"Viel Kaffee und Cola light haben auch geholfen."

© REUTERS/ERIC VIDAL

KURIER-Interview
07/13/2015

"Leider gab es auch Provokationen"

Vorsichtiger Optimismus in puncto Griechenland: Kanzler Faymann im KURIER-Interview nach der langen Nacht in Brüssel.

von Helmut Brandstätter

KURIER: Herr Bundeskanzler, Sie haben die ganze Nacht durchverhandelt, kann man da in der Früh, ohne Schlaf, diese komplizierten Themen wirklich noch genau überblicken und richtige Beschlüsse fassen?

Kanzler Werner Faymann: Ja, ich habe mich in den Tagen davor intensiv mit den Themen beschäftigt, da konnte mich nichts überraschen, und viel Kaffee und Cola light haben auch geholfen. Ehrlich gesagt war es am schwierigsten zwischen ein und fünf Uhr früh. Aber die entscheidenden Stunden waren dann nach sechs Uhr.

Wann war die Einigung klar?

Erst ganz zum Schluss. So um halb sieben in der Früh waren wir weit auseinander. Leider gab es auch Provokation und mangelnden Respekt vor dem anderen. Das hat die Verhandlungen verlängert.

Mit Provokation meinen Sie den Schäuble-Vorschlag eines Grexit auf fünf Jahre?

Ja, ein befristetes Ausscheiden war eine Provokation. Die Leute hätten Geld verloren, die Betriebe Investitionen, die Banken wären gesperrt geblieben. Und Bundeskanzlerin Merkel wollte das nicht.

Aber vielleicht wurde so der Druck auf Griechenland erhöht?

Die Provokationen haben die Antwort nur verzögert.

Premier Tsipras hat mit seinem Referendum ja auch provoziert.

Ja, eindeutig. Jetzt muss er eine Mehrheit im Parlament finden, die er mit seiner Partei ja nicht mehr hat. Es wird schwierig, aber er ist optimistisch, im Parlament eine Mehrheit zu finden.

Deutsche Wirtschaftsvertreter sprechen von "Insolvenzverschleppung".

Wir sind erst am Anfang eines harten Weges, es gibt keinen Grund zum Feiern. Wir haben erst einen ersten Schritt geschafft. Wer glaubt, dass morgen paradiesische Zustande entstehen, der belügt die Leute. Es wird hart.

War die Einigung nur möglich, weil Deutschland und Frankreich am Ende einig waren?

Ja, das kann man durchaus so sehen. Ein Streit zwischen diesen beiden Ländern wäre verheerend für Europa. Ein Grexit und die politische Spekulation, welches Land kommt als nächstes, wäre erst recht für Europa verheerend gewesen.

Wie viel Geld kostet die Einigung uns Österreicher?

Den ESM, den Schutzschirm gibt es, da haben wir 2,7 Prozent Anteil. Jetzt muss das Programm aktiviert werden, und das muss auch unser Parlament beschließen, das wird in den nächsten Tagen stattfinden.

Entscheidung am Freitag: Der Nationalrat soll nun am Freitag in einer Sondersitzung seinen Segen zum neuen Hilfsprogramm geben. Schon für Donnerstag ist eine Sitzung des zuständigen ESM-Unterausschusses angesetzt. Ob dessen Zustimmung ausgereicht hätte, war zuletzt Interpretationsfrage zwischen den Fraktionen. Um auf Nummer sicher zu gehen, wird nun das Plenum eingeschaltet. Für einen Beschluss ist eine einfache Mehrheit notwendig, die durch SPÖ und ÖVP gegeben ist. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit bräuchte es nur, wenn man die Frist zwischen Unterausschuss und Plenum auf unter 24 Stunden verkürzen müsste. Primäre Voraussetzung ist freilich, dass das griechische Parlament die von der Eurozone eingeforderten Beschlüsse bis Mitte der Woche fällt.

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