Politik | Ausland
23.04.2017

Franzosen in Wien: "Diese Wahl soll keine Frau gewinnen"

Der KURIER hat sich umgehört, was die Auslandsfranzosen in Österreich über die Wahl denken

Die Türen des Lycée Français stehen ausnahmsweise an einem Sonntag offen. In den Räumen der französischen Schule sind vier Wahllokale untergebracht, in denen die rund 6000 in Österreich lebenden (davon rund 5400 in Wien) wahlberechtigten Franzosen bis 19.00 Uhr für ihren Präsidentschaftskandidaten stimmen können.

Eine der Personen, die hier ihre Stimme abgeben wird, ist Carole Loewe.

Vor Wahlen ist die Französin generell besorgt, vor dieser jedoch ganz besonders: "Die Vorwahlen waren diesmal so konfus, und das Ergebnis könnte für ganz Europa erschütternd sein." Mit einigen Auslandsfranzosen hat sie sich wenige Tage vor der Wahl zu einem Diskussionsabend des ADFE (Association Démocratique des Français à l'Etranger, Verein der Auslandsfranzosen) eingefunden, um das Großereignis zu besprechen – auf Deutsch.

Loewe, die seit 30 Jahren in Wien lebt und sich trotzdem eher als Französin sieht, wird für den unabhängigen Präsidentschaftskandidaten Emmanuel Macron stimmen. Mit diesem Vorhaben ist sie unter den Diskutanten an dem Abend nicht alleine.

Nicht repräsentativ

Daraus sollte man aber keine Rückschlüsse ziehen, meint der Politologe Michel Cullin, der die Debatte leitete.

Das Wahlverhalten der Auslandsfranzosen sei selten repräsentativ für ganz Frankreich. Anhänger der Populisten ( Cullin meint die Rechtsextreme Marine Le Pen und den Linkslinken Jean-Luc Mélenchon) werde man in Österreich weit weniger finden. Warum das so ist? "Vielleicht", sagt Cullin, "weil die Personen, die Frankreich verlassen, generell gebildete, reflektierte Menschen sind."

Für den Sonntag hat Cullin eigentlich nur einen Wunsch: "Ich unterstütze Frauen in Führungspositionen sehr, aber diese Wahl darf keine Frau gewinnen." Sylvie Köck-Miquel, Präsidentin des ADFE und Veranstalterin des Diskussionsabends, nickt zustimmend. Das hofft sie auch; sie fürchtet aber anderes. "Dabei geht es natürlich nicht um das Geschlecht, sondern wofür diese Frau steht."

Auch bei der Eröffnung des "Festivals du Film Francophone" im Gartenbaukino diese Woche gab es vor allem ein Diskussionsthema: die anstehende Wahl.

Der 41-jährige Ludovic Ferrière etwa ist noch unschlüssig.

Ferrière lebt seit 2011 in Wien und ist wegen seines Jobs im Naturhistorischen Museum hierher gezogen. Deutsch spricht er kaum. Für seine Arbeit benötige er die Sprache nicht, da das Umfeld international sei. Trotzdem fühlt er sich gleichermaßen als Franzose wie Österreicher. Wen er am Sonntag wählt, wird er in der Kabine entscheiden: "Es gibt nur die Auswahl zwischen extrem links oder rechts. Keinen der Kandidaten wünsche ich mir wirklich als Präsidenten." Ursprünglich dachte er, François Fillon (Les Republicains) würde das Rennen machen, wegen all der Skandale hat er das aber verworfen. Sollte Le Pen vom Front National gewinnen, würde er nicht zurück nach Frankreich ziehen.

Doppelstaatsbürger

Auch dem 26-jährigen Schauspieler Samuel Machto war lange Zeit nicht klar, wen er wählen sollte. Schlussendlich hat sich Machto, der in Österreich geboren wurde und eine Doppelstaatsbürgerschaft besitzt, dazu entschieden, nicht strategisch zu wählen, sondern jenen Kandidaten, der am ehesten seine Standpunkte vertritt – Benôit Hamon (Parti Socialiste). "Bei der Stichwahl wird man aber Kompromisse machen müssen", sagt er mit Verweis auf die Befürchtung, dass Le Pen ins Finale kommen könnte. Auf Umfragen gibt er nicht viel, da sie zuletzt bei Wahlen in den USA und beim Brexit falsch lagen.

Reality-Show

So geht es auch Maëlle Robertson aus der Bretagne, die derzeit ein Praktikum in Wien absolviert. Der diesjährige Wahlkampf gleiche einer Reality-Show, wo es kaum um Inhalte gehe. Auch die 22-Jährige sieht sich Umfragen kaum an und hat sich bei ihrer Entscheidung schwergetan. Schlussendlich entschied sie sich aber auch für Hamon. Wenn Le Pen gewänne, bestärke es sie in ihrem Plan, langfristig in Österreich zu bleiben.

Elisabeth Wersunig erzählt in starkem Akzent, dass sie vor 20 Jahren wegen ihres Mannes hierher gezogen sei und "sich stark österreichisiert" habe.

Heute, Sonntag, wird sie mit ihren zwei Kindern im Lycée ihre Stimme abgeben. Wie auch Ferrière, Machto und Robertson geht sie davon aus, dass es Emmanuel Macron und Le Pen in die Stichwahl schaffen.