Grauzone: Prostitution ist in Frankreich legal, aber das Anwerben von Freiern ist verboten.

© Reuters/CHRISTIAN HARTMANN

Frankreich
11/29/2013

Streit um Prostitutionsgesetz

Das französische Parlament berät über ein neues Gesetz, das Geldstrafen für Freier vorsieht.

von Alexandra Uccusic

Seit Jahren wird in Europa über den richtigen Umgang mit der Prostitution debattiert. Soll sie kriminalisiert oder gesellschaftlich anerkannt werden, um den mit ihr verbundenen Problemen – Gewalt und Ausbeutung – ein Ende zu setzen? Der Trend zur Legalisierung hat sich jüngst umgekehrt, seit Frauenrechtlerinnen auf eine Bestrafung der Freier drängen. Ein derartiges Gesetz wird nun in Frankreich diskutiert.

Prostitution ist in Frankreich zwar legal, doch das Anwerben von Freiern steht unter Strafe. Bis zu zwei Monate Haft und 3750 Euro Geldstrafe drohen den Prostituierten. Sexarbeiterinnen bewegen sich also an jedem Arbeitstag in einer rechtlichen Grauzone.

1500 Euro Strafe

Damit soll nun Schluss sein. Sozialistische Abgeordnete haben mit Unterstützung von Frauenrechtsministerin Najat Vallaud-Belkacem ein „Gesetz zur Verstärkung des Kampfs gegen das System Prostitution“ vorgeschlagen. Der nun im Parlament diskutierte Entwurf sieht eine totale Kehrtwende vor: Statt der Frauen sollen die Freier bestraft werden. Wer sich erwischen lässt, könnte 1500 Euro zahlen müssen – bei einer Wiederholungstat sogar 3000 Euro. „Prostituierte sind Opfer“, sagt die Abgeordnete Maud Olivier. „Wir wollen Prostitution langfristig abschaffen.“

Um das zu erreichen, sieht der Gesetzesentwurf zahlreiche weitere Maßnahmen vor: Freier, die erwischt werden, könnten etwa zu Sozialarbeit in Hilfsorganisationen für Prostituierte verpflichtet werden. Für Frauen, die aussteigen wollen, soll es Hilfe und Unterstützung geben.

„Dreckskerle“

Von gesellschaftlichem Konsens kann aber keine Rede sein. Selbst Prominente wie Catherine Deneuve oder Charles Aznavour unterzeichneten eine Petition gegen das Gesetz. Mit dem Appell „Finger weg von meiner Hure“ kämpfen 343 selbst ernannte „Dreckskerle“ gegen die Bestrafung von Freiern – unter ihnen auch der Schriftsteller Frédéric Beigbeder (in Anspielung auf das "Manifest der 343" siehe unten).

Vereinigungen von Sexarbeiterinnen sehen die Bestrebungen zur Bestrafung ihrer Kunden naturgemäß ebenfalls kritisch. Und auch verschiedene Hilfsorganisationen sind dagegen: „Je illegaler Prostitution wird, desto mehr findet sie im Untergrund statt und desto gefährlicher wird die Arbeit für die Frauen“, sagt die Sozialarbeiterin Laure Courret.

„Scheinheilig“

Bereits jetzt würden Zuhälterringe chinesischen Prostituierten anbieten, sie an versteckten Orten mit Kunden zusammenzubringen. „Dort können sie niemanden zu Hilfe rufen, falls es Ärger mit dem Freier gibt“, meint Courret. „Das Gesetz ist scheinheilig.“

Unbestritten ist jedoch, dass ein Großteil der Prostituierten der Arbeit nicht freiwillig nachgeht. Vor allem Ausländerinnen sind betroffen, die oft unter falschen Versprechungen ins Land gelockt werden und dann ihren Zuhältern ausgeliefert sind.

Österreich ist in Bezug auf Prostitution Transit- und Zielland, wie Gerald Tatzgern, Leiter der Zentralstelle Menschenhandel im Bundeskriminalamt in Wien, erklärt. Opfer von Menschenhändlern werden „immer wieder unter Druck gesetzt, durch psychische und physische Gewalt“, so Tatzgern.

Vergewaltigungen

„Wenn sich eine Frau ein bisschen ,zieren‘ sollte, wird ihr gesagt ,Ich habe deine Tochter gesehen, magst du sie sprechen? Ich hoffe nicht, dass ihr etwas passiert. Wenn du brav arbeitest, passiert ihr nichts‘“, beschreibt Tatzgern. Die Gewalt reiche bis zu Vergewaltigungen.

Derzeit ist die Prostitution in drei von 28 EU-Staaten völlig verboten (siehe Grafik). In vielen Ländern befindet sie sich in einem Graubereich. Legalisiert und gesetzlich geregelt ist sie etwa in Deutschland und Österreich. Deutschland gilt laut der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, die gegen Prostitution kämpft, als Drehscheibe für internationalen Mädchenhandel.

Manifest der 343

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