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Politik Ausland
01/08/2016

In Hongkong verschwinden Verlagsmitarbeiter

In der ehemaligen britischen Kronkolonie geht unter Verlegern und Buchhändlern die Angst um.

Unter Verlegern und Buchhändlern in Hongkong herrscht nach dem Verschwinden mehrerer Kollegen blankes Entsetzen. "Wenn das zur Regel wird und Menschen jederzeit von hier einfach verschleppt werden können, dann ist das ein riesiger Rückschlag", sagt Jin Zhong, der in Hongkong Bücher publiziert, die auf dem chinesischen Festland verboten sind - ebenso wie die mutmaßlich entführten Kollegen.

Allgemein wachsen in der ehemaligen britischen Kronkolonie die Zweifel am Wert der Zusage Pekings, Hongkong noch bis 2047 einen Sonderstatus nach dem Motto "Ein Land, zwei Systeme" zu garantieren.

Entführungen vermutet

Am Sonntag gingen in Hongkong Demokratieaktivisten aus Protest gegen die mutmaßliche Entführung der fünf Männer auf die Straße. Er vermute, dass chinesische Sicherheitsleute die fünf Beschäftigten des Verlagshauses Mighty Current entführt hätten, sagte der Abgeordnete Albert Ho von der Demokratischen Partei. Die Entführung stehe mutmaßlich im Zusammenhang mit einem von dem Verlag geplanten Buch über eine ehemalige Geliebte des chinesischen Präsidenten Xi Jinping.

Der Verbleib der Verlagsangestellten ist unklar. Vier kehrten von Reisen in den Süden Chinas und nach Thailand nicht zurück und gelten seit Oktober als vermisst.

Verleger direkt aus Hongkong verschwunden

Die größten Sorgen bereitet dem Verleger Jin aber der Fall des Fünften, Lee Bo. Der 65-jährige Verleger verschwand vergangene Woche vermutlich direkt aus Hongkong. So etwas sei noch nie zuvor geschehen, sagt Jin. Offiziell haben chinesische Agenten kein Recht, in der Stadt zu agieren.

Lees Frau hatte am Wochenende berichtet, ihr Mann sei am Mittwoch nicht zum Abendessen gekommen. In einem Telefonat aus der benachbarten Stadt Shenzhen auf dem chinesischen Festland habe er ihr gesagt, dass er wegen "Mithilfe bei einer Untersuchung" nicht so bald zurückkommen werde.

Zweifel an Versprechen Chinas

Am Donnerstag gab es neue Berichte, dass Agenten vom Festland zwei Verleger in Hongkong unter Druck gesetzt hätten, die Bücher über politische Intrigen im kommunistischen China vertrieben hätten. Die Agenten hätten für die Vernichtung von Büchern bezahlt.

Angesichts zunehmender Einmischung Pekings in die Politik und das Bildungswesen Hongkongs wachsen dort die Zweifel an den 1997 gegebenen Versprechen bei der Übergabe. "Wir stehen am Scheideweg - wenn wir das tolerieren, wird es schlimmer werden", sagt der demokratische Abgeordnete Kwok Ka Ki. "Daher haben wir keine andere Wahl als Nein zu sagen."

Im Hinblick auf die jüngsten Vorfälle befürchtet die Demokratiebewegung eine Einschränkung der Rede- und Meinungsfreiheit. Gemäß einer Wahlrechtsreform sollen die Hongkonger Bürger 2017 erstmals ihren Verwaltungschef wählen, doch behielt sich Peking das Recht vor, die Kandidaten auszuwählen. An den Protesten dagegen, die sogenannte Regenschirm-Revolution, nahmen 2014 zehntausende Menschen teil. Die Demokratiebewegung fordert freie Wahlen in der jetzigen chinesischen Sonderverwaltungszone.

Titel verschwinden aus den Regalen

"Als eine freie Gesellschaft sollten wir in der Lage sein, eine offene Plattform für unterschiedliche Stimmen in Hongkong zu bieten", sagt Paul Tang, Besitzer eines Buchgeschäfts. Auch er verkauft auf dem Festland verbotene Titel. Von "Terror" spricht Tang angesichts der jüngsten Ereignisse. "Keiner von uns weiß, wie weit das noch gehen wird."

Dutzende Buchläden vertrieben bisher Bücher, die auf dem Festland nicht erhältlich sind. Die Mehrheit der Käufer kommt von dort - vom einfachen Bürger bis hin zu Parteivertretern, die sich für die als "Staatsgeheimnisse" geltenden Affären und Intrigen der Mächtigen interessieren.

Seit den jüngsten Ereignissen sind viele Titel aus den Regalen verschwunden. Einige Läden erhielten entsprechende Anweisungen von nicht näher benannten Quellen, andere taten es offenbar aus Angst freiwillig. Tang weigert sich noch, klein beizugeben. Doch ganz furchtlos ist auch er nicht. "Wenn eines Tages jemand zu mir kommt und mir sagt, dass meine persönliche Sicherheit bedroht ist, werde ich keine Wahl haben und aufhören müssen."