Politik | Ausland
12.06.2017

Rechtsradikales Buch auf Liste "Sachbücher des Monats" gewählt

Wirbel um das Buch "Finis Germania" des verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle.

Nach Ansicht vieler Politikexperten und Wissenschaftler hat sich das Sag- und Wählbare in Europa bereits sehr weit nach rechts verschoben. Die Entwicklung im Internet, der Hass und die Hetze sind nur einige der vielen Symptome. Doch nicht nur in Sozialen Medien wird die Rechtsverschiebung befeuert, sondern auch im Feuilleton.

Eine Jury aus renommierten Kulturjournalisten und Wissenschaftlern wählte "Finis Germania" von Rolf Peter Sieferle in die aktuelle Liste des "Sachbuchs des Monats" von NDR Kultur und der Süddeutschen Zeitung auf Platz neun. Autor des Buches ist der verstorbene Historiker Rolf Peter Sieferle, der in seinen letzten Jahren rechtsradikale Positionen vertreten hatte.

Das ging dem NDR zu weit und gab am Montag bekannt, seine Zusammenarbeit mit der Jury auszusetzen. Der Titel sei "für NDR Kultur nicht tragbar", das Buch enthalte "rechtslastige Verschwörungstheorien, von denen sich NDR Kultur entschieden distanziert". Der NDR bedauert die "gravierende Fehlentscheidung der Jury". Bereits am Sonntag trat ein Jurymitglied aus Protest zurück.

Aber was steht im Buch und wie konnte es überhaupt auf die Liste kommen?

Womöglich enthält das Buch strafbare Inhalte

Laut Lothar Müller, Literaturkritiker und Journalist, fordert Rolf Peter Sieferle in "Finis Germania" das "indigene Volk" der Deutschen auf, sich gegen die Bedrohung durch die aktuellen Migrationsbewegungen zu behaupten und seine "spezifische Identität" zu verteidigen. Zudem sei Ausschwitz "zum letzten Mythos einer durch und durch rationalisierten Welt geworden". Die Frankfurter Allgemeine Zeitung zitiert folgende Passage: "Die Juden, denen ihr Gott selbst die Ewigkeit zugesichert hat, bauen heute ihren ermordeten Volksgenossen in aller Welt Gedenkstätten, in denen nicht nur den Opfern die Kraft der moralischen Überlegenheit, sondern auch den Tätern und ihren Symbolen die Kraft ewiger Verworfenheit zugeschrieben wird."

Der Jury-Vorsitzende Andreas Wang hatte der deutschen TAZ gesagt, "dass das Buch die Liste nicht gerade ziert". Womöglich enthält das Buch strafbare Inhalte. Pikant an der Sache ist, dass das Buch im Antaios Verlag erschienen ist. Geschäftsführer ist dort Götz Kubitschek, einer der führenden Köpfe aus dem neurechten Lager. Der Publizist galt über Jahre als wichtigster AfD-Zuflüsterer und ist kennt auch AfD-Politiker Björn Höcke sehr gut. Dieser sorgt immer wieder für Entsetzen. Mitte Jänner bezeichnete er das Holocaust-Denkmal in Berlin als "Denkmal der Schande".

Abstimmung erfolgt anonym

Autor Sieferle selbst nahm sich 2016 das Leben. Zuvor trommelte er "unüberhörbar für die Endschlacht", schreibt die FAZ. "Das späte Denken dieses alten, kranken Mannes, der als Student im linksradikalen SDS wirkte, war durch und durch antifreiheitlich und ressentimenterfüllt. Es wurzelt in Ideen der völkischen Rechten, die dem Nationalsozialismus vorangingen."

Wie das Buch auf die Liste gekommen ist, ist noch unklar. Laut der Süddeutschen Zeitung setzte ein einzelnes Jurymitglied das Buch auf die Liste. Die Abstimmung erfolgt aber anonym. Das Mitglied wurde aufgefordert, sich zu melden. Wie die FAZ mitteilte, handelt es sich um den Kulturredakteur des Magazins Der Spiegel Johannes Saltzwedel. Er soll nun zurückgetreten sein.

Zum Gremium gehören unter anderem Autoren und Redakteure der großen Kulturredaktionen deutscher Zeitungen an. Auch Wissenschaftler dürfen darüber entscheiden, welches Buch das Zeug hat, auf die Liste zu kommen.