Politik | Ausland 27.01.2015

Auschwitz: "Ort der unauslöschlichen Schande"

Eine Rose am Eingangstor von Auschwitz. © Bild: AP/Jens Meyer

Vor genau 70 Jahren gingen für die wenigen Überlebenden des Todeslagers Auschwitz die Tore auf. Am "Ort des Bösen" wurde der Opfer gedacht.

Da sind so viele Dinge, die Roman Kent einfach nicht vergessen kann: "Den Geruch von menschlichem Fleisch, wenn es brennt. Oder das Geschrei der Kinder, wenn sie von ihren Eltern getrennt werden. Für immer."

Kent ist ein Überlebender, einer der Wenigen, und was frühere Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz an diesem Dienstagnachmittag erzählen, ist kaum auszuhalten.

Doch wie muss es erst für jene 300 Überlebenden sein, die am 70. Jahrestag der Befreiung, wieder hierhergekommen sind?

Zurück in die Todesfabrik, in der über drei Jahre hinweg ein vermeintliches Herrenvolk alle logistischen und technischen Möglichkeiten aufbot, um die Juden Europas zu Asche zu verbrennen.

Wie damals, im Jänner 1945, liegt Schnee auf den Feldern vor Auschwitz.

Der Himmel ist grau und trostlos – also passend.

Das große Lagertor, durch das die Hunderttausenden einst fuhren, um hier ermordet zu werden, ist heute Teil eines riesigen Gedenkzeltes. Sie haben das Tor eingepackt, fast so als wollten sie ihm einen Teil seines Schreckens nehmen – surreal sieht es aus, wie der Teil einer Filmkulisse.

Als die Zeremonie beginnt, falten die ersten Ex-Häftlinge die Hände zum Gebet. Francois Hollande und Joachim Gauck, Bundespräsident Heinz Fischer und auch Kanzler Werner Faymann sind gekommen – wie höchstrangige Vertreter von 40 Nationen aus aller Welt.

Doch der einzige Staatsmann, der heute reden soll, ist Polens Staatspräsident Bronislaw Komorowski.

"Auschwitz war die schiere Verachtung für alles Menschliche. Sie wollten die Opfer ein zweites Mal töten – indem Auschwitz vergessen wird." 1,1 Millionen Menschen, davon eine Million Juden, wurden allein in Auschwitz ermordet.

Es gehört zu den irritierenden Details , dass ausgerechnet Wladimir Putin fehlte – immerhin war es die Rote Armee, die Auschwitz am 27. Jänner 1945 befreite.

Der russische Staatschef hatte es vorgezogen, einer Auschwitz-Gedenkfeier in einem jüdischen Museum in Moskau beizuwohnen – die Beziehungen zu Polen sind angespannt, zum Westen noch mehr (mehr dazu lesen Sie hier).

Doch an diesem Tag standen ohnehin die Überlebenden im Mittelpunkt. Menschen wie Marko Feingold.

"Ich komme jedes Jahr her", sagt der Österreicher. Er ist 102 Jahre alt hat Auschwitz und andere Todeslager überlebt, und erzählt davon so lebhaft, als wäre er erst gestern befreit worden.

"Als ich ins Lager kam hatte ich 55 Kilo. Nach zwei Monaten war ich herunten auf 30 und wir mussten auch im Sommer in den Baracken heizen – uns fehlte zwischen Haut und Muskeln das Fett, wir froren also ständig."

Dass Menschen nicht nur erschossen oder vergast wurden, sondern manche sogar im Stehen starben, will Feingold bis heute kaum jemand glauben. "Aber es war so. Hätte die Befreiung noch länger auf sich warten lassen und hätte ich mich tagsüber nicht auf eine Schaufel stützen können, ich wäre wie viele andere einfach tot umgefallen."

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©AP/Alik Keplicz

Holocaust survivor Igor Malitsky of Ukraine walks …

©REUTERS/AGENCJA GAZETA

Polish President Komorowski attends a Holy Mass fo

©APA/EPA/ANDRZEJ GRYGIEL

POLAND HISTORY AUSCHWITZ LIBERATION ANNIVERSARY

©APA/EPA/JACEK BEDNARCZYK

POLAND HISTORY AUSCHWITZ LIBERATION ANNIVERSARY

©REUTERS/LASZLO BALOGH

A small stone with text is placed in the 'Wall of

Die Zukunft

70 Jahre ist dies also her, doch die zentrale Frage heute lautet: Was ist zu tun?

Lassen wir noch einmal Roman Kent antworten. "Sich an das Morden zu erinnern ist nicht genug. Man muss als Überlebender das Verständnis für die Tragödie schaffen. Wir Überlebende wollen, dass die neuen Generationen Toleranz und Menschenrechte lernen und weitergeben." Jetzt weint er, er muss noch einmal beginnen. " Ihr müsst euch gegen Rassismus und Antisemitismus mit aller Kraft wehren."

