Politik | Ausland
13.05.2017

Emmanuel und Brigitte Macron: "Er ist Plastilin in ihren Händen"

Frankreichs neuer Staatspräsident, 39, verdankt den Gutteil seiner Karriere seiner Frau Brigitte, 64. Ein Porträt.

Protokoll ist Protokoll: Am Sonntagvormittag erwartet der scheidende Staatschef François Hollande seinen Nachfolger auf den Stufen des Élysée-Palastes. Ernst und machtbewusst wird Emmanuel Macron, 39, über den roten Teppich in seinen neuen Amtssitz schreiten.

Bei einem anschließenden Gespräch hinter verschlossenen Türen wird Hollande seinem Nachfolger Staatsgeheimnisse weitergeben und die vertrauliche Gebrauchsanweisung für den Einsatz der Atomwaffen überreichen.

Ab Montag liegt es dann am jungen Staatschef, die französische Politik zu bestimmen. Seine erste Reise führt ihn an diesem Tag nach Deutschland, dessen Kanzlerin Angela Merkel bereits eine enge Partnerschaft angeboten hat.

Was Macron für ein Präsident sein wird, das wird ganz erheblich von seiner Frau Brigitte Macron abhängen, sind Gesprächspartner verschiedener politischer Anschauungen in Paris überzeugt. "Was er ist, ist er durch seine Ehefrau. Sie formte ihn, sie war die treibende Kraft hinter seiner Präsidentschaftskandidatur und dem Bruch mit der Parti socialiste. Er ist Plastilin in ihren Händen", sagt ein Pariser Absolvent der Elite-Hochschule ENA dem KURIER.

Anne Fulda, die Autorin der einzigen Macron-Biografie, die vor einem Monat erschienen ist, drückt es eleganter aus: "Brigitte ist seine wichtigste Gesprächspartnerin." Ein ganzes Kapitel widmet sie "Brigitte-Unique" in ihrem Buch " Emmanuel Macron – Un jeune homme si parfait" (Ein allzu perfekter junger Mann).

Langjähriger Einfluss

Die Journalistin der konservativen Tageszeitung Le Figaro skizziert in ihrem Buch, das demnächst auf Deutsch erscheint, den langjährigen Einfluss von Brigitte Macron auf ihren heutigen Mann: Zunächst als Französisch- und Latein-Professorin, dann als Geliebte und späteren Ehefrau.

Nicht alle sehen das positiv: "Emmanuel Macron sieht man das Einstudierte an", urteilt scharf Elisabeth Raether in der aktuellen Ausgabe der deutschen Wochenzeitung Die Zeit. Die Mehrheitsmeinung ist es nicht.

Seit der Siegesrede von Macron nach gewonnener Stichwahl vor dem Louvre vergangenen Sonntagabend wissen alle, welche Bedeutung seine Frau für ihn hat: "Ich danke Brigitte, die immer zugegen ist und sein wird", rief er der Menge zu. "Ohne sie wäre ich heute nicht hier", bekannte der 39-Jährige in einem seltenen emotionalen Ausbruch. Er küsste Brigitte auf offener Bühne und herzte ihre Enkelkinder, die "Daddy" zu ihm sagen.

Macron ist hoch intelligent, unnahbar und hebt immer wieder ab. Von diesen Höhenflügen versucht ihn seine Frau auf den Boden der Realität zurückzuholen. Und sie gesteht laut Paris Match gegenüber einer Freundin ganz offenherzig: "Es ist nicht gerade witzig, mit Jeanne d’Arc zusammenzuleben" (Jeanne d’Arc ist eine französische Nationalheldin; auch Macron will das Land retten, Anm.). Im Buch von Fulda bekennt Brigitte Macron, dass auch sie "nicht immer an ihren Mann herankommt".

Kritischer Blick auf Texte

Im praktischen Leben ist Madame Macron jedoch seine wichtigste Beraterin, sie gibt ihm wichtige Ideen und animiert ihn, Twitter und Facebook zu benützen. Das erzählen einflussreiche Unternehmer, die die Bewegung "En Marche!" bisher finanziell unterstützt haben und zum engsten Netzwerk von Macron gehören.

Sie geben auch Einblick, wie konkret das Coaching abläuft. Seine Frau sitzt in der ersten Reihe, wenn er in einem großen Saal eine wichtige Rede probt. "Zu schnell, Deine Stimme fällt ab", "halte die Höhe", ermahnt sie ihren Mann und rät ihm schließlich, "einfacher zu reden". Dank ihrer Profession hat sie enormes Sprachgefühl, redigiert alle seine Texte, feilt an Sprachbildern und Syntax.

