Politik | Ausland
01.10.2017

"Ehe für alle": Bodo und Karl heiraten

Ab heute dürfen in ganz Deutschland schwule und lesbische Paare heiraten – Bodo Mende und Karl Kreile sind in Berlin die Ersten.

"Hat ja alles wunderbar geklappt, leider viele Jahre zu spät, aber sonst alles wunderbar." Würde Angela Merkel heute ins Standesamt in Berlin-Schöneberg kommen, Bodo Mende hätte die richtigen Worte parat. Der 60-Jährige lacht. Nein, dass die Kanzlerin auftaucht, wenn zwei Männer heiraten, schließt er aus. Mende und sein Partner Karl Kreile wirken gelöst, blicken vom Reichstagufer auf die Spree. Seit 38 Jahren sind die Beamten ein Paar. Und fast so lange kämpften sie als Aktivisten für die Ehe, die sie heute schließen dürfen.

Ermöglicht hat es eine Abstimmung im Bundestag. SPD, Grüne und Linke setzten im Juni einen Gesetzesentwurf an die Tagesordnung. Merkel gab ihn zur Abstimmung frei und wischte ein Wahlkampfthema vom Tisch. Fast jeder Vierte aus ihrer Partei votierte dafür.

Makel bei Adoption

Wenn Bodo und Karl heute um 09.30 Uhr im Rathaus Schöneberg ihre eingetragene Partnerschaft umwandeln und heiraten, sind sie die Ersten, aber nicht die Einzigen. Acht weitere Paare geben sich in Berlin-Kreuzberg das Jawort, 15 in Hamburg – die Standesämter machen dafür Ausnahmen, Sonntag ist eigentlich geschlossen.

Was mit heutigen Stichtag ebenfalls möglich wird: Adoption. Bei lesbischen Frauen gilt allerdings nach wie vor: Sollte ein Kind in der Beziehung zur Welt kommen, muss es die Co-Mutter adoptieren. Das ist ein großes Problem, erklärt Jörg Steinert vom deutschen Lesben- und Schwulenverband (LSVD). "Solche Prozesse dauern mitunter Monate, das Kind ist in der Zeit dann nur durch einen Elternteil rechtlich abgesichert. Eine Mutterschaftsanerkennung vergleichbar zur Vaterschaftsanerkennung in heterosexuellen Ehen wäre die bessere Lösung."

Keine "Ehe für alle" in Österreich

In Österreich ist man einen Schritt voraus, was die Adoption betrifft. In puncto Ehe aber einen Schritt hinten, meint Christian Högl, Obmann der Homosexuellen-Initiative. Die eingetragene Partnerschaft kommt der Ehe rechtlich sehr nahe, aber er würde eine Öffnung für alle bevorzugen, am besten mit einem modernisierten Ehegesetz. "Solange das Rechtsinstitut für unsere Partnerschaften anders heißt, wird das als Diskriminierung empfunden werden – weil es vom Gesetzgeber letztlich auch als solche gedacht ist." Högl findet es schade, dass "Sebastian Kurz, als Chef einer angeblich neuen ÖVP, sich nicht ein Beispiel an Angela Merkel genommen und die Abstimmung im Parlament freigegeben hat."

Für die zwei Berliner hat die Hochzeit vor allem eine emotionale Bedeutung. Endlich könne er aussprechen: "Wir sind verheiratet", sagt Kreile. Für seinen Mann Bodo ist es dann "keine Partnerschaft zweiter Klasse." Gut erinnert er sich an die Debatten über sexuelle Freiheit, die den Stein ins Rollen brachen. Den ersten schwulen Kuss 1990 in der Serie " Lindenstraße", der zu Protesten führte. Oder an die Aktion, bei der sie 1992 Standesämter stürmten und eine enorme Medienaufmerksamkeit auslösten. "Dann ging es langsam ins Hirn und Herz der Menschen über", sagt Kreile.

Diskriminierung am Arbeitsplatz habe der 59-Jährige nie erlebt, aber Übergriffe gibt es nach wie vor. Vor allem an Jüngeren, die nachts ausgehen. In Schöneberg, wo sich die schwule Szene seit Ende des 19. Jahrhunderts etablierte und sich trotz Krieg und der Teilung Berlins bis heute gehalten hat, ist es gefährlich, sagt Jörg Steinert vom LSVD. "Dort wo sich Homosexuelle offen zeigen, werden sie leider auch Opfer." 130 Fälle meldet die Berliner Polizei pro Jahr, berichtet er. Die Dunkelziffer sei noch viel höher. Viele bagatellisieren die Vorfälle oder trauen sich nicht, zur Polizei zu gehen, sagt Steinert.

Dass die AfD mit dem Sicherheits-Thema um Homosexuelle wirbt, sieht er kritisch. "Die Partei lehnt uns ab, es gibt keine Gemeinsamkeiten – auch wenn sie eine lesbische Politikerin haben."

An Politik wollen Bodo und Karl aber heute nicht denken, schon gar nicht an Merkel. Sie feiern lieber mit Menschen, die sie all die Jahre unterstützt haben, mit einer Regenbogentorte und Sekt. Die ganz große Party wird aber ausfallen. Bodo Mende in halbernstem Ton: "Dafür sind wir jetzt schon etwas zu alt".

Europas toleranteste Länder

Niederlande: Als weltweit erstes Land machten es die Niederlande Homosexuellen 2001 möglich, zu heiraten und Kinder zu adoptieren.

Belgien: 2003 und als zweites Land weltweit erlaubte Belgien die gleichgeschlechtliche Ehe. Seit 2006 ist auch die Adoption erlaubt.

Dänemark: Homosexuelle dürfen hier seit 2009 Kinder adoptieren, seit 2012 ist die Ehe möglich.

Finnland: Seit 1. März 2017 dürfen Homosexuelle heiraten, seit 2009 Kinder des Partners adoptieren.

Island: Seit 2006 ist die Adoption möglich, 2010 durften gleichgeschlechtliche Paare erstmals heiraten.

Norwegen: Völlige Gleichberechtigung seit 2009.

Spanien: Gleiche Rechte seit 2005.

Großbritannien: Außer in Nordirland dürfen hier Homosexuelle seit 2014 heiraten und haben seit 2005 das Recht, Kinder zu adoptieren.