Iran
05/08/2014

Iranerinnen wagen auf facebook die Freiheit ohne Kopftuch

Im Netzwerk präsentieren sich Dutzende Frauen unverhüllt. Der Konflikt um die streng islamischen Kleider- und Benimmregeln eskaliert zunehmend.

von Konrad Kramar

Für moderne, westlich orientierte Frauen im Iran ist es ein täglicher Kampf um Zentimeter. Stück für Stück wandert das Kopftuch nach hinten, der Haaransatz, der in der Öffentlichkeit eigentlich unsichtbar zu sein hat, zeigt sich. Solange, bis die Sittenwächter der Polizei auf den Frevel aufmerksam werden und einschreiten.

Doch im Internet gehen nun einige mutige Iranerinnen einen entscheidenden Schritt weiter. Sie präsentieren sich im sozialen Netzwerk facebook ("stealthy freedom") ganz ohne Kopftuch oder Schleier – und sind dabei erstaunlich ideenreich. Hat sich eine der Damen die antike Königsstadt Persepolis ausgesucht, um sich mit offenen Haaren fotografieren zu lassen, zeigt sich eine andere direkt vor einem Schild, das das Tragen des Hedschab, also der Verschleierung, vorschreibt. "Freiheit, die nur einige Sekunden andauert", schreibt die Frau in Persepolis unter ihr Foto. "Haben die Behörden je darüber nachgedacht, warum Frauen ihr Kopftuch genau vor einem Verbotsschild abnehmen?", kommentiert die andere ihre kleine, private Rebellion.

hijab4.jpg

hijab7.jpg

hijab8.jpg

hijab2.jpg

hijab9.jpg

hijab10.jpg

hijab5.jpg

hijab6.jpg

Freiheit nur privat

Doch selten ist das Private so politisch, wie im Konflikt um Kleidungs- und Benimmvorschriften im Iran. 1979, unmittelbar nach der islamischen Revolution eingeführt, haben sie das Leben vor allem der bürgerlichen Iranerinnen von Grund auf verändert. Das Leben, wie sie es sich vorstellen – also ohne Kopftuch, mit westlicher Musik, aber auch mit sexuellen Beziehungen ganz gegen die Vorschriften der Mullahs – findet nur im privaten Bereich, hinter fest verschlossenen Türen statt.Wie die Führung des Gottesstaates mit diesen Unsitten umgeht, hängt davon ab, welche Gruppe politisch das Sagen hat. Ließ der konservative Präsident Ahmadinejad die Sittenwächter wieder verstärkt in den Städten ausschwärmen, um die strengen islamischen Benimmregeln durchzusetzen, gibt sich sein Nachfolger Rohani wieder gemäßigter. Gleich nach seiner Wahl im Vorjahr rief er die Sittenwächter auf, sich zurückzuhalten und versprach den Iranerinnen, dass sie auf der Straße nicht mehr belästigt würden.
Seither wagen sich viele Frauen deutlich freizügiger auf die Straße. Die Kleider werden bunter und figurbetonter und die Kopftücher sitzen vor allem bei jungen Iranerinnen gerade noch am Hinterkopf.

Den Konservativen geht die neue Freiheit deutlich zu weit. Tausende von ihnen sind am Mittwoch in Teheran auf die Straße gegangen, um für "Keuschheit, das Tragen des Schleiers und moralische Sicherheit" zu demonstrieren. Sie, die schon Rohanis Versöhnungskurs mit dem Westen von Beginn an mit Argwohn verfolgt haben, warnen vor der wachsenden Unmoral in der Gesellschaft, "bevor es zu spät ist".

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.