Fidel Castro ist tot

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Fidel Castro
11/26/2016

Ikone und Satan: Fidel Castro ist tot

Fidel Castro wurde für seine sozialen Reformen gelobt, für den Aufbau einer Diktatur auf Kuba gehasst .

von Ulrike Botzenhart

Er überlebte zehn US-Präsidenten im Amt, zig Mordanschläge und schwere Krankheiten: Freitagabend starb der kubanische Revolutionsführer Fidel Castro im Alter von 90 Jahren. Sein Bruder, Staatschef Raul Castro (85), überbrachte der Welt die Todesnachricht und rief eine neuntägige Staatstrauer aus.

Die Stimmung auf der Insel ist geteilt, die einen weinen echte Tränen, die anderen falsche, um der Obrigkeit nicht aufzufallen, und ganz wenige finden klare Worte gegenüber ausländischen Journalisten. "Gut, dass er tot ist. Jetzt fehlt nur noch der Bruder", sagt etwa Jorge Gonzalez (22) in Havanna. "Fidel, Tyrann, nimm deinen Bruder mit", riefen Exil-Kubaner, die jubelnd und tanzend durch Miami zogen.

Castro war der längstdienende Staatschef der Erde, der letzte Revolutionär des 20. Jahrhunderts und, wie eine spanische Zeitung einmal schrieb, dank seiner Persönlichkeit der "sympathischste Diktator der Welt". Castro sah sich als unermüdlichen Kämpfer für Gerechtigkeit und gegen den US-Imperialismus. Der mitreißende Redner, der in seinen besten Zeiten bis zu zehn Stunden hinter dem Pult aushielt, wurde zum Idol der Linken und Vorbild der Linkspopulisten, vor allem in Lateinamerika.

Eiserne Faust

Seine Kritiker zeichnen ein anderes Bild vom früheren "Comandante en jefe": Es zeigt einen Diktator mit eiserner Faust, umgeben von einem verschworenen Führungszirkel, einen Herrscher, der Dissidenten verfolgte, Konterrevolutionäre hinrichten ließ und weder Opposition, Wahlen noch freie Medien duldete. Der sein Land wirtschaftlich in die Sackgasse führte und Zehntausende in die Emigration trieb.

Auf diese dunkle Seite der Macht verwies am Samstag Nationalratspräsidentin Doris Bures: "Die Welt gedenkt heute einer Persönlichkeit, die – trotz Schattenseiten – für viele Menschen die Hoffnung auf eine gerechtere Welt verkörperte." Bures sprach von "Verletzungen und Einschränkungen demokratischer und menschenrechtlicher Grundwerte".

Die Motive der Revolution verdienten Anerkennung, sagte Ex-Bundespräsident Heinz Fischer. Er sei von Castros Persönlichkeit und Ausstrahlungskraft beeindruckt gewesen. Aber das historische Gesetz, dass Revolutionen in den allermeisten Fällen zu neuen autoritären Strukturen führten, hätte sich auch in Kuba bewahrheitet.Russlands Präsident Wladimir Putin, wie viele EU-Politiker auch, ehrte Castro als "Symbol einer Epoche". Er sei Moskau ein verlässlicher, ehrlicher Freund gewesen. "Einen Freund und Partner" hätten die Kubaner heute in den USA, sagte Präsident Barack Obama und sprach der Familie sein Beileid aus. Sein Nachfolger Donald Trump nannte Fidel Castro einen "brutalen Diktator". In seiner Erklärung heißt es weiter:„Wenn Kuba auch eine totalitäre Insel bleibt, hoffe ich, dass der heutige Tag eine Bewegung weg von dem Horror bedeutet, der zu lange erduldet werden musste, und hin zu einer Zukunft, in das wunderbare kubanische Volk endlich in der Freiheit leben kann, die es so sehr verdient.“

Hirn, Herz und Faust

Selbst- und Sendungsbewusstsein zeichneten Fidel Castro, den unehelichen Sohn eines aus Spanien eingewanderten Landbesitzers, schon 1953 aus. Damals führte der 27-jährige Anwalt, der von Jesuiten erzogen worden war, den Sturm auf die Moncada-Kaserne an. Die Rebellen wurden von den Soldaten des pro-amerikanischen Diktators Batista zurückgeschlagen, viele gefangen, gefoltert und getötet. Fidel und sein Bruder Raul kamen mit Haftstrafen davon. 1955 amnestiert, gingen sie nach Mexiko, wo sie den argentinischen Arzt Ernesto "Che" Guevara kennen lernten und von der Revolution träumten. 1956 kehrten sie in einer Nacht- und Nebelaktion auf der legendären Jacht Granma nach Kuba zurück. Zwei Jahre dauerte ihr Untergrundkampf, ehe Batista floh. Anfang 1959 zogen sie in Havanna ein – Fidel als "das Herz", Raul als "die Faust" und Che als "das Gehirn" der Revolution.

Ihr Vorgehen gegen die alte Oberschicht und die Verstaatlichung von US-Betrieben trugen ihnen mächtige Gegner in Washington ein. Und die wurden zu Todfeinden, als die Revolutionäre die Hilfe Moskaus suchten. Die Stationierung sowjetischer Atomraketen auf Kuba trieb die Welt an den Rand eines Weltkriegs. Der Kampf gegen die USA wurde für Castro zum Lebensthema. Castro führte ihn durch den Export kubanischer Kämpfer an alle Fronten des Kalten Krieges.