Das nimmt natürlich viel Zeit in Anspruch, weswegen sie im Herbst 2014, als Emmanuel Macron Wirtschaftsminister unter Präsident François Hollande wurde, ihren Job am Jesuiten-Gymnasium von Amiens aufgab. Dass sie sich den Bedürfnissen ihres Mannes nach gut sieben Jahren Ehe unterordnete, passt nicht zu ihrem Selbstverständnis einer modernen Frau. Die berufliche Eigenständigkeit, die Vereinbarkeit von Familie und sozialem Engagement war Brigitte Macron immer sehr wichtig.

Feministin

Beeinflusst von der feministischen Frauenbewegung in den 1970er-Jahren, wollte auch die bürgerliche Tochter aus reichem Haus die ökonomische Unabhängigkeit, die berufliche Erfüllung sowie den Anspruch, Mann und Kinder unter einen Hut zu bringen, für sich realisieren. Das gelang ihr auch.

In erster Ehe war sie mit einem bekannten und reichen Bankier verheiratet, bekam drei Kindern und arbeitete Vollzeit. Das hätte sie nicht tun müssen. Die Familie Trogneux, aus der sie stammt, ist wohlhabend und produziert seit mehr als 100 Jahren Schokoladen, Kuchen und die Macarons d’Amiens nach einem alten Rezept aus dem 16. Jahrhundert. Auch von der traditionellen Familie emanzipierte sie sich.

Mit ihrem Ehemann, André-Louis Auzière, dessen Familiennamen sie annahm, übersiedelte sie 1989 in den Osten Frankreichs, wo er ein lukratives Angebot in Straßburg annahm. Hier, im elsässischen Truchtersheim, einem Vorort nördlich von Straßburg mit 4000 Einwohnern, entdeckte sie die Politik.

Für die Regionalwahlen kandidierte Brigitte Auzière auf einer parteiunabhängigen Liste mit dem Namen "Truchtersheim demain" (Die Zukunft von Truchtersheim), die sich um lokale Bürgeranliegen und vor allem um die Zukunftschancen der Jugend kümmerte. Neben dem politischen Engagement und der Erziehung ihrer Kinder unterrichtete sie auch am protestantischen Lycée Lucie-Berger in Straßburg.

Im engsten Kreis der Familie, auch von ihrem Mann, wird Brigitte Macron "Bibi" gerufen, von ehemaligen Schülern und Kollegen wird sie "Bam" – die Initialen von Brigitte Auzière Macron – genannt.

Tägliches Fitnesstraining

Mit diesen Namen und verschiedenen Identitätszuschreibungen kann sie ohne Probleme umgehen. Wie sie persönlich und emotional damit zurechtkommt, 25 Jahre älter als ihr Mann zu sein, weiß man nicht genau. Nach außen hin wirkt sie cool und lässt hämische Bemerkungen an sich abprallen.

Im Buch von Anne Fulda wird sie als stark, selbstbewusst, durchsetzungsfähig und diszipliniert beschrieben: Täglich macht sie eine Stunde Gymnastik, isst sehr gesund und trinkt wenig Alkohol. Wenn, dann nur sehr guten Wein. Auf ihr gepflegtes Äußeres war sie stets bedacht.

Bereits im Wahlkampf hat sie ihre Imagepflege in professionelle Hände gelegt: Die Pariser Star-Agentin Mimi Marchand berät sie bei Garderobe und Auftreten. Das Luxusunternehmen LVMH stellt ihr als Leihgabe Kleider zur Verfügung. Bei der Stichwahl am Sonntag, dem 7. Mai, trug sie ein Ensemble mit Silber-Applikationen von Louis Vuitton.

Ihr Ehemann, hat auch versprochen, ihre Rolle als Première dame gesetzlich festlegen zu lassen. Nach US-Vorbild soll Gattin Brigitte im Élysée einen offiziellen Status erhalten: mit Büro, Budget und Zielen. Brigitte Macron hat schon erklärt, was sie machen will: Die Rolle neu definieren und sich für soziale Außenseiter engagieren: Arbeitslose Jugendliche der Vorstädte, Frauen als Opfer von Gewalt und Behinderte. "Es ist nicht normal, eine ganze Randgruppe der Gesellschaft ohne Hoffnung zu lassen", verkündete die Pädagogin.

Von heute, Sonntag, an wird sie als First Lady mit ihrer Großfamilie, den drei Kindern und sieben Enkelkindern, an der Seite ihres Mannes den Präsidentenpalast erobern.