Politik | Ausland
02.04.2017

Historiker Garton Ash fände Schulz "für Europa besser"

"SPD hat seit langem mehr Flexibilität in Sachen Euro gezeigt, und gerade Martin Schulz mit seiner gesamteuropäischen Erfahrung versteht, was da nötig ist."

Der SPD-Politiker Martin Schulz könnte nach Einschätzung des diesjährigen Karlspreisträgers Timothy Garton Ash aus EU-Sicht der bessere deutsche Bundeskanzler sein. "Ich kann mir sehr gut einen Bundeskanzler Martin Schulz vorstellen", sagte der britische Historiker in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur.

"In gewisser Hinsicht wäre ein Kanzler Schulz für Europa sogar besser. Denn die SPD hat seit langem mehr Flexibilität in Sachen Euro gezeigt, und gerade Martin Schulz mit seiner gesamteuropäischen Erfahrung versteht, was da nötig ist." Dem stehe Angela Merkels internationales Ansehen gegenüber: "Sogar Putin respektiert sie."

Macron und Schulz

Mit einem Präsidenten Emmanuel Macron in Frankreich und einem Bundeskanzler Martin Schulz in Deutschland wäre auf EU-Ebene eine Art Deal denkbar, sagte Garton Ash. Auf der einen Seite mehr Reform in Frankreich und auf der anderen Seite mehr Flexibilität beim Euro, etwa bei der Verschuldung Griechenlands und bei der Frage größerer Investitionen.

Garton Ash hatte schon vor einigen Jahren auf dem Höhepunkt der Euro- und Griechenland-Krise vor einem zu strengen Sparkurs gewarnt: Budgetdisziplin sei wichtig, aber ebenso Wachstum, sagte er damals.

Brexit: Größte Niederlage seines Lebens

In dem Interview erläuterte der Europa-Experte auch eine Aussage von ihm zu Merkel, die Ende vergangenen Jahres international von vielen Medien aufgegriffen worden war. In einem Beitrag für die Zeitung The Guardian hatte Garton Ash nach dem Wahlsieg Donald Trumps geschrieben, man sei fast versucht, Angela Merkel jetzt als "Führerin der freien Welt" zu betrachten. Das habe er teilweise ironisch gemeint, schränkte er nun ein. "Natürlich ist die Rolle von Angela Merkel außerordentlich wichtig", sagte er. "Aber gleichzeitig ist auch klar, dass Deutschland nicht die Rolle Amerikas übernehmen kann. Das wäre absurd."

Der 61-jährige Wissenschafter und Autor zählt zu den international renommiertesten Historikern. Am 25. Mai wird er in Aachen mit dem Karlspreis ausgezeichnet. Garton Ash hatte in Großbritannien für einen Verbleib in der Europäischen Union geworben. Das Brexit-Votum bezeichnete er als die größte Niederlage seines politischen Lebens.