Politik | Ausland
20.09.2017

"In der Türkei gibt es keine Freiräume mehr"

Die türkische Journalistin Banu Güven im KURIER-Interview über Verfolgung, Bedrohung, Erdoğan, und was sie von Europa erwartet.

Ihre Anstellung hat sie längst verloren, weil sie ihren Job als Journalistin ernst nahm und auch die türkische Regierung unter Präsident Erdoğan kritisierte. Den Mund lässt sich Banu Güven aber auch jetzt nicht verbieten, trägt ihre Meinung via Facebook, Twitter und Co. in die Öffentlichkeit – stets mit dem Bewusstsein lebend, verhaftet zu werden. Denn: "In der Türkei gibt es keine Freiräume mehr", sagt sie zum KURIER.

"Wir waren in einer WhatsApp-Gruppe. Als ein Mitglied von uns, eine Menschenrechtlerin, verhaftet wurde, hatten sie alle unsere Namen. Mit Foto fanden wir uns dann in regierungsnahen Zeitungen wieder", beschreibt die engagierte Frau die Hexenjagd auf Andersdenkende, die als "Terroristen" bzw. "Terror-Unterstützer" angeprangert würden.

"Hass-Kampagne"

Sie selbst sei physisch noch nicht attackiert, aber im Netz "sexistisch und faschistisch" angegriffen und bedroht worden. Sie spricht von einer "Hass-Kampagne".

Klein beigeben will Güven aber keinesfalls. Man müsse Unrecht aufzeigen und den Kollegen im Gefängnis signalisieren, dass sie nicht alleine seien. Vor allem für die eigene Familie sei das nicht immer leicht. "Meine Mutter ruft mich jetzt täglich an, um mir zu sagen ,pass auf dich auf’. Ich bin 30 Jahre lang Journalistin und war früher auch in den Krisengebieten des Mittleren Ostens. Da war die Mutter nicht so in Sorge um mich wie jetzt", erzählt die Frau. Zugleich aber "sind unsere Familien stolz auf uns", so Güven, die Deutsch spricht und sich als freie Journalistin für deutsche und schweizerische Medien durchschlägt.

"50 Prozent gegen Erdoğan"

Von Europa erhofft sich die Intellektuelle, die auf Einladung der entwicklungspolitischen NGO VIDC in Wien weilt, eine stärkere Unterstützung der Zivilgesellschaft im Land am Bosporus. "Die Türkei ist nicht gleich Erdoğan. Die Hälfte der Bevölkerung ist gegen ihn – auch wenn das keine homogene Gruppe ist."

Dass die EU die Beitrittsgespräche mit Ankara offiziell auf Eis legt, hielte Güven ebenfalls für hilfreich, wobei Erdoğan auch in diesem Fall keine Kurskorrektur einleiten würde. Dies könnte nur dann erfolgen, wenn Deutschland mit wirtschaftlichen Konsequenzen drohte.