Gäste in Griechenland können sich ihre Souvlaki vorerst noch zu alten Preises zu Gemüte führen: Die höheren Mehrwertsteuersätze gelten im Tourismus erst ab Oktober.

© REUTERS/CATHAL MCNAUGHTON

Reportage
07/24/2015

Griechenland: Neue Preise, große Verwirrung

Mehrwertsteuer noch nicht überall angekommen. Heute neue Gespräche über Hilfspaket.

In einem Athener Supermarkt scheint auf den ersten Blick alles beim Alten zu sein – Menschen mit überfüllten Einkaufswagen stauen sich an engeren Stellen zwischen den Regalen, im Hintergrund hört man das monotone Piepsen der Lesegeräte an der Kassa. Doch wenn man sich die Waren-Etiketten genauer anschaut, ist alles anders als vor fünf Tagen.

Seit Anfang der Woche sind die Preise vieler Lebensmittel angestiegen – wegen der Anhebung der Mehrwertsteuer von 13 Prozent auf 23 Prozent. Diese war eine der Voraussetzungen für den Beginn der Verhandlungen über ein drittes Hilfsabkommen für Griechenland. "Das war ein schwieriger Kompromiss, und nichts kann die Umsetzung dieser Maßnahmen garantieren, aus einem einfachen Grund – sie (die regierende radikale linke Partei Syriza) glaubt nicht an sie", sagte der Vizepräsident des griechischen Verbandes der Einzelhändler SELPE, Antonis Zairis, zum KURIER.

Kleinere Gewinne

Der Wirtschaftsexperte Panos Tsakoglou ist damit nicht einverstanden. "Es ist unmöglich, die Maßnahmen nicht umzusetzen. Aber im Gegensatz zum öffentlichen Diskurs in Griechenland erwarte ich nicht, dass die Preiserhöhungen sich genau an die neuen höheren Steuersätze halten", sagte er zum KURIER. Ein möglicher Grund dafür: Griechische Medien berichten, dass viele Einzelhändler, wie etwa Blumenverkäufer, die neuen Steuersätze noch nicht in ihren Endpreisen verrechnen wollen – aus Angst, Kunden zu verlieren. Sie seien bereit, weniger Gewinn zu machen.

Die neuen Preise sorgen vor allem für große Verwirrung. Etwa 40.000 Lebensmittel sind davon betroffen, unter anderem Fleisch, aber nicht jedes. Für Rindfleisch gilt bereits der 23-prozentige Satz, Hühner- und Schweinefleisch sind nach wie vor mit 13 Prozent zu besteuern.

Der Preis für das griechische Leibgericht Souvlaki – Schweinefleischspieß – hat sich also nicht geändert, es sei denn, der Koch hat es gesalzen. Dann muss der Wirt für das Endprodukt – Spieß und Salz – 23 Prozent verrechnen, weil der höhere Satz bei verarbeiteten Nahrungsmitteln angewendet werden muss.

Auch Dienstleistungen sind von der neuen Steuererhöhung betroffen. Die griechische Tourismusindustrie zeigt aber dafür Verständnis. "Für uns stehen die Bedürfnisse des Landes über unseren privaten Interessen – Griechenland muss in der Eurozone bleiben", sagte ein Sprecher des griechischen Tourismusvereins SETE zum KURIER. Es sei schon ein großer Gewinn gewesen, dass das Gastgewerbe die höhere Mehrwertsteuer von 13 Prozent erst ab Oktober – also nach dem Ende der laufenden touristischen Sommersaison – einführen darf, meinte er.

Privatvermieter

Mittlerweile wurde eine Studie des internationalen Wirtschaftsprüfers KPMG bekannt, die 2 000 Urlaubswohnungen, Häuser und private Zimmer in Griechenland untersucht hat. Das Ziel: Festzustellen, ob private Vermieter auch pflichtbewusst ihre Steuern zahlen. Ein endgültiges Ergebnis fehlt noch. Die Prüfer fanden, dass bei 50 Prozent dieser Immobilien eine ausführlichere Prüfung fällig wäre. "Was man bei dieser Untersuchung geprüft hat, war, ob Privatvermieter den Gästen Rechnungen für Übernachtungen geben und diese später dem Steueramt melden. Das sind aber keine Hotelbetriebe und somit nicht unsere Mitglieder", sagte der SETE-Sprecher.

Steuerhinterziehung ist in Griechenland trotz einer mehr als fünfjährigen Sparpolitik immer noch weit verbreitet. Das verzerre den Wettbewerb im Land, klagt die Tourismusbranche.

Neuer Milliardenpoker mit der Troika

Vertreter der internationalen Geldgeber Griechenlands kommen heute einmal mehr zu Gesprächen über Finanzhilfen nach Athen. Griechische Regierungskreise rechnen mit "zügigen Verhandlungen" über ein drittes Hilfsprogramm im Umfang von bis zu 86 Milliarden Euro. Als Zielmarke für eine Einigung wurde der 12. August genannt. Griechischen Medien zufolge wird die frühere Kreditgeber-Troika aus EU-Kommission, Europäischer Zentralbank (EZB) und Internationalem Währungsfonds (IWF) bei den Verhandlungen durch einen Vertreter des Euro-Rettungsfonds (ESM) verstärkt - und damit zum Quartett. Zuvor hatte das griechische Parlament binnen einer Woche zwei umstrittene Reformpakete verabschiedet, die Bedingung für die Verhandlungen über ein neues Hilfsprogramm waren. Der größte Teil der neuen Milliardenhilfen soll aus dem Euro-Rettungsfonds ESM kommen.

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