Politik | Ausland
05.12.2011

Exil-Syrer: "Sie schießen auf alles!"

Freiheitskampf im Exil: Ein junger Syrer bemüht sich von Deutschland aus, den Demonstranten in der Heimat beizustehen.

Der 26-jährige Informatiker Mohammad (den Nachnamen möchte er nicht nennen, Anm.) wurde im syrischen Daraa geboren und lebt seit 2003 in Deutschland. Er übersetzt mit fünf anderen jungen Syrern Internet-Blogs, organisiert Demonstrationen und versucht so, den verfolgten Gegnern von Bashir al-Assad im Ausland eine Stimme zu verleihen. In perfektem Deutsch antwortete er auf die KURIER-Fragen:

"Jetzt sind sie verrückt geworden"

KURIER: Wann haben Sie die Facebook-Seite "Die syrische Revolution 2011" gegründet?
Mohammad:
Ungefähr Ende März nach Beginn der Revolution in Daraa. Wir wollen alle an der Revolution Interessierten im deutschsprachigen Raum und auch die Medien über die tatsächlichen Geschehnisse informieren und auf ihre Fragen antworten.

Wieso sind Facebook-Seiten und Blogs in den arabischen Revolutionen so wichtig?
Sie dienen als Nachrichtenquelle für die Demonstranten, da die internationale Presse nicht ins Land einreisen darf. Zweitens ermöglichen sie oft eine leichtere, sichere und schnelle Kommunikation und Koordination unter den Demonstranten.

Was oder wen wollen Sie mit den deutschen Übersetzungen erreichen?
Alle, die dem syrischen Volk helfen können, auch diejenigen, die Autorität besitzen - einschließlich Politiker und Parlamentsabgeordnete im deutschsprachigen Raum.

Wann waren Sie das letzte Mal in Syrien?
Im Sommer 2009.

Haben Sie Familie dort?
Meine ganze Familie lebt in Daraa.

Wie stehen Sie in Kontakt mit den Menschen in Syrien? Wie gut ist die Internet- und Telefonverbindung?
Wir haben direkten Kontakt durch Telefon und Internet. Leider funktioniert das Netz nicht immer, da das Regime oft die Verbindungen abschaltet. Besonders wenn sich die ganze Stadt im Aufstand befindet. Wenn eine Stadt militärisch belagert ist, merkt man das beim Telefonieren. Die Menschen dort erzählen nicht mehr von Demonstrationen, sondern sagen: "Es ist alles so, wie du aus dem Fernsehen schon weißt."

Was spielt sich gerade in Hama ab?
Das Militär hat die Stadt einen Monat lang abgeriegelt. Jetzt haben sie sie gestürmt . Die Lage ist ganz schlimm. Sie schießen auf alles! Mehrere Städte haben sie gleichzeitig gestürmt, auf der Autobahn zwischen Aleppo und Damaskus lassen sie keinen mehr durch. Ich glaube, jetzt sind sie verrückt geworden, wahrscheinlich wollten sie alles vorm heutigen Beginn des Ramadan beenden.

Wieso vor dem Ramadan?
Die haben Angst vor dem Ramadan. Wissen Sie, jetzt ist jeder Tag wie ein Freitag. Jeden Tag gibt es ein Abendgebet, zu dem sich die Leute versammeln. Und nach der Moschee geht es zur Demo. Außerdem zittert das Regime, weil es beim Militär immer mehr Deserteure gibt.

Denken Sie, es wäre besser, wenn es, wie in Libyen, auch in Syrien einen NATO-Einsatz geben würde?
Einen NATO-Einsatz? Um Gottes Willen! Das syrische Volk erwartet von allen Völkern der Welt und von deren Regierungen Solidarität und politische sowie menschliche Unterstützung, indem sie Assads Regime für illegitim erklären. Praktisch heißt das, die diplomatischen Beziehungen auf das niedrigste Niveau zu reduzieren. Das Problem in Syrien ist, dass die Menschen ihre Freiheit und Menschenwürde fordern, was für Assads Regime den Sturz bedeuten würde. Freiheit und Würde sind eine menschliche und keine innere Angelegenheit, wie das Regime behauptet.

Warum, glauben Sie, griff die NATO bisher nicht ein?

Die Realität hat uns gezeigt, dass die NATO den wirtschaftlichen Interessen des Westens dient und dafür die menschlichen Interessen ausnutzt.

Es gab verschiedene Meinungen in der Opposition, ob es eine Übergangsregierung geben sollte. Jetzt ist ein elfköpfiger Rat installiert worden. Was halten Sie davon?
Wir begrüßen jede Konferenz, die dazu dient, dieses Regime friedlich zu stürzen. Ich glaube, dass der Rat ein Schritt nach vorne ist. Wir versuchen, mit ihm in Kontakt zu bleiben.

Sie wollen Ihren Nachnamen nicht verraten. Denken Sie, dass der Geheimdienst hinter Ihnen her ist?
Ich glaube, der hat genug zu tun. Aber ich will es ihm trotzdem nicht zu leicht machen. Mir hat aber kürzlich ein Freund erzählt, dass es einen Haftbefehl gegen mich gibt. Vielleicht hatten sie nur noch keine Zeit, um bei meiner Familie anzuklopfen.