Politik | Ausland
07.11.2017

Stalin-Renaissance in Russland

40 Prozent der Bevölkerung halten den Diktator für die herausragendste Person aller Zeiten.

Eigentlich könnten Trofim und Oleg gute Freunde sein. Sie sind beide Unternehmer, die etwas von PR verstehen, und sie finden Russlands Präsidenten Wladimir Putin gut. Oleg Sirota war einst IT-Fachmann und ist nun ein Käsebauer, dessen Geschäft vor allem vom von Russland verhängten Importverbot für westliche Lebensmittel profitiert. Trofim Tatarenkow betreibt eine hippe Bar in Petersburg, in der Delikatessen zu heimischem Craft Beer gereicht werden. Sie gehören zu jener Schicht Russen, die es geschafft haben, sich im Kapitalismus zurechtzufinden. Doch ein Thema spaltet beide zutiefst. Es trägt einen Schnauzer, raucht gerne Pfeife und heißt Joseph Stalin.

Der Sowjetherrscher werde zu Unrecht Verbrechen beschuldigt, die er nie begangen habe, meint Tatarenkow. Sirota dagegen berichtet gern von seiner eigenen Familiengeschichte. Sein Urgroßvater, ein wohlhabender Bauer, wurde im Terrorjahr 1937 von einem Schnellgericht zum Tod verurteilt. Der Vorwurf: konterrevolutionäre Tätigkeit. Erst 1956 folgte die späte Rehabilitierung.

Trofim und Oleg sind keine Freunde, aber die beiden stehen exemplarisch dafür, wie unterschiedlich Russen auch im 100. Jahr nach der Oktoberrevolution auf ihre kommunistische Vergangenheit blicken. Dabei geht der Riss bei Weitem nicht nur zwischen der Mehrheit, die Wladimir Putin unterstützt, und der oppositionellen Minderheit, sondern quer durch unterschiedliche Schichten der Gesellschaft.

Erst vor wenigen Monaten schockierte eine Umfrage des Levada-Instituts den liberalen Teil von Russlands Öffentlichkeit. Demnach halten knapp 40 Prozent der Russen Stalin für die herausragendste Person aller Zeiten. Zum ersten Mal lag Stalin knapp vor Präsident Wladimir Putin und Nationaldichter Alexander Puschkin.

Ordnung schaffen

Seither schlagen nicht nur Russlands Intellektuelle Alarm, der Stalinkult lebe wieder auf. In einer anderen Umfrage des staatlichen WZIOM-Instituts bezeichneten 43 Prozent die Repressionen unter Stalin als Maßnahmen, um Ordnung zu schaffen. Aber immerhin 49 Prozent der Befragten fanden, dass der Stalin-Terror ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt und durch nichts zu rechtfertigen ist.

Es ist eine Position, die sich Wladimir Putin gern zu eigen macht, um in die Rolle des großen Schlichters zu schlüpfen. So hat der Präsident wiederholt davor gewarnt, Stalin zu dämonisieren, und auch seinen Nichtangriffspakt von 1939 mit Hitlerdeutschland gerechtfertigt. Die Kritik am Sowjetdiktator sei nur "ein weiterer Weg, um die Sowjetunion und Russland anzugreifen", sagte Putin im Interview mit Filmemacher Oliver Stone.

Vor wenigen Tagen dann zog Wladimir Putin andere Saiten auf, als er bei der Eröffnung eines Mahnmals für politisch Verfolgte in der Sowjetunion sagte. "Die schreckliche Vergangenheit kann man nicht aus dem Gedächtnis streichen. Umso weniger lässt sich diese durch das sogenannte Wohl des Volkes rechtfertigen." Nur um wenige Augenblicke später davor zu warnen, offene Rechnungen begleichen zu wollen und die Gesellschaft in einen Konflikt zu stoßen. Auch Verantwortliche der sowjetischen Verbrechen nannte der Präsident nicht.

Putin laviert

Putins Lavieren ist typisch für Russlands Erinnerungskultur der letzten Jahre. So gibt es etwa in Moskau außer dem neuen Mahnmal auch ein modernes Gulag-Museum. Jedes Jahr kommen zudem am 30. Oktober immer mehr Menschen zum Solowetskij-Stein vor dem Hauptquartier des Inlandsgeheimdienstes FSB, um Namen von erschossenen Sowjetbürgern laut zu verlesen. Eine Aktion, die von der Polizei nicht behindert wird. Initiativen, anstelle des einst aus dem Solowki-Lager herbeigeschafften Steins wieder das 1991 abgerissene Denkmal des KGB-Gründers Felix Dzerschinskij aufzustellen, oder die Stadt Wolgograd zurück in Stalingrad umzubenennen, finden ebenfalls keine Unterstützung im Kreml.

Gleichzeitig sieht der Levada-Soziologe Denis Wolkow zumindest einen Teil der Verantwortung für Stalins steigende Beliebtheitswerte auch bei den aktuellen Machthabern. Zwar gebe es durchaus viele Stalin-Fans älterer Jahrgänge, insbesondere abseits der Ballungsräume, die nicht zu den Gewinnern der postsowjetischen Ära zählen und Stalin eher aus Kritik am heutigen Zustand des Landes verehren. Doch auch der offizielle Kult um den Sieg im Zweiten Weltkrieg, der sich in opulenten Feierlichkeiten, Militärparaden und Heldenfilmen auf Staatskosten niederschlägt, trägt dazu bei, Stalin auch in den Köpfen vieler jenseits der Verlierer-Schichten weißzuwaschen, analysiert Wolkow.

Umstrittener Lenin

Mit deutlich weniger Pietät begegnen Russland und die offizielle Propaganda übrigens Stalins Vorgänger Wladimir Lenin, ohne den es die Oktoberrevolution nicht gegeben hätte. Nur zu gern betont die staatliche Propaganda, dass ausländische Kräfte die Revolution befeuert hätten. Kein Wunder also, dass ausgerechnet zum 100. Jubiläum der Machtergreifung der Kommunisten die Diskussion darüber, ob Lenins Mumie weiter im Mausoleum am Roten Platz bleiben oder lieber in ein gewöhnliches Grab wandern soll, neu entbrannt ist. Hatten früher vor allem Oppositionelle eine Bestattung Lenins gefordert, so schaltete sich sich nun unerwartet der Herrscher über Russlands Teilrepublik Tschetschenien, Ramzan Kadyrow, in die Diskussion ein. "Es reicht endlich, Lenins Leichnam anzustarren", schrieb Kadyrow vor wenigen Tagen auf Instagram. Am Ende, so Kadyrow weiter, habe dies jedoch allein Wladimir Putin zu entscheiden.