Gülen-Anhänger behauptet: Erdogan wusste von Putsch

Ercan Karakoyun speaks during an interview with Re
Foto: REUTERS/AXEL SCHMIDT Ercan Karakoyun

Ercan Karakoyun, Vorsitzender einer Gülen-nahen Stiftung in Berlin, bestreitet vehement, dass die Gülen-Bewegung für den Putsch verantwortlich sei. Gülen wirft Erdogan "Hexenjagd" vor.

Ercan Karakoyun, ein Anhänger des Predigers Fethullah Gülen, wirft dem türkischen Präsident Recep Tayyip Erdogan vor, vom Putsch vom 15. Juli des Vorjahres gewusst zu haben.

"Erdogan wusste vom Putsch und hat ihn nicht verhindert, sondern versucht, die Situation für sich zu gewinnen. Ich glaube, dass er den Tod von 250 Menschen in Kauf genommen hat, um seine Macht zu sichern", erklärte Karakoyun in einem Interview mit der Presse (Samstagsausgabe).

Der Vorsitzende der Gülen-nahen Stiftung Dialog und Bildung in Berlin bestritt vehement die Behauptung der türkischen Regierung, seine Bewegung sei für den gescheiterten Putschversuch verantwortlich. Entsprechende Geständnisse nach der Putschnacht halte er nicht für glaubwürdig. Sie seien unter Gewalt und Folter entstanden.

"Im Militär gibt es unterschiedliche Gruppen, die gegen Erdogan sind und die in irgendeiner Form mitgemacht haben: Kemalisten, Nationalisten, Kurden usw. Und auch einzelne Leute aus der (Gülen-) Bewegung, individuelle Beteiligung kann man nicht ausschließen. Aber die Hizmet-Bewegung und Fethullah Gülen schließen eine Beteiligung aus, was von vielen Geheimdiensten auch bestätigt wurde", betonte Karakoyun.

Karakoyun räumte ein, dass sich die früher mit Erdogan verbündete Gülen-Bewegung nicht kritisch genug mit dessen Vergangenheit auseinandergesetzt habe, bevor man gemeinsame Sache gemacht habe. "Ich glaube, die Menschen in der Bewegung waren naiv. Zunächst waren sie wohl misstrauisch, aber die Befürchtungen haben sich in den ersten Jahren nicht bestätigt", so Karakoyun.

Kritik an der Gülen-Bewegung wegen ihrer intransparenten Geschichte und des Vorwurfs strenger Hierarchie und Religiosität wies Karakoyun zurück. "Ich glaube, dass es in der Hizmet-Bewegung vor allem zwei Ziele gibt. Im Sinne der muslimischen Mystiker setzen wir uns für Weltfrieden, Toleranz und universelle Werte ein, für die Vereinbarkeit von Islam und Demokratie, für die Gleichstellung von Mann und Frau, für eine zeitgemäße Interpretation des Koran. Das zweite Ziel ist, dieses Islamverständnis innerhalb der Community zu verbreiten", erklärte der frühere Juso-Politiker und Stipendiat der sozialdemokratischen Friedrich-Ebert-Stiftung.

Gülen wirft Erdogan Hexenjagd vor

Fethullah Gülen selbst hat zum Jahrestag des Putschversuchs in seinem Heimatland schwere Vorwürfe gegen die Regierung in Ankara gerichtet und dem türkischen Präsidenten Recep Tayiip Erdogan eine Hexenjagd vorgeworfen.

"Im Nachgang dieses tragischen Vorkommnisses wurden die Lebensumstände zu vieler unschuldiger Menschen verdunkelt", heißt es in einer Mitteilung, die der im US-Exil lebende Gülen am Freitag verbreiten ließ. "Sie wurden widerrechtlich von ihren Arbeitsplätzen entlassen, festgenommen, eingesperrt und sogar gefoltert - alles auf Geheiß der Regierung", schrieb Gülen weiter.

Gülen gilt als Gründer und Kopf der türkischen Hizmet-Bewegung. Erdogan hält sie für die entscheidende Kraft hinter dem Putschversuch. Gülen beteuerte dagegen erneut, er habe mit dem versuchten Umsturz nichts zu tun. Der Kleriker hatte im vergangenen Jahr dagegen die Vermutung geäußert, Erdogan selbst habe den Putschversuch inszeniert, unter anderem um eine Begründung für schärfere Strafverfolgung von Regierungskritikern zu haben. Seit dem Coup wurden in der Türkei mehr als 140.000 Staatsbedienstete entlassen, mehr als 50.000 Menschen inhaftiert. Nicht alle sind Gülen-Anhänger.

Die Regierung in Ankara verlangt von den USA seit geraumer Zeit die Auslieferung des Predigers, der einst als Weggefährte Erdogans galt. Ob es dazu kommt, ist unklar. Gülen selbst hatte erklärt, er werde sich nicht gegen eine Auslieferung sträuben, sollten die USA so entscheiden. Gleichzeitig forderte er eine unabhängige Untersuchung der Ereignisse vom Juli 2016. Sollten die Ermittler zu dem Ergebnis kommen, dass er selbst vor Gericht gestellt werden müsse, werde er ebenfalls keinen Widerstand leisten, kündigte Gülen am Freitag an.

Freitagabend: Die Lage ist angespannt. Die Polizei in Ankara ruft das komplette Personal zum Dienst, Krankenwagen stehen bereit. Es gibt erste Meldungen über Jets im Tiefflug. Über Istanbul kreisen Hubschrauber, Sicherheitskräfte sind in den Straßen unterwegs. Teile des Militärs hätten einen Putschversuch begonnen. "Dieser Versuch wird nicht erlaubt werden", sagt Ministerpräsident Binali Yildirim Die putschenden Streitkräfte melden, sie hätten die Macht in der Türkei vollständig übernommen. Wo ist Erdogan? Aus dem Präsidialamt heißt es nur, er sei an einem sicheren Ort. Augenzeugen berichteten von Solidaritätskundgebungen für die Putschisten. Staatspräsident Erdogan landet nach einem Bericht des Fernsehsenders NTV in Istanbul.

  Erdogan kündigt an, das Militär vollständig zu "säubern". Ministerpräsident Yildirim weist das Militär an, von Putschisten gekaperte Flugzeuge abzuschießen. Die Putschisten ziehen vom Atatürk-Flughafen wieder ab, nachdem Demonstranten auf das Gelände eingedrungen sind, wie die Nachrichtenagentur DHA berichtet. Immer mehr Soldaten, die am Putsch beteiligt sind, werden verhaftet.   Die Lage hat sich weitestgehend beruhigt. Politiker erklären, dass der Putsch gescheitert sei.      
(apa / and) Erstellt am
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