Politik | Ausland 10.04.2014

Angela Merkel ist rekordreif

Angela Merkels Krisenmanagement wird von den Deutschen geschätzt © Bild: Reuters/FABRIZIO BENSCH

Seit heute regiert sie länger als fast alle Vorgänger – nur Adenauer und Kohl liegen noch vor ihr.

Nur Konrad Adenauer und später Helmut Kohl, beide auch CDU, waren länger Regierungschef der Bundesrepublik: Heute, Donnerstag, hat Angela Merkel auch die 3060 Tage Amtszeit von SPD-Kanzler Helmut Schmidt überholt, wie zuvor schon die von Erhard, Kiesinger, Brandt und Schröder.

Seit 22. November 2005 prägt die Ostdeutsche das größte Land Europas und damit die EU, besonders aber die Eurozone. Wie sie das tut, lässt Feinde und auch Freunde noch immer sich wundern – und oft ärgern.

Die Deutschen aber finden das so gut, dass ihr 2013 fast im Alleingang das größte Kunststück gelang: Ihre CDU/CSU-Union zur letzten echten Volkspartei Mitteleuropas zu machen. 42 Prozent galten angesichts mündigerer Wähler als in Adenauers Nachkriegszeit und sich immer mehr differenzierender Lebenswelten längst als unerreichbar. Und die Umfragen zeigen auch weiter die Zustimmung ihrer Wähler .

Die schätzen an ihr vor allem das erfolgreiche Krisenmanagement – derzeit rund um die Ukraine. Da spielt Merkel ihre Verhandlungskompetenz wieder lustvoll aus wie schon in der Finanzkrise 2009, die längst eine Staatsschuldenkrise der Euro-Südländer ist: Gesprächsfähig mit jedem, auch wenn er rüpelhaft ist, ein früher als die anderen durchdachtes Handlungsmuster – und eiserne Nerven bei dessen Umsetzung. Alles gepaart mit in der Politik selten gewordener Geduld, die auch grenzenloser Pragmatismus sein kann. Seriös wirkend, weil sachlich und immer bar jeder Polemik.

Glaubwürdigkeit

Und weil Spitzenpolitik irgendwie immer Krisenmanagement ist, wurde das zu Merkels Regierungsstil überhaupt. Garniert mit wohldosierter Emotion und streng abgeschottetem, bescheidenem Privatleben bringt er ihr in den Umfragen die so wertvolle hohe Glaubwürdigkeit.

Aber alles hat seinen Preis, und der ist Merkels Kritikern zu hoch. Nicht nur die Opposition, zu der auch der Koalitionspartner SPD noch oft neigt, auch ein Teil der Union aus Wirtschaft und von ihr einst kühl abservierten Rivalen misstrauen Merkels Hyperpragmatik. Führung sei auch die Umsetzung eines Wertekanons und den habe sie kaum. Immer nur Schaden zu begrenzen zugunsten des Machterhalts sei auf Dauer zu wenig, monieren vor allem von ihr entmachtete Konservative und Liberale: Merkels Nachsicht für Staatsschulden-Macher im eigenen Land und mehr noch in den Südländern des Euro bedrohe dessen Zukunft.

Doch die wie schon lange nicht boomende Wirtschaft mit entsprechend hohen Steuereinnahmen und Wahlerfolge versammeln die Union voll hinter Merkel: 2015 will sie den ersten Haushalt seit 1969 ohne neue Schulden schaffen. Und das erinnert nun doch wieder an Adenauer. Auf dessen Rekord fehlen ihr aber noch 2082 Tage.

Erstellt am 10.04.2014