Soziale Errungenschaften

Die Herzen der Kubaner gewann er mit billigem Wohnraum, Schulen für alle und einem vorbildlichen Gratis-Gesundheitssystem. Seine Popularität hatte anfangs auch Bestand, als mit dem Ende der UdSSR die Schutzmacht wegfiel und die Wirtschaft kollabierte. Castro fand Ersatz im ölreichen Venezuela, der mittlerweile verstorbene Präsident Chavez war sein enger Freund.

2006 musste der kranke Fidel die Macht an seinen Bruder abgeben. Raul Castro machte die ersten Schritte hin zur Marktöffnung und zur Versöhnung mit den USA. Fidel stoppte ihn nicht, ein Treffen zwischen ihm und Barack Obama bei dessen historischem Kuba-Besuch im März gab es aber nicht. Dramatische Veränderungen erwartet Ex-Bundespräsident Fischer nicht: "Raul Castro wird weiterhin Schritt für Schritt und mit größter Vorsicht vorangehen."

Was Gegner und Verbündete über Castro sagten

Um kurz vor Mitternacht stand das Leben in Kuba plötzlich still: Als die Nachricht vom Tod des Revolutionsführers Fidel Castro die Runde machte, leerten sich die Straßen in der Hauptstadt Havanna. Der "Maximo Lider" bestimmte jahrzehntelang die Geschicke.


"Castro ist nicht nur ein lateinamerikanischer Diktator, ein kleiner Tyrann, der sich ausschließlich auf persönliche Macht und Gewinn stützt. Er agiert weit über seine eigenen Ufer hinaus." (John F. Kennedy, ehemaliger US-Präsident, zitiert in "The Quotable Mr. Kennedy" 1962)

"Für mich ist Fidel ein Großmeister. Ein weiser Mann sollte niemals sterben; ein Mann wie Fidel wird niemals sterben, weil er ein Teil der Menschen ist." (Hugo Chavez, ehemaliger Präsident von Venezuela, in einer Rede 2007)

"Fidel Castro hatte Amerikaner ermordet, und das war auch falsch, und ich bin stolz darauf, dass wir eine Blockade gegen Menschen haben, die unschuldige Amerikaner töten." (Bill Clinton, ehemaliger US-Präsident, 1996)

"Von Anfang an war die kubanische Revolution eine Quelle der Inspiration für alle, die die Freiheit schätzen. Wir bewundern die Opfer des kubanischen Volkes bei der Wahrung ihrer Unabhängigkeit und Souveränität angesichts der bösartigen imperialistischen und orchestrierten Kampagne, die die gewaltige Kraft der kubanischen Revolution zerstören sollte. Es lebe die kubanische Revolution! Es lebe Kamerad Fidel Castro!" (Nelson Mandela, Anti-Apartheid-Kämpfer und ehemaliger Präsident Südafrikas, in einer Rede im Juli 1991)

"Ich erinnere mich an die Berichte von Herbert Matthews über Castro, bevor er an die Macht kam und nannte ihn einen Demokraten und die Hoffnung von Kuba. Und einige von euch, die wirklich zu jung sind, um sich daran zu erinnern, nannten ihn auch George Washington von Kuba, und George drehte sofort sich im Grab um." (Ronald Reagan, ehemaliger US-Präsident, am 5. März 1986)

"Was auch immer wir von ihm halten, er wird ein wichtiger Faktor für die Entwicklung von Kuba und sehr wahrscheinlich für lateinamerikanischen Angelegenheiten im Allgemeinen sein. Ja, er scheint aufrichtig zu sein. Aber entweder ist er unglaublich naiv oder er lebt unter einer kommunistischen Disziplin. Seine Ideen, wie man eine Regierung oder eine Volkswirtschaft führen kann, sind unterentwickelter als jene von Personen, die ich in 50 Ländern getroffen habe." (Richard Nixon, Ex-Vizepräsident der USA, nach einem Treffen mit Castro am 19. April 1959)

"Am 18. Dezember 1956 waren Fidel und ich im Vorgebirge der Sierra Maestra, in einem Ort namens Cinco Palmas. Nach unserer ersten Umarmung war seine erste Frage: 'Wie viele Gewehre hast du?' Ich antwortete 'fünf' und er sagte: 'Ich habe zwei, das macht sieben, jetzt können wir den Krieg gewinnen.'" (Raul Castro, Fidel Castros Nachfolger, zitiert im Buch "This is Fidel" 2009)

"Es braucht nicht viel, um mich zu einer Revolution gegen Tyrannen zu überzeugen, aber Fidel war außergewöhnlicher als alle anderen ... Er hatte einen außergewöhnlichen Glauben, dass wir, sobald wir nach Kuba aufbrechen (von Mexiko), ankommen würden. Und wenn wir ankommen, würden wir kämpfen. Und wenn wir kämpfen, würden wir auch gewinnen. Ich teilte seinen Optimismus, ich musste es tun, um zu kämpfen, um zu gewinnen. Hör auf zu weinen und kämpfe." (Ernesto "Che" Guevara in einem Brief an seine Eltern im Jahr 1955)

"Ein Mann von großem Charisma. Er ist tapfer, Fidel Castro. Ein Politiker mit einer eisernen Faust: Er bleibt stark. Er hat seinen engen Freund vor einem Schießkommando gestellt. Ich hätte ihn zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Aber Fidel wollte, dass er erschossen wird." (Der ehemalige chilenische Militärdiktator Augusto Pinochet über Arnaldo Ochoa, der im Juli 1989 wegen Verrats von erschossen wurde)