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Reportage
04/26/2014

Junge Iraner träumen vom Westen

Die Jugend träumt vom Westen und von einem Ende des Einflusses, den der Staat auf ihr Leben hat.

von Konrad Kramar

Nein, über seinen Präsidenten will Farrouk eigentlich nicht reden, auch wenn dieser Hassan Rohani den Reporter aus dem Westen anscheinend am meisten interessiert. Der Elektronikstudent will die seltene Gelegenheit lieber dafür nützen, um endlich zu erfahren, was er persönlich am dringendsten von dort – aus dem Westen eben – wissen möchte: "Glaubt Ihr eigentlich wirklich, dass wir im Iran alle Terroristen sind?"

Fragen wie diese beschäftigen viele junge Iraner. Das Internet – oft sind es Websites von Exiliranern in den USA – liefert ihnen ja das Bild, das man dort von ihrem Land zeichnet, nach Hause: Vom autoritären Mullah-Regime, seinem Atomprogramm und seinem internationalen Netzwerk. Sich selbst, ihr Leben, und vor allem das Leben, das sie gerne leben würden, finden sie darin nicht wieder.

Thema Auswandern

Nicht umsonst ist gerade unter den gut Ausgebildeten Auswandern das große Thema. Am liebsten dorthin, wo es reichlich von all dem gibt, um das sie täglich kämpfen müssen: Die Chance auf einen Job, bei dem man endlich seine Ausbildung einsetzen kann, freien Zugang zum Internet und zu sozialen Medien, oder ganz einfach westlichen Lebensstil. Denn den kann man sich in ihrem Heimatland nur irgendwie zusammenbasteln.

Ein T-Shirt einer westlichen Marke wird da als Prunkstück ausgeführt, kostet doch sogar die Fälschung aus der Türkei hier Unsummen. Mitgliedschaften auf facebook oder instagram werden dem Gast stolz präsentiert. Schließlich braucht man ziemlich viele computertechnische Tricks, um sich an den Sperren und Verboten im Gottesstaat herumzumogeln. Zum Glück hat hier scheinbar jeder junge Iraner ein Technikgenie, das diese Tricks im kleinen Finger hat, als Bekannten.

Doch von Vorschriften und Verboten der Mullah-Regierung will sich die Großstadt-Jugend ohnehin nicht mehr aufhalten lassen. Wer regelmäßig in den Iran reist, merkt, wie diese Gesellschaft Jahr für Jahr liberaler wird, ganz unabhängig davon, wer Präsident ist.

Die Revolutionswächter, die früher Händchen haltende Paare auf der Straße ermahnten oder sogar abstraften, machen sich kaum noch bemerkbar. In der Altstadt von Isfahan läuft ein Flirtbasar wie in einer US-Teenagerkomödie. Da paradieren die Mädchen in Gruppen durch die Gassen, tippen mit lackierten Fingernägeln im Takt auf ihren Handys, kichern und freuen sich sichtlich, wenn ihnen die Burschen hinterher pfeifen.

Cafés und Bars sind teuer und für die meisten ein seltenes Vergnügen. Treffpunkte sind daher Plätze und Parks. Etwas zu trinken hat man dabei, alkoholfrei selbstverständlich. Natürlich, so erzählen viele wichtigtuerisch, wisse man genau, wo es Bier und Whiskey zu kaufen gebe. Getrunken wird der aber nur hinter verschlossenen Türen. Persische Partys, vertraut man sich hier stolz dem Ausländer an, "sind umso besser, je geheimer sie sind."

Das Leben, das sich viele Junge hier erträumen, findet hinter verschlossenen Türen statt: Dort, wo das Mullah-Regime mit seinen Vorschriften keinen Zutritt hat. Denn das, darüber klagen hier viele, mische sich ohnehin ständig ins Leben seiner Bürger ein. "Ganz oben, auf den wichtigen Posten, sitzen Leute, die keine Ahnung haben, einfach weil sie die Verwandten von irgendeinem einflussreichen Ayatollah sind", schildert eine Gruppe junger Ärztinnen aus Shiraz ihre ersten Erfahrungen im Berufsleben. Im Iran müsse man Teil eines einflussreichen Clans sein, eines Netzwerks, und am mächtigsten sei das um den religiösen Führer Ali Khamenei. "Und das", meint Azar, eine der Medizinerinnen, resigniert, "wird sich auch unter Präsident Rohani nicht ändern. Der kann nämlich nicht viel machen."

"Nicht viel geändert"

Dass der neue Staatschef im Ausland auf so viel Begeisterung stößt, freut viele der Jungen, aber verstehen können sie es nicht ganz. "Sympathisch, nett", das sind oft die etwas verlegenen Beschreibungen, die man auf Nachfrage zu hören bekommt, aber: "Was findet ihr eigentlich so toll an ihm?" fragt Elektronikstudent Farrouk. Mit ihrem Leben, ihren Hoffnungen, ihren täglichen Schwierigkeiten, die das Land ihnen aufhalst, habe der lächelnde Ayatollah nicht viel zu tun.

Dass der Präsident und sein Außenminister Zarif auf twitter und facebook auftauchen würden – und damit eigentlich gegen ein offizielles Verbot verstoßen – das sei schon lustig: "Aber was ändert das daran, dass in unserer Wirtschaft nichts funktioniert?" Alles müsse hintenherum, über Bekannte, Beziehungen, Schmiergeld gemacht werden. "Bei uns nennt man den Präsidenten und seine Leute inzwischen ,Die Regierung der Hoffnung‘, denn geändert hat sich bis jetzt noch nicht viel – aber, wer weiß", sagt Farrouk.

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