Politik | Ausland
08.10.2017

Großdemo der "Schweigenden Mehrheit" in Barcelona

Zehntausende demonstrierten für den Verbleib Kataloniens bei Spanien.

In den engen Gassen der Altstadt Barcelonas waren die "Viva España"-Rufe noch lange nach dem Ende der Massenkundgebung zu hören – als wollten die Spanier mit ihren Flaggen und Sprechchören die katalanischen Politiker im letzten Augenblick beeinflussen. Spanienfreundliche Katalanen, die nichts von den Unabhängigkeitsplänen des Regionalpräsidenten Puigdemont halten, schweigen normalerweise. Daher hatte der Vizepräsident des Vereins Zivilgesellschaft Kataloniens (SCC) für Sonntag einen Aufmarsch der "spanischen" Katalanen organisiert und andere Spanier mobilisiert.

Der AVE-Hochgeschwindigkeitszug mit Abfahrt in Madrid um acht Uhr Früh war komplett ausgebucht. Bürgerliches Publikum, Väter mit Kindern, ältere Paare. Und überall die rot-gelb-roten Flaggen Spaniens, die zum Halstuch gebunden oder als Umhang getragen wurden. "Wir werden Barcelona mit einem Fahnenmeer überschwemmen", freute sich der Mittelschullehrer Fernando, der mit zwei Kindern unterwegs war. Hin- und Rückfahrt kosteten ihn 320 Euro.Als eine Art "Kreuzzug zur Rettung des Königreichs", dessen Einheit durch den katalanischen Regionalpräsidenten in Frage gestellt werde – so sahen zwei Madrider Freundinnen ihren Ausflug nach Katalonien. "Wir haben uns spontan für die Reise entschlossen, weil wir jene Katalanen unterstützen müssen, die nicht so denken wie die Separatisten", sagte Lucia. "Ich hoffe, dass die Fachas (Faschisten) uns nicht dazwischenfunken und den Separatisten Gelegenheit geben, uns wie immer als reaktionäre Franco-Anhänger zu diffamieren", fügt Pia hinzu.

"Manchmal siegt die Leidenschaft über die Vernunft"

Als "schweigende Mehrheit" bezeichnet der SCC-Vize-Präsident Alex Ramos die Menschen, die in Barcelona tausende Flaggen – oft gemeinsam spanische und katalanische – zeigten. Man hatte sich darauf verständigt, auf jedes " Viva España" mit einem lauten "Viva Cataluña" zu antworten. Die Kundgebung mit Zehntausenden Teilnehmern verlief ohne Zwischenfälle.

Vom Rednerpult sprach der große, alte Mann der lateinamerikanischen Literatur, Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa, zu den Teilnehmern. Der ehemalige Präsidentschaftskandidat Perus, der mehrere Jahre lang in Barcelona gelebt hatte, sagte: "Manchmal siegt die Leidenschaft über die Vernunft. Die Leidenschaft des Fanatismus und des Rassismus hat den größten Schaden in der Geschichte angerichtet."

Rajoy bleibt hart

Über die brutalen Polizeieinsätze am Tag des "illegalen" Referendums am 1. Oktober diskutierten zwei Demonstrationsteilnehmer mittleren Alters heftig: Für Javier waren die Schläge "durch gezielte Herausforderungen provoziert und berechtigt", der andere, Ivan, fand sie "schädlich für Spaniens Ansehen und überflüssig".

Der Sprecher der spanischen Regierung äußerte sich erstmals am Freitag über die Zwischenfälle und drückte sein Bedauern aus. Gleichzeitig lobte Innenminister Zoido aber den Einsatz der spanischen Polizei und Guardia Civil bei der Schließung von Wahllokalen. Ministerpräsident Rajoy wiederum sah in einem Interview mit der Tageszeitung El Pais keinen Grund, seine Vorgehensweise gegenüber der Regionalregierung zu ändern. Er drohte deren Mitgliedern mit Anzeigen und Gerichtsverfahren, sollten sie die einseitige Unabhängigkeitserklärung aktiv unterstützen. Carles Puigdemont hatte seine ursprünglich für Montag geplante Parlamentserklärung auf Dienstag verschoben.

Nachdenkpause?

Nach zahlreichen Querschüssen aus Politik und Wirtschaft, darunter einem über Nacht verabschiedeten Dekret, das die Verlegung eines Firmensitzes vereinfacht und beschleunigt, sowie der Ankündigung mehrerer Banken und Firmen, diese Maßnahme angesichts der politischen Instabilität in Katalonien zu ergreifen, dürfte Puigdemont mit seinen engsten Vertrauten eine Nachdenkpause einlegen.

Der Mann, der Katalonien in die Unabhängigkeit führen wollte, überlegt angesichts des unsicheren Ausgangs des Experiments, die "Stunde X", die Ausrufung der freien, katalanischen Republik, auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben.