Politik | Ausland
08.11.2018

„Frontalangriff“ auf österreichische Schulbücher

Der Vorwurf lautet: Italiens Geschichte und sein Kampf um die Einheit (Risorgimento) wird falsch erzählt

In der einflussreichen italienischen Tageszeitung La Stampa werden in einem Artikel schwere Vorwürfe gegenüber österreichischen Geschichtsbüchern für Mittelschulen erhoben. Das Risorgimento (der Kampf um Italiens Einheit) werde in ihnen umgeschrieben, so das Blatt. Zahlreiche Textpassagen würden sich wie Propaganda lesen und nicht den Tatsachen entsprechen.

So werde die Einigung Italiens als Aggressionskrieg dargestellt. Minderheiten seien in manchen Teilen Italiens „Verachtung und Bedrohung entgegengeschlagen“. Die italienischen Unabhängigkeitskämpfer Garibaldi, Mazzini und Cavour würden als rechtsextreme Nationalisten und Ehrgeizler dargestellt, deren Ziel es nicht gewesen sei, Italien zu einigen, sondern Österreich zu teilen.

Vom österreichischen Kaiser Franz Joseph werde stattdessen das Bild eines gütigen Globalisierungsfreundes gezeichnet und die Herrschaft der Habsburger in Oberitalien als Idylle geschildert. Aus italienischer Sicht werden all diese Ereignisse eher gegenteilig betrachtet.

Explizit genannt werden die Schulbücher „Netzwerk Geschichte“ und „VG3 Neu“ vom Bildungsverlag Lemberger, „Geschichte live“ vom Veritas-Verlag, „Geschichte schreiben“ vom Verlag Dorner sowie „Bausteine“ vom ÖBV.

Einfache Texte

„Texte sind in Schulbüchern oft einfach gehalten, da komplexe Ereignisse 10- bis 14-Jährigen schwer zu erklären sind“, sagt Karl Vocelka, ehemaliger Vorstand des Instituts für Geschichte an der Universität Wien. Lemberger sei ein erfolgreicher, aber konservativer Verlag und nicht unbedingt das beste Beispiel für ausgewogene Schulbücher. „Hier wurden eher tendenziöse Bücher genommen, es gibt auch andere, die einen besseren Ausgleich versuchen.“ Viele Schulbücher würden darüber hinaus gegenüber der Forschung „um Jahrzehnte“ zurückliegen.

Zum Inhalt des Artikels meint Vocelka: „Die Habsburgermonarchie war in Italien nicht nur böse, das muss man differenzierter betrachten.“ Als die Italiener im Zuge des Risorgimento versuchten, der Monarchie Gebiete abspenstig zu machen, habe man das „no-na“ als Angriff gesehen. Der Text in La Stampa ist laut Vocelka selbst tendenziös, da Cavour und Garibaldi nur positiv und Radetzky nur negativ wegkommen, was nicht den Tatsachen entspreche. „So gesehen ist das ein Frontalangriff auf österreichische Schulbücher, das sollte man ausgewogener diskutieren“, sagt Vocelka.

Bei den Naturwissenschaften ist die Faktenlage eindeutig, bei sozialwissenschaftlichen Themen gebe es oft unterschiedliche Perspektiven, meint Bildungsautor Andreas Salcher. Oft gebe es nicht eine richtige oder falsche Antwort. „Jedes Land betont die eigene Perspektive und lässt andere Teile der Welt aus“, sagt Salcher.

Die Qualität österreichischer Schulbücher ist hoch, heißt es aus dem Bildungsministerium. „Die angesprochenen Vorwürfe sind uns neu, ähnliche Vorwürfe sind uns nicht bekannt“, sagt Annette Weber, Sprecherin von Bundesminister Heinz Faßmann.