Eine Plakatwand mit der Flagge des so genannten "Islamischen Staates" in der Nähe von Falludja.

© APA/AFP/HAIDAR MOHAMMED ALI

Terror
07/04/2016

"Islamischer Staat": Neue Taktik im Propagandakrieg

Warum der Islamische Staat aktuell fast täglich zuschlägt - und warum ihn Al Kaida trotzdem überleben wird.

von Peter Draxler

Vier Anschläge innerhalb einer Woche – mit Macheten in einem Cafe in Bangladeshs Hauptstadt Dhaka, mit Bomben im libanesischen Kaa, am Atatürk-Flughafen in Istanbul, zuletzt in Bagdad und heute in der saudiarabischen Hafenstadt Jeddah. Kurz davor: Paris, Orlando. Der so genannte "Islamische Staat" überzieht die Welt mit einer blutigen Terrorserie, ein rasches Ende ist nicht absehbar.

Zu groß ist die erzielte Aufmerksamkeit, zu stark die durch die Anschläge verbreitete Angst. Und zu groß sind die internen Probleme, von denen die Terrororganisation ablenken will. Denn zwei Jahre nach der Ausrufung des Kalifats durch den selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi gerät der "IS" auf seinem eroberten Territorium in Syrien und dem Irak immer stärker unter Druck.

"Es ist kein Zufall, dass 'IS' gerade jetzt mit besonderer Vehemenz um sich schlägt", sagt Nicolas Stockhammer, Terrorismus-Forscher an der Uni Wien: "Die Idee des 'Islamischen Staates' bröckelt. Um weiter bestehen zu können, braucht er Unterfütterung durch militärische Erfolge." Doch diese sind im Kalifat Mangelware. Im Gegenteil: Sowohl in Syrien als auch im Irak mussten die "IS"-Kämpfer teils empfindliche Niederlagen und Gebietsverluste hinnehmen.

Eine Neudefinition von Niederlage

Zeit für die Terrororganisation, ihre Taktik zu ändern: "Eine Niederlage ist es nur, wenn wir die Überzeugung und den Willen zum Kampf verlieren", erklärte "IS"-Sprecher Abu Mohammad al-Adnani in einer Audiobotschaft Ende Mai. Darin wurden "IS"-Sympathisanten dazu aufgerufen, den Kampf nicht mehr in Syrien oder Irak zu suchen, sondern ihn in ihre Heimat zu tragen. Gerade im muslimischen Fastenmonat Ramadan, einem Monat der Selbstbesinnung, soll der dekadente Westen gestraft werden.

Anders als in Syrien und dem Nordirak geraten nun nicht-militärische, so genannte "weiche" Ziele in Europa und den ideologisch wichtigen Kernländern vermehrt ins Visier der Terroristen. "Der 'IS' ist zu einer Auftragstaktik übergegangen", sagt Stockhammer. Von der Führung wird ein Rahmen vorgegeben, die zeitliche und örtliche Umsetzung liegt bei den Attentätern. Gesellschaftliche Grauzonen werden attackiert, Bereiche, in denen die Integration nicht funktioniert. Und so ein Keil in die Gesellschaft getrieben.

Angriffe auf den westlichen Lebensstil

Die Angriffe von Brüssel im Herzen Europas, die Terrornacht von Paris oder der Anschlag auf einen Club in Orlando - all das nennt Stockhammer "symbolic targeting". Und meint damit, dass die Angriffe gezielt den westlichen Lebensstil attackieren. Damit wird die große Anhängerschaft des "IS" in westlichen Metropolen angesprochen.

Mit Anschlägen wie in Dhaka und Bagdad will der "IS" auch zeigen, dass er weiterhin die federführende islamistische Terrorvereinigung ist. Denn die "IS"-Strategie lebt von der Kommunikation der eigenen Taten. "Es ist ein Propagandakrieg, in dem es um die Deutungshoheit über den Dschihad geht", erklärt Terrorismus-Forscher Stockhammer.

Und er warnt davor, das Terrornetzwerk Al-Kaida totzureden. Denn im Gegensatz zum anlassbezogenen Terror des "Islamischen Staates" ist die Strategie des einstigen Netzwerkes von Osama Bin Laden langfristig und mit ideologischem Unterbau angelegt. "In ein paar Jahren wird der "IS" wahrscheinlich verschwunden sein", sagt Stockhammer. "Al Kaida wird bleiben."

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