waren es die Angriffe der japanischen Kamikazeflieger. Am 21. März 1943 versuchte der Wehrmachtsoffizier Rudolf-Christoph Frhr. v. Gersdorff Adolf Hitler durch ein Selbstmordattentat zu töten. Islamistisch motivierte Selbstmordattentate gibt es seit den frühen Siebzigerjahren.

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