Politik | Ausland
04.11.2017

Die jungen Hoffnungsträger von CDU und SPD

Diana Kinnert wirbt für einen modernen Konservatismus, Patrick Dahlemann hat ein Mittel gegen die Rechten in Mecklenburg-Vorpommern: er hört den Menschen zu.

Gewonnen haben sie beide nicht wirklich, benommen taumeln Union und SPD auch einen Monat nach der Bundestagswahl umher, suchen und streiten um ihren Kurs. Doch in der CDU gibt es schon länger eine neue Generation, die reformieren will. Diana Kinnert, 26 Jahre, lesbisch und konservativ, will, dass ihre Partei jünger und vielfältiger wird. Auch in der SPD gibt es Hoffnungsträger: Patrick Dahlemann, 30 und jüngster Staatssekretär, hat seine eigene Strategie gefunden, Wähler zurückzugewinnen. Der KURIER hat beide getroffen.

Diana Kinnert: Sie mischt die CDU auf

Merkels rechte Hand, Einflüsterin, Partei-Rebellin – Diana Kinnert werden viele Rollen zugeschrieben. Vieles davon sei Quatsch, sagt die 26-Jährige, lacht und nimmt einen Schluck von der Sojamilch. Sie steht auf der Dachterrasse einer Wohnung in Berlin-Mitte. Es ist einer der wenigen sonnigen Herbsttage, der Wind verweht ihre langen dunklen Haare, sie rückt sich die Baseballkappe zurecht, ihr Markenzeichen.

Geboren in Wuppertal als Tochter polnisch-philippinischer Eltern trat sie mit 17 in die CDU ein. Und hat es bei den Konservativen weit gebracht: sie diskutierte in Peter Taubers Zukunftskommission über Themen wie nachhaltigen Konsum, gesellschaftlichen Zusammenhalt und den Islam. Zuletzt leitete sie das Büro des verstorbenen Bundestagsvizepräsidenten Peter Hintze. In den Reihen der Anzugträger fiel die Politik- und Philosophie-Studentin mit ihrer Kappe und dem Jesus-Tattoo am Arm auf.

Diana Kinnert war ein Glücksfall für die Partei, die jünger und weiblicher werden will. "Sie haben sich gefreut, mich vorzeigen zu können, um damit so zu tun, als wären sie divers." Als Postergirl sieht sie sich aber nicht. Aber sie nutzt die Aufmerksamkeit, diskutiert auf Veranstaltungen renommierter Medien, schreibt Bücher ("Für die Zukunft seh ich schwarz") oder lobbyiert in der Partei für Themen, die ihr wichtig sind und die eher nach nach FDP und Grüne klingen: Diskurse über einen liberalen Datenschutz, mehr Schulfächer wie Programmieren, Stipendien für ältere Menschen, die aufgrund der Digitalisierung ihren Job verlieren oder Legalisierung von Marihuana – "jeder soll eigenverantwortlich handeln und entscheiden dürfen." Auch wenn es um Sterbehilfe geht, die etwa bereits ihr krebskranker Mentor Peter Hintze unterstützte, sagt Kinnert. Diese liberale Bürgerlichkeit passt zur CDU, ist die 26-Jährige überzeugt. Genauso wie die gleichgeschlechtliche Ehe: „Weil wir Bindung stärken wollen und Leute, die füreinander Fürsorge und Verantwortung tragen – das ist was Konservatives und Fördernswertes.“

Sand im CDU-Getriebe

Dass es in der CDU andere Kräfte gibt, sieht sie pragmatisch, mischt aber gerne Sand ins Getriebe der Partei, die sie für viel zu alt hält. „Wir haben ein Durchschnittsalter von 60 Jahren, diese Menschen bestimmen die Agenda. Sie kommen alle aus der gleichen Erziehung, haben Jura und BWL studiert. Wir müssen im Parlament jünger und diverser werden“, ihre Stimme klingt jetzt herausfordernder. Denn dazu braucht es neue Mitglieder. Und für die müssten die Hierarchien müssen flacher werden, mehr Frauen und Migranten beitreten, sagt sie. "Ich bin nie der Mensch gewesen, der so tut, als wäre alles cool, wählt uns. Mir ist lieber, die Menschen machen sich geltend mit den wertebasierten Themen und Positionen, die ihnen wichtig sind." Ein wenig Kritik an Vertretern ihrer Generation kommt dann doch durch: "Die meisten sind in NGOs aktiv, machen ein bisschen Hashtag-Aktivisiums, die brauchen Parteien nicht. Es ist gut, wenn sie sich zivilgesellschaftlich engagieren, aber dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn Wahlprogramme schlecht und lebensfern sind."

Diskussionen dazu lieferte sie sich bereits oft, mit Freunden, Bekannten, die nicht glauben könnnen, warum sie ausgerechnet in der CDU Mitglied ist. Auch für ihre Sexualität und die Haltung vieler in der Partei musste sie sich in der Community rechtfertigen. "Ich bin nicht nur lesbisch, ich bin ja auch Unternehmerin, Bürgerin, Konsumentin, Verbraucherin, da habe ich eben die größtmögliche Schnittmenge in der CDU."

