Trauer nach dem Anschlag auf 'Charlie Hebdo'

© KURIER/Jeff Mangione

Islamisten-Attacke
01/06/2017

Es begann mit "Charlie Hebdo": Anfang einer blutigen Anschlagswelle

Mit Kalaschnikow-Schüssen in der Pariser Rue Nicolas Appert begann in Frankreich ein neues Zeitalter des Schreckens.

Zwölf Menschen wurden vor zwei Jahren beim Anschlag auf die bekannte Satirezeitung "Charlie Hebdo" getötet, kaltblütig erschossen von fanatischen Islamisten. Es war der Beginn einer beispiellosen Anschlagswelle, der in Frankreich bisher 238 Menschen zum Opfer gefallen sind und die im vergangenen Jahr auch Deutschland erfasste. Die Sorge vor neuen Attacken ist allgegenwärtig geworden, der Kampf gegen den Terrorismus ein beherrschendes Thema. Mit schlichten Trauerzeremonien, ohne Pomp und Reden, wurde am Donnerstag erneut der Anschläge auf "Charlie Hebdo" am 7. Jänner 2015 und auf einen jüdischen Supermarkt zwei Tage später erinnert. Die Bilder von den Bluttaten haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt - auch wenn später neue schockierende Bilder hinzukamen.

Einer nach dem anderen

Bei Attacken auf die Fußballarena Stade de France, die Konzerthalle Bataclan und eine Reihe von Bars und Restaurants töteten islamistische Kommandos am 13. November desselben Jahres in Paris 130 Menschen. Am 14. Juli 2016 raste dann ein Mann in der südfranzösischen Stadt Nizza mit einem Lastwagen in eine Menschenmenge und tötete 86 Menschen.

Ins Visier der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) geriet zunehmend auch Deutschland. Am vergangenen 19. Dezember tötete der Islamist Anis Amri bei einer Lkw-Attacke auf einen Berliner Weihnachtsmarkt zwölf Menschen. Im Anti-Terror-Kampf verschärften EU-Staaten ihre Gesetze und beschworen immer wieder eine engere Zusammenarbeit - doch mit jedem Anschlag wurden erneut die Grenzen dieser Bemühungen deutlich. So hatten die deutschen Sicherheitsbehörden Amri schon lange als Gefährder auf dem Schirm. Doch nach dem Anschlag von Berlin konnte der Tunesier mehrere Nachbarländer durchqueren, bevor er schließlich in Italien erschossen wurde.

Experten sind sich einig: Die Anschlagsgefahr bleibt in diesem Jahr unverändert hoch. "Charlie Hebdo" brachte es diese Woche mit schwarzem Humor auf den Punkt: "2017 - Endlich Licht am Ende des Tunnels" steht auf der Titelseite einer Sonderausgabe. Doch auf der dazugehörigen Karikatur schaut ein Mann in den Lauf einer Kalaschnikow, mit der ein grimmig dreinblickender Bärtiger in langem Gewand auf ihn zielt. Das Satireblatt selbst erlangte durch den Anschlag vor zwei Jahren weltweite traurige Berühmtheit, bekam viel Unterstützung, konnte sich trotz des Verlustes seiner bekanntesten Karikaturisten halten und startete vor einem Monat sogar eine deutsche Ausgabe. Trotzdem sieht sich "Charlie Hebdo" allein gelassen. "Wenn wir morgen eine Karikatur von Mohammed auf unsere Titelseite setzen, wer wird uns dann verteidigen?" fragt Herausgeber Laurent Sourisseau alias Riss. "Merkwürdigerweise haben wir das Gefühl, dass die Menschen noch intoleranter gegenüber 'Charlie' geworden sind."

Zumal das Blatt mit seinen häufig derben Karikaturen inzwischen auch in Ländern für Empörung sorgt, wo "Charlie Hebdo" vor dem Anschlag vollkommen unbekannt war. "Früher hat man uns gesagt, wir sollten bei Islamisten vorsichtig sein", sagt Riss. "Heute müssen wir bei Islamisten, Russen, Türken vorsichtig sein." Regelmäßig bekommt "Charlie Hebdo" Drohungen. Bis heute stehen die bekanntesten Mitarbeiter unter Polizeischutz, die Redaktion arbeitet an einem geheimen und drakonisch abgesicherten Ort. Bis heute haben die Ermittlungen zu den Anschlägen vom Jänner 2015 auch nicht alle Fragen beantworten können. Wie sprachen sich die "Charlie Hebdo"-Attentäter mit dem Islamisten ab, der den Anschlag auf den jüdischen Supermarkt "Hyper Cacher" verübte? Wie genau beschafften sich die später von der Polizei erschossenen Männer ihre Waffen? Welche Komplizen hatten sie? Und immer noch sind die Geheimdienste auf der Suche nach einem möglichen Auftraggeber aus Syrien.
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