Politik | Ausland
25.07.2017

Flüchtlinge: Immer mehr unbegleitete Minderjährige in Italien

12.239 Kinder kamen seit Jahresbeginn allein in Sizilien an. Die meisten Minderjährigen sind Burschen zwischen 16 und 17 Jahren.

In Italien wächst die Sorge wegen der großen Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Seit Anfang 2017 haben 12.239 unbegleitete Kinder und Jugendliche Italien erreicht, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten UNICEF-Studie hervorgeht. 93 Prozent der in Italien eingetroffenen Minderjährigen kamen alleine nach Italien.

Die meisten Minderjährigen sind Burschen zwischen 16 und 17 Jahren. Sie berichteten meist, dass die Zeit in Libyen die schwierigste ihrer Reise gewesen sei. 47 Prozent erzählten, sie seien in Libyen zu Erpressungszwecken entführt worden.

27.005 Minderjährige in Italien spurlos verschwunden

Die wachsende Zahl unbegleiteter Minderjähriger unter den in Italien ankommenden Flüchtlingen macht den italienischen Behörden zunehmend Sorgen. Im vergangenen Jahr verschwanden laut dem italienischen Innenministerium insgesamt 27.005 minderjährige Migranten, die ohne Begleitung von Erwachsenen in Italien eingetroffen waren, spurlos. Dies entspricht einem Plus von 44 Prozent gegenüber dem Jahr 2015, als 18.360 minderjährige Flüchtlinge verschwanden.

Die meisten minderjährigen Migranten sind in eigenen Flüchtlingseinrichtungen für Jugendliche untergebracht, wo sie bis zu ihrer Identifizierung eineinhalb Jahre verbringen müssen. Einige tauchen einfach unter.

Die Betreuung von unbegleiteten Kindern wurde in Italien in den vergangenen Jahren verbessert. So wird für minderjährige Flüchtlinge eine Person eingesetzt, die sich um die Fürsorge und um die Zusammenführung mit Familienangehörigen kümmert. Das italienische Parlament hat Ende März zudem ein Gesetz zum Schutz von Migrantenkindern, die ohne Eltern in Italien eintreffen, verabschiedet.

Das Gesetz gewährt Migrantenkindern dieselben Rechte wie europäischen Minderjährigen. Sie dürfen daher nicht abgeschoben werden. Italienischen Gemeinden, die unbegleitete Flüchtlingskinder aufnehmen, wird besondere finanzielle Unterstützung garantiert. Dazu wird ein Netz von Heimen für Flüchtlingskinder aufgebaut.

Die Zahl der Flüchtlinge, die seit Anfang 2017 über das Mittelmeer nach Italien gekommen sind, ist gegenüber dem Vorjahr deutlich gestiegen. 93.417 Migranten erreichten seit Jahresbeginn die italienische Küste, das sind 5,7 Prozent mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres, wie das Innenministerium in Rom am Dienstag mitteilte.

> Lesen Sie hier den Blog der KURIER-Reporter Moritz Gottsauner-Wolf und Jürg Christandl, die sich derzeit an Bord eines NGO-Schiffes im Mittelmeer befinden.

Warum Jugendliche aus Afrika flüchten: Europa nicht das primäre Ziel

Jugendliche flüchten aus Afrika nach einer neuen Studie oft ohne Wissen ihrer Eltern, und sie wollen nicht explizit nach Europa, sondern nur weg von Gewalt und Elend. "Auslöser der Flucht ist primär nicht der Wunsch, nach Europa zu gelangen, sondern vielmehr die schreckliche Lebenssituation daheim", sagte Sarah Crowe, Sprecherin des UN-Kinderhilfswerks UNICEF am Dienstag in Genf.

UNICEF hatte die Studie in Auftrag gegeben. Befragt wurden 850 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren. Während in griechischen Aufnahmezentren meist Familien aus Syrien, dem Irak und Afghanistan seien, kämen in Italien vor allem Afrikaner an. Von Jänner bis Juni kamen dort 12.000 Minderjährige an, 93 Prozent davon ohne Eltern.

