Politik | Ausland
03.07.2017

Erdgas als Grundstein der Katar-Krise

Die Krise zwischen Katar und Saudi-Arabien war lange vorprogrammiert - laut dem Politikexperten Thomas Schmidinger könnte sogar eine militärische Eskalation drohen.

Von Armin Arbeiter

Die Katar-Krise spitzt sich weiterhin zu. Katar hat seine offizielle Antwort auf eine Liste von 13 Forderungen durch Saudi-Arabien und seine Verbündeten übergeben. Außenminister Scheich Mohammed al-Thani übergab das Antwortschreiben am Montag dem Emir von Kuwait, wie ein Regierungsvertreter am Golf sagte. Details wurden zunächst nicht veröffentlicht. Der Konflikt hat tiefe Wurzeln, die vor allem im wirtschaftlichen Bereich liegen.

Was ist in den vergangenen Wochen in Katar geschehen?
Am 5. Juni setzten Saudi-Arabien, Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Ägypten ihre diplomatischen Beziehungen zu Katar aus und schlossen ihre Grenzen. Offizieller Grund dafür waren behauptete enge Beziehungen zum Iran sowie die Unterstützung terroristischer Gruppierungen durch Katar. Am 22. Juni stellten die Staaten ein Ultimatum mit 13 Forderungen an Doha – unter anderem fordern sie die Schließung des katarischen Senders Al-Jazeera und die Kündigung aller diplomatischen Beziehungen zum Iran. Am Sonntag wäre dieses Ultimatum abgelaufen. Kuwait, das zwischen den Parteien vermittelt, erwirkte eine Verlängerung um 48 Stunden.

Ist eine Umsetzung dieser Forderungen realistisch?
"Kein Staat, der Wert auf seine eigene Identität legt, wird solchen Forderungen nachkommen, sie sind absolut unrealistisch", sagt der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger zum KURIER. Der katarische Außenminister Mohammed Al Thani wird noch am Montag die offizielle Antwort Katars an die vier arabischen Staaten überreichen. Es ist davon auszugehen, dass die Forderungen nicht erfüllt werden.

Was hat Katar so reich gemacht?
Mit 11.626 Quadratkilometern ist Katar zwar kleiner als Tirol, hat aber die drittgrößten Erdgasreserven der Welt und zählt zu den reichsten Staaten des Globus. Vor allem im Bereich des Flüssigerdgas stellt das Land ein Drittel des weltweiten Bedarfs zur Verfügung. Da Flüssigerdgas per Schiff transportiert wird, ist Katar nicht auf Unterstützung von Pipelines angewiesen und kann praktisch unabhängig Erdgas an die ganze Welt liefern. Die Einnahmen durch den Ressourcenhandel investierte Katar in mehr als 40 Länder. Beispielsweise gehören dem Emirat Teile des deutschen Volkswagen-Konzerns, der französische Fußballklub Paris Saint-Germain oder etliche Hotels und Immobilien in China. 2013 kaufte der Emir von Katar große Teile der Pariser Champs-Élysées auf – Geschäfte und Galerien auf mehr als 35.000 Quadratmetern gehören mittlerweile Katar. Auch in Afrika investiert das Land massiv in die Landwirtschaft und sichert sich dadurch politischen Einfluss.

Woher rührt die Rivalität zwischen Saudi-Arabien und Katar?
Saudi-Arabien war stets die dominierende Macht in der Region und konnte diese durch ihre wirtschaftliche Überlegenheit untermauern. Vor allem durch die Pipelines für Erdöl kontrollierte das Land den Ressourcenhandel auf der Halbinsel. Als Katar Anfang der 90er-Jahre begann, sein Erdgas zu verflüssigen, machte es sich mehr oder weniger von Saudi-Arabien unabhängig. In religionspolitischer Sicht unterstützt Katar die Moslembrüder, die Saudi-Arabien ein Dorn im Auge sind. Dass Katar islamistische Terrororganisationen finanziert, nimmt Saudi-Arabien zwar offiziell als Anlass zur Empörung, steht Katar in diesem Zusammenhang aber um nichts nach. Auch die Saudis unterstützen Ableger der Terrororganisation El-Kaida. "Katar hat ein regionales Hegemonieprojekt gestartet, kooperiert eng mit der Türkei und unterstützt Gruppierungen, die mit Saudi-Arabien verfeindet sind – im Grunde dürften das die Ursachen für den Konflikt sein", sagt Schmidinger. Es wird vermutet, dass der Besuch des US-Präsidenten Donald Trump in der saudischen Hauptstadt Riad etwas mit der Krise zu tun hat, offizielle Belege gibt es dafür jedoch nicht. Trump unterzeichnete einen großen Waffendeal mit Saudi-Arabien, nur ein paar Tage später kappten das Land und seine Verbündeten die Beziehungen zu Katar. Montagvormittag äußerte sich der US-Präsident ziemlich kryptisch:

Warum sind Bahrain, die VAE und Ägypten ebenfalls an der Krise beteiligt?
"Bahrain und die VAE hängen seit jeher am Gängelband der Saudis – durch historische, religiöse und wirtschaftliche Kooperation. Ägyptens Präsident Al-Sisi wird militärisch und finanziell von Saudi-Arabien unterstützt, vor allem aber hat er 2013 die Moslembrüder von der Macht verdrängt, die ja von Katar unterstützt wurden", sagt Schmidinger.

Wer unterstützt Katar?

Der Iran machte deutlich, seine diplomatischen Bezeihungen zu Katar zu stärken - Teheran kämpft mit Riad schon seit langem um die Deutungshoheit im Mittleren Osten. Auch die Türkei ist ein enger Partner des Emirats und unterstützt das Land mit Lebensmittellieferungen. Außerdem sind türkische Soldaten in Katar stationiert.

Welche Rolle nimmt die EU in der Katar-Krise ein?
Europa ist von den Ressourcen beider Konfliktparteien abhängig und bemüht sich, zu vermitteln. Am Montag fuhr der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel in die Region. "Wir sorgen uns, dass Misstrauen und Uneinigkeit letztlich alle Seiten und die Golf-Halbinsel als ganze schwächen könnten", sagte Gabriel vor seiner Abreise.

Welche Konsequenzen hätte ein längerfristiges Embargo für Katar?
"Im Grunde ist Katar von Saudi-Arabien und dem Meer umgeben. Solange die Seewege offen bleiben, dürfte Katar keine Probleme mit seiner Versorgung haben", sagt Schmidinger. In den vergangenen Wochen flog Katar bereits mehr als 4000 Kühe ein und baute seine Hafenkapazitäten aus. Neben der wirtschaftlichen Komponente sieht Schmidinger auch ein anderes Risiko: "Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Saudi-Arabien militärisch interveniert", sagt der Politikexperte.