3,3 Millionen Besucher strömen jedes Jahr ins Museum Hagia Sophia in Istanbul

© APA/EPA/JIVAN GUNER

Türkei
01/05/2014

Hagia Sophia: Statt Museum wieder Moschee

Als christliche Kirche gebaut, wird der Touristenmagnet ein muslimisches Gotteshaus

Seit 1500 Jahren thront die Hagia Sophia über der Altstadt von Istanbul. Der gewaltige Bau aus dem sechsten Jahrhundert war zuerst Kirche, dann Moschee, jetzt ist sie ein Museum und ein Touristenmagnet, der jedes Jahr 3,3 Millionen Besucher aus aller Welt anzieht. Doch nicht mehr lang, wie die türkische Regierung angedeutet hat: Die Hagia Sophia soll wieder zur Moschee werden.

Auf dem Platz vor der Hagia Sophia neigt sich ein Dezembertag seinem Ende zu. Die letzten Besuchergruppen kommen aus dem byzantinischen Gotteshaus, fliegende Händler versuchen, vor dem Feierabend ihre letzten Reiseführer und Ansichtskarten loszuschlagen. Das Moschee-Vorhaben aus Ankara trifft bei Ausländern und Türken auf dem Platz auf geteilte Ansichten.

„Davon halte ich überhaupt nichts“, sagt der Düsseldorfer Norbert Arnold, der die Hagia Sophia gerade besichtigt hat. „Die können letzten Endes ja machen, was sie wollen“, fügt er mit Blick auf die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hinzu. Doch gut finde er das nicht. Mehmet Barak, der auf dem Platz seine Istanbul-Broschüren an die Touristen verkauft, stimmt Arnold zu. „Moscheen haben wir doch genug.“

Ein paar Schritte weiter schießen zwei junge Türken mit ihren Smartphones Erinnerungsfotos vor der Hagia Sophia. Mohammed Ali und Tunca Celik unterstützen die Umwandlung in eine Moschee. „Wir sind eine muslimische Gesellschaft, und das ist Teil unseres historischen Erbes“, sagt Ali. Der Einwand, die Hagia Sophia sei als christliche Kirche gebaut worden, beeindruckt ihn nicht. „Wenn das hier ein christliches Land wäre, würde ich ja nichts sagen. Aber im Moment gehört sie uns.“

Geschichtsreicher Ort

Fast tausend Jahre lang diente die in ihrer heutigen Form im Jahr 537 gebaute Hagia Sophia als Kirche. Römische Kaiser wurden hier gekrönt, Kirchenkonzile tagten unter ihren Kuppeln, Kreuzfahrer wurden in ihren Mauern beigesetzt – ein ganzes Jahrtausend christlicher Geschichte spielte sich in der damaligen Patriarchatskirche von Konstantinopel ab.

Als die Osmanen 1453 die Stadt einnahmen, die heute Istanbul heißt, verwandelten sie die Hagia Sophia in eine Moschee und bestatteten fortan ihre Sultane dort. Auch ihr Reich ging schließlich unter, es folgte die Türkische Republik, die sich den Laizismus auf die Fahnen schrieb und kein repräsentatives Gotteshaus brauchte. Staatsgründer Atatürk ließ die Hagia Sophia 1935 zum Museum erklären, das weder Christen noch Moslems gehört, sondern allen zum Besuch offensteht.

Nach fast 80 Jahren neigt sich auch diese Ära ihrem Ende zu. Im Parlament von Ankara hat die nationalistische Opposition einen Gesetzentwurf eingebracht, der die Rückumwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee vorsieht. Der Chefprediger der Istanbuler Moscheen, immerhin ein Staatsbeamter, forderte vor wenigen Wochen ebenfalls öffentlich die Umwandlung. Nun hat auch die islamisch-konservative Regierung Erdogan erkennen lassen, dass sie wieder islamische Gebete in der Hagia Sophia ermöglichen will. Vizepremier Bülent Arinc sagte kürzlich in einer Rede vor der Kirche, nach türkischer Gesetzeslage müsse die Regierung sogar dafür sorgen, dass als Gotteshaus errichtete Bauwerke auch als solche genutzt würden – und nicht etwa als Museen.

„Die Hagia Sophia spricht zu uns“, sagte Arinc. „Bisher war es wohl möglich, Moscheen einfach zu Museen zu erklären. Aber jetzt gibt es eine neue Türkei“, fügte er hinzu. „Ich blicke heute auf diese traurige Hagia Sophia und hoffe, dass mit Gottes Hilfe bald glücklichere Tage beginnen.“ Zwei byzantinische Kirchen hat Arinc schon von Museen in Moscheen zurückverwandeln lassen: die Hagia Sophia von Iznik und die Hagia Sophia von Trabzon. Seiner Ankündigung werden also Taten folgen.

Zwist mit Athen

Die griechische Regierung hat schon Protest eingelegt. „Byzantinische Kirchen sind ein wesentlicher Bestandteil des kulturellen und religiösen Welterbes“, sagt Regierungssprecher Konstantinos Koutras. Ihre Umwandlung in Moscheen sei ein anachronistisches und unverständliches Vorhaben für ein Land, das der EU beitreten wolle. Die Antwort kam prompt. Die Türkei habe keinen Nachhilfeunterricht in Sachen Religionsfreiheit von Griechenland nötig, so das türkische Außenamt: In Athen gebe es keine einzige Moschee.

Bei einer Volksabstimmung über die Zukunft der Hagia Sophia in der Türkei käme wohl eine große Mehrheit für die Umwandlung zur Moschee heraus, da sind sich die Menschen auf dem Platz vor dem Gotteshaus einig. Doch ganz so einfach sei die Sache nicht, sagt der Rentner Asim Gür. „Wir sind zwar Muslime und wir wollen die Moschee, aber die anderen haben auch ihre Rechte. Also, wenn du mich fragst: Es ist ein symbolischer Bau, als Kirche gebaut. Man sollte nicht dran rühren.“

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