Politik | Ausland
08.02.2018

EU-Parlament stößt europaweites Ende der Zeitumstellung an

Noch beträfe eine EU-weite Uhrzeitsveränderung auch den Londoner Clock Tower. © Bild: AP/Matt Dunham

Am Donnerstag stimmte das EU-Parlament über einem Antrag ab, der das Ende der Zeitumstellungen im Winter und Sommer in der gesamten EU anstoßen könnte.

Sommerzeit und Winterzeit - zweimal jährlich bringt eine Zeitumstellung unseren Schlafrhythmus durcheinander. Häufig ist das Gegenstand von Debatten, wirtschaftlich und gesundheitlich soll diese regelmäßige Versetzung der Uhrzeiger durchaus hinterfragenswert sein. Manche Staaten wollen diese Thematik nun angehen und entweder auf die Winter- oder Sommerzeit verzichten. Auf die Anregung dieser Mitgliedsstaaten nahm sich nun auch das EU-Parlament dieser Debatte an. Am Mittwoch wurde in Straßburg darüber abgestimmt.

Ist das eines dieser kleinlichen Gebiete, in dem die EU eigentlich nichts zu melden hat und wie oft beschworen, "mehr Subsidaritätsprinzip" nötig wäre? Prinzipiell ist die Zeitumstellung nämlich eine Frage der nationalen Gesetzgebung. Was man in Europa angesichts der Kleinstaatlerei und vieler grenzüberschreitender Aktivitäten aber gar nicht gebrauchen kann, ist ein Wirrwarr - würde also etwa Österreich, die Schweiz, Tschechien und Ungarn die Uhrzeit unterschiedlich handhaben.

Wie auch immer man die Frage nach Sinn und Unsinn der Zeitumstellung und die Präferenz für eine der beiden Zeiten für sich beantwortet: Die Zeitumstellung ist ein scheinbar kleines, wenn auch für viele Leute emotionales Thema, das sinnvollerweise trotzdem eine europäische Koordination und Vereinheitlichung benötigt.

Was im EU-Parlament am Donnerstag nun angenommen wurde, ist dann auch nicht mehr als das. Die Abgeordneten entschieden nicht darüber, ob es die Zeitumstellung zwei Mal im Jahr geben soll oder nicht, sondern ob die EU-Kommission sich dieses Themas annehmen und eine einheitliche Lösung mit den Mitgliedsstaaten entwickeln soll. Mit dabei im Antrag war praktisch eine Empfehlung, dass die Zeitumstellung bald der Vergangenheit angehören soll. Ob die Kommission folgt und ob es das Ende der Winter- oder Sommerzeit bedeuten würde, wird sich zeigen.

Sommerzeit erst seit dem 20. Jahrhundert

Die Sommerzeit gibt es in Österreich erst seit etwa hundert Jahren. Ihre Einführung wurde noch in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie 1916 beschlossen. Eine Vielzahl an Änderungen der Gesetzeslage in den folgenden Jahren folgte, die unterschiedlich Start- und Endtermine festlegten, 1920 schaffte man die Maßnahme wieder ab. Als Teil von Hitlerdeutschland kam die Sommerzeit zurück, einige Jahre nach dem Krieg endete sie wieder. Ab 1980 galt sie wieder. Seit dem EU-Beitritt 1995 folgt Österreich nun einfach der jeweiligen Richtlinie. Seither beginnt die Sommerzeit am letzten Sonntag im März und endet am letzten Sonntag im Oktober.

Als Gründe für die Einführung wurde immer wieder die Hoffnung auf Energiespar-Effekte eingebracht. Deshalb fielen Initiativen zur Einführung auch oft mit Kriegszeiten oder Energiekrisen zusammen. Die erhofften Effekte waren zahlreichen Studien zufolge dann aber schwer bis kaum nachzuweisen. Schon jetzt wurde die Sommerzeit auch an vielen Orten wieder abgeschafft: Etwa in Teilen der USA, Australiens und Kanadas oder auch in Russland, China und der Türkei. In zahlreichen Ländern der Welt wurde die Maßnahme überhaupt nie ausprobiert.

Vor allem junge Menschen leiden unter Mini-Jetlag

Die halbjährliche Zeitumstellung auf die Sommerzeit und wieder zurück auf Normalzeit sorgt in der EU und ihren Mitgliedsstaaten immer wieder für Diskussionen. Von der österreichischen Bevölkerung wird die Verschiebung des Tageslichts um eine Stunde nach hinten bisher gelassen gesehen. 80 Prozent betrachteten dies im Jahr 2011 in einer Umfrage des Linzer Market-Instituts positiv bzw. neutral.

39 Prozent fanden damals, die Zeitumstellung habe Vorteile. 41 Prozent erklärten, dass die Sommerzeit für sie weder Vor- noch Nachteile bringe. Nachteile sahen lediglich 19 Prozent. Von den Befragten zwischen 15 und 29 Jahren waren sogar 60 Prozent von der Sommerzeit begeistert. Viele Befürworter fand sie auch bei den Berufstätigen. Hier sahen 44 Prozent klare Vorteile. Zu den wirtschaftlichen Auswirkungen befragt, sagten 83 Prozent, sie sehen die Sommerzeit neutral bis positiv.

Die Folge für den Menschen ist in erster Linie ein "Mini-Jetlag". Von diesem sind Kinder und Jugendliche am stärksten betroffen, hatte die MedUni Wien zur Zeitumstellung im Frühjahr 2017 mitgeteilt. Generell sei die Umstellung nicht mehr zeitgemäß und unnötig, sagte Schlafforscher Gerhard Klösch von der Universitätsklinik für Neurologie.

Der menschliche Organismus gleicht sich automatisch an den natürlichen Rhythmus des Lichts an. "Dazu brauchen wir keine Zeitumstellung. Licht ist ein optimaler Zeitgeber", erläuterte Klösch. Der Wechsel auf Sommerzeit kostet Kinder und Jugendliche laut Untersuchungen effektiv 32 Minuten Schlaf. Dieses Minus kann sich über zwei Wochen hinziehen. Es gibt aber auch Schlafforscher, die den Menschen für anpassungsfähig genug halten, sich auf die halbjährliche Zeitumstellung einzustellen.

Bei Haustieren empfehlen NGOs eine schrittweise Umstellung in den Tagen vor dem Wechsel. Kühe haben beispielsweise auch feste Zeiten, wann sie gefüttert und gemolken werden. Viele Bauern versuchen daher ebenfalls, die Fütterungszeiten nach und nach anzupassen. Trotzdem kann es passieren, dass Kühe über mehrere Tage weniger Milch geben.