Politik | Ausland
03.03.2016

Eine Schule, die sich neu erfunden hat

Wie ohne Stundenplan, Klassen und mit dem Fach "Herausforderung" Bildungserfolg möglich ist.

Es wirkt auf den ersten Blick wie ein Albtraum für konservative Bildungsexperten: Noten gibt es erst ab der neunten Schulstufe. Einen Stundenplan gibt es nicht, auch keine Klassen oder übliche Klassenzimmer. Dafür Pflichtfächer, die "Verantwortung" heißen – und gemeinnützige Arbeit im Kindergarten, Altenheim oder Wohngrätzel erfordern. Oder das Fach "Herausforderung".

Drei Wochen alleine

Da geht es darum, dass 13-Jährige sich für drei Wochen auf eigene Faust (aber mit einem über 18-jährigen Aufpasser) auf die Reise machen. Durch Polen. Oder nach Cornwall. Mit maximal 150 Euro in der Tasche. "Damit geht sich nicht einmal ein Campingplatz aus", sagt Margret Rasfeld verschmitzt. Die Schüler müssen sich eben organisieren, oder einfach wo klingeln und fragen, ob sie im Garten campieren dürfen.

Die Schulleiterin hat diese Fächer an ihrer Schule, der Evangelischen Schule in Berlin Zentrum (ESBZ), erfunden. Zu Beginn, 2008, sei das wild umstritten gewesen, vor allem die Eltern der Kinder waren ängstlich. Die Schüler aber seien von Anfang an "Feuer und Flamme" für das Projekt gewesen, sagt Rasfeld.

Um die drei Wochen auch zu "überleben", hatten die Schüler unterschiedliche Ansätze. Manche boten ihre Arbeit an, in Gärten oder auf Bauernhöfen. Oder sie schafften es, Fremde zu überzeugen, ihnen zu helfen. "Eine Gruppe hat es sogar mit null Euro geschafft. Die gingen sogar in Drei-Stern-Lokale essen, sogar mehrmals", berichtet Rasfeld. Und wenn die Schüler von ihrer "Herausforderung" zurückkommen, "dann leuchten sie und ruhen in sich. Das war von Anfang an faszinierend zu beobachten." Die 15-jährige Anna erzählt, dass sie seither daheim im Haushalt hilft, "weil ich verstanden habe, was das für eine anstrengende Arbeit ist."

Schneller Erfolg

Rasfelds Schule ESBZ ist – fast – ein Einzelfall in Deutschland. Als die Pädagogin aus Essen nach Berlin eingeladen wurde, eine Schule neu aufzubauen, startete sie mit 16 Schülern; einige kamen aus der Psychiatrie, andere fanden keine Schule mehr, die sie aufnimmt. "Nach einem halben Jahr waren es schon 44, und wir hatten 300 Anmeldungen für das neue Jahr." 500 Schüler sind es jetzt, mehr gehe sich aus Platzgründen nicht aus.

Gelernt wird an der Schule auch. Meist morgens findet an der Gemeinsamen Schule in "Lernbüros" Unterricht statt. Die Schüler können selber auswählen, ob sie gerade Englisch lernen wollen, Deutsch, Mathematik oder "Gesellschaftslehre und Natur". Die Schüler melden sich selbst zur Prüfung an, sobald sie bereit dazu sind. Das versteht Rasfeld unter "angstfreier Schule". Jeder Schüler hat einen Betreuer, mit dem Fortschritte und Probleme besprochen werden. Und es gibt alle Arten von zusätzlichen schulischen Aktivitäten wie Arbeitsgruppen, Theater und Sport.

Altes System

Keine Schulnoten? Rasfeld: "Ach, das ist ein Instrument des alten Systems. Und aussagekräftig sind sie auch nicht." Rasfeld und ihre mehr als 50 Lehrer nützen jeden Spielraum, den Schulaufsicht und Stadt der Schule ermöglichen. Zwei Abitur-Klassen haben die Schule schon verlassen. "Zweitbeste waren wir bei vergleichbaren Schultypen. Abi-Schnitt 2.0", sagt Rasfeld stolz. Obwohl rund ein Drittel der heutigen Abiturienten damals nach der Grundschule explizit "keine Gymnasialreife" hatte.

Die Schüler, das sagen sie auch, lieben ihre Schule – und gehen gerne hin. Der KURIER hat fünf von ihnen gefragt, was ihnen an ihrer Schule missfällt. Sie wussten nichts Negatives zu sagen. Viel Positives kam ihnen in den Sinn. "Weil wir uns hier selbstständig organisieren müssen, fällt einem immer etwas ein", erklärt Anna.

Verblüffend ist auch, dass Rasfeld über Österreich in höchsten Tönen berichtet. Ihre Ideen und Vorstöße würden hierzulande auf viel mehr Echo stoßen als in Deutschland. Längst würden sich einige Schulen lose über die Plattform "Schule im Aufbruch" selbst organisieren – und neu erfinden, bestätigt SPÖ-Bildungsministerin Heinisch-Hosek, die Rasfelds Schule am Mittwoch besucht hat. Ziel der Ministerin ist, Schulleiter und Lehrer zu ermutigen, "ihren gestalterischen Freiraum zu nutzen – und neue Wege zu gehen".

Abstrakte Entwicklungsziele der UN als Lernziel vermitteln

„Jede Schule hat einen heimlichen Lehrplan, die tatsächlich gelebte Kultur, die Schüler viel mehr prägt als alles andere“, erklärt die Berliner Direktorin Margret Rasfeld ihre Vision. „Diesen Lehrplan verinnerlicht man sein ganzes Leben lang, der prägt einen nachhaltig. Den Lernstoff aber vergisst man.“
Dazu komme, dass junge Menschen heute „alles wissen und mitbekommen, was passiert.“ Flüchtlingskrise, Kriege, Klimakatastrophe. „Also permanente Katastrophen. Und sie erleben Erwachsene, die diese Probleme nicht lösen.“ Die Gefahr dabei sei, dass die Jungen dann das alles von sich wegschieben und ignorieren. „Ich erlebe aber auch, dass immer mehr junge Menschen da nicht mehr mitmachen wollen, die sich lieber engagieren wollen als ganz viel Geld zu verdienen. Weil sie erkennen, dass sie etwas bewirken können.“
NachhaltigkeitDeshalb gehe es im Unterricht an ihrer Schule vor allem um die „Ziele nachhaltiger Entwicklung“ der Vereinten Nationen (zu denen sich auch Österreich verpflichtet hat). Konkret sind das 17 große Ziele – wie Armut und Hunger beenden, nachhaltig Wirtschaften oder den Klimawandel lösen.
Rasfeld: „Das sind sehr große Ziele, die wir nur schaffen können, wenn wir sie jetzt angehen. Dafür brauchen wir aber andere gesellschaftliche Haltungen. Und um das zu erreichen, müssen wir die Schulen verändern.“