Als Deko-Zitronenpresse in der Küche hat Kanzlerin Merkel einen Fixplatz bei Diana Kinnert. Saures wolle sie ihr nicht geben, so wie manche Kollegen in der Flüchtlingsfrage. "Die Probleme sind da, man muss sie ansprechen, aber ohne Ängste weiteraufzubauen. Dann braucht es keine Stellvertreter-Burka-Debatte." An Gerüchten wie: sie schicke Merkel per SMS Ratschläge sei nichts dran, sagt sie und schmunzelt. Natürlich habe sie die Kanzlerin schon ein paar Mal getroffen, manchmal sitzen sie in den gleichen Meetings. Was sie an ihr schätzt: "Sie hat die gleichen Werte wie vor zwölf Jahren, übersetzt sie aber je nach Herausforderung neu, das fasziniert mich." Ein Job im Kanzleramt würde die 26-Jährige durchaus reizen. Wovor ihr aber graut: "Wenn du davon abhängig bist, gewählt zu werden, vergisst du vielleicht schnell, dir treu zu bleiben."

Patrick Dahlemann: Der "Kümmerer" im Osten

Die Hausfassade ist sauber, die Fenster sind heil – das Büro von Patrick Dahlemann in Anklam, Mecklenburg-Vorpommern, haben die Neonazis noch verschont. Ein paar Kilometer weiter, wo der 30-Jährige ebenfalls ein Bürgerbüro hat, attackierten sie es mit Buttersäure und Steinen. "Ja, die NPD ist nachtragend", sagt er und schaut auf die Straße. Vor einigen Jahren enterte er die Bühne der Rechtsextremen, die vor einer Flüchtlingsunterkunft in seiner Heimatstadt Torgelow demonstrierten, schnappte sich das Mikro und bot ihnen Paroli. "Ich würde das nicht jedem empfehlen, aber wenn sich die Gelegenheit bietet und man mit den deutlich besseren Argumenten ausgestattet ist, sollte man die Situation nutzen." Zudem organisierte er mit anderen eine Einwohnerversammlung, um die Menschen in persönlichen Gesprächen auzufklären - es war ein Drahtseilakt, sagt er im Nachhinein über die Aktion, dennoch würde er es wieder tun.

Das Video seines Auftrittes ging durchs Netz und Dahlemann, der sich bis dato ehrenamtlich in der SPD engagierte, Sigmar Gabriel wurde einer seiner engsten Unterstützer. Seit einem Jahr ist Patrick Dahlemann, der sich für seinen ersten Wahlkampf 2011 heillos verschuldete und verlor, um dann bei der Landtagswahl 2016 das einzige Direktmandat für die Sozialdemokraten in Mecklenburg-Vorpommern zu holen, Sonderbeauftragter für die Region. Er selbst sieht sich als "Kümmerer", der vor allem eins tut: er hört den Menschen zu.

Zu erzählen haben sie viel, auch wenn die wirtschaftliche Lage heute deutlich besser ist – ganze Industriezweige sind nach der Wende zusammengebrochen, jeder Dritte war arbeitslos - sind Sorgen und Ängste geblieben. "Wir hatten die höchste Abwanderungsbewegung, das hat die Menschen bis heute geprägt", sagt Patrick Dahlemann. Armut hat er auch in seiner Familie erlebt. "Geld hat immer eine Rolle gespielt, weil es nie da war. Ich habe meine Eltern sorgenvoll erlebt, wenn ich aus der Schule nach Hause kam, mit dem Zettel, dass die Klassenfahrt 150 Euro kostet. Da sind wir in der Regel zu meiner Oma gegangen." Wer jung und gut ausgebildet war, verließ so schnell wie möglich die Gegend. Nur Dahlemann ist geblieben, zu sehen wie andere gingen, hat ihn angetrieben, sich politisch zu engagieren. Auch gegen die Rechten. Lange nutzte die NPD die Unsicherheit der Menschen aus, jetzt tut es die AfD. Dahlemann will dafür sorgen, dass die Menschen künftig weniger Grund haben, ihr Kreuzchen dort zu machen. Etwa wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern – durch die Windkraftanlagen sind 14.000 neue Jobs entstanden, doch es gab Bürgerinitiativen, die dagegen waren. Als Sonderbeauftragter lud Dahlemann alle Beteiligten zum Gespräch. "Das war nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig, aber es hat geholfen."

Politiker als Praktikant

Genauso wie die Tage, an denen er wie ein Praktikant in Betrieben mitarbeitet, Anzug und Lederschuhe gegen Blaumann und Gummistiefel tauscht, "um mit den Leuten auf Augenhöhe zu reden, eigentlich sollte das jeder Politiker tun". Es hat auch geholfen, Vorbehalte abzubauen. Denn am Anfang, erzählt er, wird er meist kritisch beäugt: "Wat will denn de Dahlemann hier?", sagt er mit leichtem Dialekt.

Dass die Sozialdemokraten auf Bundesebene und vor allem im Osten dermaßen verloren hat, beschäftigt ihn. Die Partei müsse nun gerade in Regionen, wo sie es schwer hat, langfristig gute Menschen aufbauen. Und an manchen Stellen klingt er für sein Alter wie ein "alter Hase", wenn er dafür plädiert, dass sich Ortsvereine "wie die Kesselflicker in die Haare kriegen sollen", wenn sie sich aber auf ein Programm geeinigt haben, geschlossen hinter ihrem Kandidaten stehen müssen. Was auf Landesebene gut funktioniert, sollte die SPD künftig auch auf Bundesebene zusammenbringen, hofft er.

Ob es ihn aus der Provinz "MeckPomm", wie er es nennt, künftig in die Bundeshauptstadt zieht? "Ne", sagt er entschieden. "Die Berliner Schlangengrube sollen andere machen. Ich bleibe lieber in den Dörfern, bei den Menschen."