Die Großbaustellen stehen still, nur auf kleineren wird noch gearbeitet.

© /Julia Damianova

Reportage
07/11/2015

"Nur Arbeit hilft gegen die Krise"

Auf einer der rar gewordenen Baustellen Athens bestimmt die Krise den Alltag von Arbeitern und Chef.

Baulärm ist es etwas, das man in Athen kaum noch hört. Bohren und Hämmern, Baukräne, die Stahlpfeiler durch die Luft wuchten, sind in den vergangenen fünf Jahren etwas Außergewöhnliches geworden. Die Wirtschaftskrise hat die Bauarbeiten stillgelegt – fast alle. Ein Wohnhaus im wohlhabenden Athener Bezirk Cholargos ist eingerüstet. Neun Bauarbeiter werkeln an der Fassade unter dem strengen Blick des Bauherren Andreas Kyrozis.

"Anders als viele meiner Kollegen, die immer noch auf große Projekte warten, habe ich mich knapp vor der Krise auf Wohnungsrenovierungen umgestellt", sagte der Bauingenieur zum KURIER. Früher hatte Andreas eine große Firma, die Land kaufte, darauf Wohnungen baute und anschließend mit gutem Gewinn verkaufte. Sein Partner, ein Finanzexperte, hat die wirtschaftliche Katastrophe vorausgesehen. Noch vor dem ersten Hilfskredit an Griechenland schlossen beide ihr Geschäft.

Andreas ist trotzdem zufrieden mit dem Leben – er hat Arbeit und ein Einkommen. "Vor der Bankensperre habe ich im Durchschnitt acht Renovierungsprojekte im Monat gehabt. Seit Ende Juni ist das nicht mehr so – eine erste Absage habe ich gerade von einem Arzt bekommen, der das Ende der Kapitalkontrollen abwarten will", erzählte der Bauingenieur. Der Wohnblock, in dem er gerade seine Baumannschaft beschäftigt, sei kommende Woche fertig, und dann, so hofft er, bekommt er auch das Geld für die Arbeit. "Ich zahle meinen Arbeitern alle zwei Wochen die Löhne und auch die Sozialversicherung, deswegen bleiben sie bei mir", sagte er.

"Nur noch Barzahlung"

Nur noch drei neue Projekte hat er im Moment – alle mit Geld aus dem Ausland. "Die Banken haben schon zwei Wochen zu, und es wird immer schwieriger, Bargeld für die Löhne und für Baumaterialien aufzutreiben. Alle Einkäufe über 500 Euro wollen die Baumärkte nur noch bar haben", sagt Andreas.

Er sieht müde aus. Wie jeden Tag, ist er um 6.30 Uhr in der Früh aufgestanden. Bis etwa acht Uhr abends ist er immer unterwegs – zu den verschiedenen Baustellen, Baumaterialien einkaufen oder Kunden treffen. Die Papierarbeit folgt nachts. "Ich finde das alles in Ordnung – der beste Weg, die Krise zu bekämpfen, ist durch Arbeit." "Viele meiner Landsleute sagen, die Politiker haben den Griechen das Geld gestohlen, aber das stimmt nicht. Jeder von uns hat es vermieden, so oft es ging, die Steuer zu zahlen. Gerade jetzt verliere ich viele Verträge, weil Kunden verlangen, dass wir alles schwarz abwickeln. Das will ich aber nicht."

Beim Referendum vergangene Woche haben er, seine Frau und ihre 19-jährige Tochter mit "Ja" gestimmt. Die Fragestellung sei dumm gewesen und unklar – wie beim Orakel von Delphi, das immer zweideutige Aussagen gemacht hat. "Die Regierung hat uns mit dem Referendum eine Falle gestellt, weil wir für etwas nicht mehr Gültiges abstimmen mussten. Die Nein-Sager haben das nicht kapiert."

"Ich bin nicht wählen gegangen", sagt Panagiotis, einer der Bauarbeiter, der vom Gerüst aus seinen Chef sprechen hörte: "Ich hasse die Politik, außerdem ging es uns vor der Regierung besser."

Panagiotis ist 61, seit 25 Jahren am Bau, hofft aber, nächstes Jahr in Pension gehen zu können. "Für Andreas arbeite ich seit drei Jahren, davor war ich bei einer großen Firma. Als die Krise kam, haben sie aufgehört, unsere Löhne zu zahlen."

Jetzt bekommt er einen Tageslohn von 65 Euro und arbeitet auch am Wochenende – so lange es ein Bauprojekt gibt. Dann macht er Pause bis zum nächsten Auftrag.

"Keine Sicherheit"

Feierabende verbringt der 51-jährige Baumeister Haris nicht im Kaffeehaus, sondern bei seiner Familie zu Hause, im Athener Vorort Peristeri. Das ist eine arme Gegend, und eine der Hochburgen der faschistischen Partei Goldene Morgenröte. Haris ist die Politik fremd. Er kümmert sich um seinen Hund, den Dobermann Factor, seinen Stolz: "Unsere zwei Töchter – 30 und 25 Jahre alt – wohnen auch noch bei uns zu Hause." Beide arbeiten als Krankenschwestern, trotzdem haben sie nicht genug Geld zum Heiraten.

"Eigentlich ist nicht nur das Geld ein Problem, sondern, dass sie einfach keine Sicherheit mehr haben. Deswegen trauen sie sich nicht, Familien zu gründen", sagt Haris. Beide seien kein Einzelfälle, vielen Jungen gehe es so seit Jahren. Eines findet Haris gut an der Krise: "Der Autoverkehr in Athen ist viel besser geworden, weil die Menschen kein Geld für Benzin haben."

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