Und dann gibt er den Zuhörenden vor dem Tor zur Hölle noch einen einfachen Rat mit: "Hass ist immer im Unrecht.Und Liebe ist nie falsch."

Ein Interview mit dem Vizepräsidenten der Gedenkstätte lesen Sie hier.

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© Bild: KURIER

Unmenschlichkeit mal Rassismus mal fanatischer Diktatur

KURIER: Herr Bundespräsident, darf ich Sie bitten, folgenden Satz zu vervollständigen: Auschwitz ist für mich …

... das entsetzliche Produkt von Unmenschlichkeit mal Rassismus mal fanatischer Diktatur. All das steckt in Auschwitz und hat zu millionenfachem Mord geführt. Vor zehn Jahren, beim 60. Jahrestag, habe ich Auschwitz als Inkarnation des Bösen bezeichnet. Aber es ist mehr als das. Es ist die Inkarnation des Bösen in Verbindung mit industrialisierter Vernichtung von Menschen. Was hier passiert ist, war ja kein Mord an politischen Gegnern – so unverzeihlich das wäre. Auschwitz war der Versuch der industrialisierten Vernichtung von Menschen aus rassistischer und politischer Verblendung.

Was würden Sie einem 16-Jährigen antworten, wenn er fragt: Was habe ich noch mit der Schoah zu tun, das ist 70 Jahre her?

Ich würde antworten: Die Schoah hat mit jedem Menschen zu tun – auch mit dir und den künftig Geborenen –, weil sie ein Beispiel dafür ist, welche entsetzlichen Verirrungen möglich sind und wie sehr das Schlechte im Menschen im Extremfall über das Gute triumphieren kann.

Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung wollen 81 Prozent der Deutschen die Geschichte der Judenverfolgung hinter sich lassen. Ein legitimes Anliegen?

Sich zu wünschen, dass uns die Schande Auschwitz erspart geblieben wäre, ist legitim. Aber nachdem die Schande Auschwitz geschehen ist, kann uns die Erinnerung daran und das Umgehen mit diesem Teil der Geschichte nicht erspart bleiben. Es mag hart klingen, aber wir sind dazu verdammt, damit zu leben, dass so etwas Undenkbares wie Auschwitz Realität war.

Leistet Österreich genug in Sachen Gedenk- und Erinnerungskultur?

Man kann nie genug leisten, aber ich anerkenne, dass es in den letzten Jahren viele und ernsthafte Bemühungen und eine neue Qualität der Erinnerung gibt. Wenn man sich die Zeit nach 1945 ansieht, ist man bedrückt, wie unsicher man damals mit der jüngeren Vergangenheit umgegangen ist. Viele Verbrechen aus der NS-Zeit wurden nicht präzise genug und konsequent genug angesprochen; und das hat wohl damit zu tun, dass nach 1945 Millionen Menschen in Österreich lebten, die dem Nationalsozialismus kurz zuvor noch mehr oder weniger applaudiert hatten. Jeder Strohhalm wurde benutzt, um die eigene Schuld zu relativieren und zu ignorieren. Diese Phase ist vorüber, die Menschen, die heute als Erwachsene unter uns leben, waren zu 99 Prozent – schon aufgrund des Geburtsdatums – keine NSDAP-Mitglieder. Deshalb ist heute möglich, was vor dreißig oder vierzig Jahren noch unmöglich war – etwa, dass man einen Nationalfonds für die Opfer des Nationalsozialismus einrichtet, dass man Zwangsarbeiter symbolisch entschädigt oder Denkmäler für Widerstandskämpfer und Opfer der NS-Justiz errichtet.

Der Nobelpreisträger und KZ-Überlebende Imre Kertesz hat vor wenigen Tagen gesagt: Auschwitz war kein Betriebsunfall, es kann sich wiederholen, weil der Demokratie nicht bewusst ist, in welcher Gefahr sie schwebt. Stimmen Sie zu?

Auschwitz war tatsächlich kein Betriebsunfall, es war etwas viel Schlimmeres, nämlich eine entsetzliche und tödliche Mischung aus totalitärem Denken, Rassismus, Antisemitismus, extremer sozialer Not, aus Führerkult und nationalistischem Expansionsstreben. Deshalb glaube ich, dass man keinen Grund hat zu sagen, das kann sich jederzeit wieder ereignen: Eine solche Konstellation und einen solchen moralisch-politischen Abgrund kann ich mir auf viele Generationen hinaus in Europa nicht vorstellen.

Erstellt am 27.01.2015