Dreiviertel der in Italien befragten Jugendlichen sagten nach diesen Angaben, sie hätten die Fluchtentscheidung allein getroffen. Neben der schwierigen politischen Lage gaben sie als Grund häusliche Gewalt, Zwangsehe oder mangelnde Bildungschancen an. Viele seien oft zwei Jahre unterwegs gewesen und unter schwersten Bedingungen nach Libyen gekommen, sagte Crowe. Fast die Hälfte sei in Libyen entführt, festgehalten oder erpresst worden. Erst die desolate Lage dort habe sie zur lebensgefährlichen Flucht nach Europa getrieben. "Wenn der Löwe hinter dir steht und das Meer vor dir liegt, gehst du auf's Meer", zitierte Crowe einen Buben aus Gambia.

EU-Marinemission "Sophia" bis Ende 2018 verlängert

Die EU-Staaten haben am Dienstag die Marinemission "Sophia" vor Libyen bis Ende 2018 verlängert. Ziel der Operation ist es, das Geschäftsmodell der Migrantenschlepper und Menschenhändler im südlichen zentralen Mittelmeer zu zerschlagen.

"Als vorrangige Angelegenheit werden wir in den nächsten Tagen mit der Überarbeitung des Operationsplans beginnen, um die neuen Aufgaben, wie beispielsweise den Mechanismus für die Überwachung der Tätigkeiten der libyschen Küstenwache und Marine nach der Ausbildung, miteinzubeziehen und um die Wirksamkeit der Mission und die geteilte Verantwortung unter den EU-Staaten zu stärken", sagte die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini in Brüssel.

Die Operation nimmt zwei unterstützende Aufgaben wahr: die Ausbildung der libyschen Küstenwache und Marine sowie einen Beitrag zur Umsetzung des Waffenembargos der Vereinten Nationen auf hoher See vor der Küste Libyens im Einklang mit den Resolutionen des UNO-Sicherheitsrats.

Neben der Verlängerung wurde die Operation geändert. Die drei neuen Punkte sind: die Einrichtung eines Beobachtungsmechanismus' für ausgebildete Personen, um die langfristige Effizienz der Ausbildung der libyschen Küstenwache sicherzustellen; die Durchführung neuer Überwachungstätigkeiten und das Sammeln von Informationen über illegale Ölexporte aus Libyen sowie mehr Möglichkeiten für den Austausch von Informationen über Menschenhandel zwischen den Strafverfolgungsbehörden der EU-Mitgliedstaaten, der EU-Grenzschutzagentur Frontex und der europäischen Polizeibehörde Europol.

Die italienische Regierung hatte zuletzt die Verlängerung von Sophia" blockiert, weil Rom mehr Unterstützung aus der EU bei der Versorgung von Bootsflüchtlingen verlangte. Heuer kamen bereits fast 90.000 Flüchtlinge über das Mittelmeer in Italien an - rund ein Fünftel mehr als im Vorjahreszeitraum. Rund 90 Prozent kommen dabei über Libyen. Italien sieht sich inzwischen an der Grenze seiner Aufnahmefähigkeit und verlangt unter anderem die Öffnung von Häfen anderer EU-Staaten für Flüchtlingsboote. Dies lehnen die anderen EU-Regierungen bisher aber ab.

In der Flüchtlingskrise geht "Sophia" seit Juni 2015 gegen Schlepper vor. Die sechs EU-Schiffe dürfen dabei auf hoher See verdächtige Boote stoppen, durchsuchen und beschlagnahmen. Zudem retten sie Flüchtlinge aus Seenot. Seit dem vergangenen Jahr geht die Marine-Mission auch gegen Waffenschmuggel vor und bildet Personal für die libysche Küstenwache aus. Das österreichische Bundesheer beteiligt sich mit rund acht Stabsoffizieren an "Sophia". Insgesamt beteiligen 25 der 28 EU-Staaten an dem Einsatz.