Politik | Ausland
28.02.2018

"Ein Restaurantbesuch oder neue Schuhe – das geht sich nicht aus"

Die Jobmisere prägt das Leben der Italiener und den Wahlkampf. Eltern, die sogar Dreißigjährige noch durchfüttern müssen, verzweifeln.

Trotz Schneechaos und stundenlanger Zugverspätungen machten sich gestern aus allen Teilen Italiens 22.000 Bewerber für 365 staatliche Posten bei der Sozialversicherungsanstalt INPS auf den Weg nach Rom. Der "posto fisso", der fixe Arbeitsplatz, bleibt für viele junge Schulabgänger und Uni-Absolventen ein unerreichbarer Traum.

In der Vorwoche sorgte eine Kündigungswelle beim US-Hersteller Whirlpool nahe Turin für Aufregung. 500 Personen verlieren ihre Arbeit. Das Management hat die Firma kurzerhand aufgrund billigerer Produktionskosten nach Bratislava verlegt. Italiens Industrieminister Calenda versuchte vergeblich, Jobs zu retten.

Arbeitslosigkeit ist das zentrale Thema, das Jung und Alt von Nord bis Süd beschäftigt. Die Mitte-links-Regierung von Premier Paolo Gentiloni lobt zwar den Wirtschaftsaufschwung im Land. Doch auch wenn das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den Regionen Emilia Romagna, Veneto und Lombardei erstmals wieder steigt, herrscht Krisenstimmung.

Grundgehalt als magische Lösung

Das bedingungslose Grundgehalt, das Steckenpferd der populistischen Fünf-Sterne-Bewegung, erscheint da als magische Lösung. Die Fünf Sterne gehen damit auf Stimmenfang, haben aber keinen Plan, wie sich das Vorhaben bei den extrem hohen Staatsschulden finanzieren lässt. "Viele leben längst nicht mehr von ihrem Gehalt, sondern haben andere Einkommensquellen. Mittlerweile muss man froh sein, wenn man Jobs für drei bis fünf Euro pro Stunde ergattert", sagt Manuela Botteghi, die als Senatorin für die Fünf Sterne kandidiert. Ihr Enkel Ernesto (11) verteilt Flyer in Gorizia und erklärt sein frühes Engagement mit seinem Namen: "Ich heiße genau so wie Che Guevara."

Keine Faulpelze

"Ein Grundgehalt produziert keine Faulpelze, sondern animiert dazu, dass jeder das Beste für die Gesellschaft gibt", ist Botteghi überzeugt. Gemeinsam mit einer Gruppe Gleichgesinnter verteilt sie am Corso Verdi, der Einkaufsstraße in Gorizia an der Grenze zu Slowenien, das Wahlprogramm. Wie die meisten "Grillini" fühlt sie sich weder dem linken noch dem rechten politischen Lager zugehörig. Fünf-Sterne-Abgeordnete verpflichten sich, einen Teil ihres Gehaltes in einen Fonds zur Finanzierung von Mikrokrediten für Kleinunternehmen einzuzahlen. "Damit konnten wir etwa 60 Start-ups finanzieren und Hunderte Arbeitsplätze schaffen." Eine Passantin schimpft über Mandatare, die ihr Wort brachen und ihr volles Gehalt einsteckten. Laut Umfragen dürften es die Fünf Sterne mit Premier-Kandidat Luigi Di Maio mit 27 Prozent auf den ersten Platz schaffen. Ein Drittel aller Wahlberechtigten ist unentschlossen.

Familie ernähren

Keine fünfzig Meter vom Fünf-Sterne-Stand entfernt, betreibt Franco Zotti einen Ein-Mann-Wahlkampf für die rechtsextreme Lega von Matteo Salvini. "Die Lega in Gorizia – das bin ich", sagt Zotti stolz und überreicht seine Visitenkarte mit einem Foto, wo er mit einer Heugabel in der Hand auf einem Misthaufen steht. Der Bus-Chauffeur kommt neben den üblichen ausländerfeindlichen Parolen, dass die "Illegalen unsere Arbeitsplätze wegnehmen", schnell auf den Punkt: "Meine beiden 30-jährigen Söhne sind arbeitslos und wohnen noch zu Hause." Sein Gehalt reicht kaum aus, um die Familie zu ernähren. "Ein Restaurantbesuch oder neue Schuhe – das geht sich nicht aus", sagt der Norditaliener und zeigt sein altes Handy "aus der Steinzeit". Junge Afghanen und Pakistaner gehen an den Geschäften vorbei. "Erklär mir, wieso die das neueste Smartphone haben", zeigt Zotti auf die Gruppe.

Jobs, Jobs, Jobs

Die Angst vor Arbeitslosigkeit weiß auch Silvio Berlusconi geschickt für Wahlkampfzwecke zu nützen. "Als Unternehmer habe ich Millionen von Arbeitsplätzen geschaffen. Angesichts der dramatischen Beschäftigungslage werde ich nach dem Sieg meiner Mitte-Rechts-Allianz mit dem neuen Premier zur Schaffung neuer Jobs zusammenarbeiten", versichert er. Bei früheren Wahlkämpfen versprach der Mailänder Unternehmer ebenfalls Arbeitsplätze. In der Praxis beschränkten sich diese vor allem auf Call-Center-Jobs, für die sich in ihrer Not auch Uni-Absolventen bewerben.

Aktivisten von Renzis Demokratischer Partei (PD) verteilen Flugblätter mit dem hochtrabenden Titel "Hin zu den Vereinigten Staaten von Europa". Die PD ist verbündet mit der kleinen Liste von Ex-Außenministerin Emma Bonino. "Ich werde strategisch wählen, Renzi ist arrogant und unsympathisch, daher wähle ich Bonino", sagt der Student Bruno, der so einen Sieg von Berlusconi und Salvini zu verhindern versucht.