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Menschenrechtler
10/30/2014

"Die EU-Flüchtlingspolitik ist zynisch"

Der Kongolese Mbolela musste sein Land verlassen und kümmert sich jetzt um Leidgenossen.

von Walter Friedl

Alles begann mit einer Demo 2002 gegen den kongolesischen Machthaber Joseph Kabila in seiner Heimatstadt Mbuji Mayi, und es mündete in einer zweijährigen Odyssee durch den halben afrikanischen Kontinent, letztlich in Europa. "Nachdem man mich vorübergehend eingesperrt hatte, wusste ich, ich kann nicht bleiben", sagt Emmanuel Mbolela im KURIER-Interview. Zuerst Kongo-Brazzaville, dann Kamerun, Nigeria, Benin, Burkina Faso und Mali. Der damals 29-jährige Wirtschaftsstudent schlug sich zu Fuß durch, fuhr per Autostopp auf überfüllten Pick-ups, bisweilen dienten Boote als Transportmittel.

Die schwierigste und gefährlichste Etappe sei dann die Wüstenquerung nach Algerien gewesen. "Wir waren auf einem kleinen Laster, der für zehn Personen ausgelegt war, zu fünfzigst. Zwei Mal sind wir von lokalen Banditen komplett ausgeraubt worden", so der heute 41-Jährige, der sich auf Einladung der entwicklungspolitischen NGO VIDC derzeit in Wien aufhält.

Nach 24 Monaten, in denen sich der Kongolese als Land- und Bauarbeiter oder als Kloputzer verdingte, erreichte er schließlich Marokko. Doch der Albtraum wollte nicht enden. "Wir erhielten zwar Papiere des UNHCR (UN-Flüchtlingshochkommissariats), doch das war den Behörden völlig egal. Viele von uns wurden wieder in die Wüste abgeschoben", erzählt Mbolela. Das ließ ihn aktiv werden. Er gründete in dem Maghreb-Staat eine Organisation, die sich um die dort gestrandeten Flüchtlinge kümmert und auf die Einhaltung der Menschenrechte drängt. 2008 wurde der Uni-Absolvent als politischer Flüchtling anerkannt und reiste legal in die Niederlande, wo er seither lebt – mehr schlecht als recht, denn sein Diplom wird nicht anerkannt, sein Geld verdient er als Hilfsarbeiter.

Das Schicksal seiner Leidgenossen bewegt Mbolela weiterhin. Heuer, zum ersten Jahrestag der schrecklichen Flüchtlingstragödie im Mittelmeer mit mehr als 350 Toten, startete der Kongolese ein neues Projekt. "Wir haben ein alternatives Alarm-Telefon installiert. Geraten die Flüchtlinge auf den Booten in Seenot, können sie dort anrufen, denn ein Satellitentelefon ist auf jedem dieser Schiffe vorhanden. Wir leiten das dann an die Küstenwachen weiter. Außerdem können wir damit unterlassene Hilfsleistungen aufdecken", erläutert der 41-Jährige. Die Nummer würde an den bekannten Hotspots in Nordafrika an die Migranten verteilt – unter anderem von der von ihm gegründeten NGO in Marokko.

An der Flüchtlingspolitik der EU lässt Mbolela kein gutes Haar. "Zynisch" sei diese. Weil man die Mauern hochziehe, seien die Migranten gezwungen, auf immer gefährlichere Routen auszuweichen. "Europa konzentriert sich nur auf das Phänomen der Flüchtlingsströme aus Afrika, nicht aber auf die Ursachen, und deswegen versteht man sie auch nicht", sagt der Aktivist.

"Im Kongo etwa haben es internationale Konzerne auf die Rohstoffe abgesehen, allen voran auf Koltan, das man für die Handy-Erzeugung benötigt. Dabei werden nicht nur die Arbeitskräfte ausgebeutet, es entstehen auch Kriege, die die angestammte Bevölkerung in die Flucht treiben", so Mbolela. Die EU müsse sich selbst bei der Nase nehmen und die Menschenrechte, die sie stets propagiere, auch in Afrika einfordern, "statt Diktatoren zu stützen".

Buchtipp: Emmanuel Mbolela. Mein Weg vom Kongo nach Europa. Mandelbaum-Verlag 2014. 234 Seiten. 14,90 Euro.

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