Politik | Ausland
27.08.2017

Deutschland: Großmacht wider Willen

Acht Kanzler haben nach dem 2. Weltkrieg viel richtig gemacht und Deutschland als berechenbare Nation positioniert.

"Denk ich an Deutschland in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht". Oft wurde Heinrich Heines Gedicht falsch gedeutet, es geht da um seine Mutter, nach der er sich in seinem Pariser Exil sehnt und auch ums ferne Vaterland, aber nicht um Politik. Aber Heines Zitat passte halt so oft: Deutschland, die späte Nation, machte Angst: Zu groß, zu erfolgreich, zu mächtig und doch nicht saturiert, in der Mitte des Kontinents, oft nicht berechenbar und doch stets faszinierend mit seiner Mischung aus Romantik und Eisen, aus kruder Kraft und sanfter Poesie.

Kriege gehörten zur Politik, nicht nur zur deutschen, aber die Einzigartigkeit des Holocaust hat alles verändert. Kein Volk hat sich je mit seiner Geschichte so auseinander gesetzt wie das deutsche. Nicht mit der Unterwürfigkeit des Verlierers, wie das nationalistische Kreise gerne behaupten, sondern mit dem Verantwortungsgefühl des reuigen Täters, mit einer Konsequenz, die bis heute anhält.Nach 1945 wäre vieles möglich gewesen – ein Neuaufbau Deutschlands nach dem Morgenthau-Plan etwa, ein Staat mit viel Landwirtschaft und ohne Industrie, für immer unfähig, Waffen zu produzieren und Kriege zu beginnen. "Deutschland ist unser Problem", hieß das Buch des amerikanischen Finanzministers Henry Morgenthau, in dem er seine Pläne erläuterte.

Aber die Ideen von George C. Marshall passten besser in die Nachkriegszeit, die bald vom Ost-West-Konflikt geprägt war. Zerstörte Landschaften, hungernde Menschen und der aggressiver Sowjet-Führer Josef Stalin führten dazu, dass die USA ihr "Recovery Program" für Europa umsetzten, den Marshall-Plan. Geld und Waren aus den USA halfen beim schnellen Wirtschaftsaufbau und kurbelten auch die dortige Wirtschaft an.

Vorsichtige Integration

Auf militärischer Ebene bildete sich die NATO, Vorläufer war ein Verteidigungsbündnis westeuropäischer Staaten gegen Deutschland. Aber bei der Blockade West-Berlins, dieser symbolischen Insel der Freiheit im sowjetisch besetzten Teil in den Jahren 1948/49, kamen die USA plötzlich zu Hilfe, und so gab es an der Einbindung des freien Teiles Deutschlands in den Westen bald keine Zweifel mehr – Bedenken schon. Lord Hastings Ismay, NATO-Generalsekretär ab 1952, hat den Zweck der NATO so erklärt: "To keep the Americans in, the Russians out and the Germans down." Also: Zweck sei, die Amerikaner in Europa, die Russen draußen und die Deutschen unten zu halten.

Unten? Das waren sie nur kurz. Bald war das Deutschland im Westen Garant für wirtschaftliche Prosperität und politische Stabilität, ganz ohne den Machtanspruch, der so viel Schrecken verbreitet hatte.

Im Rückblick muss man sagen, dass das deutsche Volk mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit zum richtigen Zeitpunkt die richtige Mehrheit in den Bundestag wählte und somit Kanzler regierten, die das nötigen Gespür und die politische Überzeugung hatten, die das Land brauchte.

Erster Bundeskanzler wurde 1949 der rheinische Katholik Konrad Adenauer. Er war ein hoher Politiker der Weimarer Republik, wurde von den Nazis abgesetzt und war zeitweise inhaftiert. Dass SPD-Chef Kurt Schumacher ihn im Bundestag als "Kanzler der Alliierten" beschimpfte, hat sein Image als Garant für die Westbindung der Bundesrepublik noch gestärkt.

Es folgte der Christdemokrat Ludwig Erhard, vom Parteifreund Adenauer abgelehnt, aber als "Vater des Wirtschaftswunders" anerkannt und populär. Es war ja kein Wunder, sondern die Überzeugung des Wirtschaftsprofessors Erhard, dass die soziale Marktwirtschaft nicht nur einen gesellschaftlichen Ausgleich bringen würde, sondern auch mehr Wachstum.

Adenauer und Erhard regierten mit den Liberalen, der dritte Kanzler, Kurt Georg Kiesinger, hingegen kam mit der FDP nicht zurecht und bildete 1966 die erste Große Koalition mit der SPD, deren Chef Willy Brandt wurde Außenminister.

1969 trat Willy Brandt, als Berliner Bürgermeister populär geworden, zum dritten Mal als Kanzlerkandidat an, wurde trotz großer Stimmengewinne wieder nur Zweiter, aber bildete gegen den Willen wichtiger Sozialdemokraten die erste sozialliberale Koalition mit der liberalen FDP. Die Ostpolitik, die Bundeskanzler Brandt zunächst mit FDP-Chef Walter Scheel und dann mit Hans-Dietrich Genscher entwickelte, hätte kein CDU-Kanzler in seiner Partei durchgesetzt, in der Schwesterpartei, der bayerischen CSU, schon gar nicht.

Richtige Symbolpolitik

Brandt war der richtige Mann zur richtigen Zeit, um den Ost-West-Konflikt in Europa zu entschärfen. Die Deutschen auf beiden Seiten der Mauer bekamen mehr Kontaktmöglichkeiten, und nach der Bindung an den Westen, die inzwischen auch bei den Sozialdemokraten unbestritten war, konnte Brandt den Ausgleich mit den Polen finden. Sein Kniefall im Warschauer Ghetto im Dezember 1970 wurde ebenso ikonografisch für die deutsche Nachkriegspolitik wie das stumme Händehalten von Kanzler Kohl und dem französischen Präsidenten Mitterrand im September 1984 über den Gräbern von Verdun.

Helmut Kohl war 1976 an Schmidt gescheitert und musste 1980 dem ungeliebten christlich-sozialen Bayern Franz Josef Strauss als Kanzlerkandidat Platz machen, bevor er 1982 gemeinsam mit der FDP den Hamburger Sozialdemokraten Helmut Schmidt ablöste.

Schmidt hatte acht Jahre lang regiert. Den Terror der Roten Armee Fraktion überstand er mit Härte, Wirtschaftskrisen durch Fortsetzung der europäischen Integration. Ihn schaffte am Ende seine SPD, weil sie den NATO-Doppelbeschluss ablehnte, die Reaktion des Westens auf die sowjetische Aufrüstung in Osteuropa.

Helmut Kohl war der perfekte Kanzler der Wiedervereinigung, weil er mit seinen Kontakten letztlich auch die britische Premierministerin Thatcher überzeugen konnte. Es waren nicht zuletzt europäische Konservative, die ein großes Deutschland fürchteten. "Ich habe die Deutschen so gerne, dass ich ihnen sogar zwei Staaten gönne", wurde der italienische Christdemokrat Giulio Andreotti zitiert, ein Meister des politischen Zynismus.

Was Kohl gegen den kräftigen Arbeitnehmerflügel der CDU nicht schaffte, zog dann ab 1998 der Sozialdemokrat Gerhard Schröder durch. Er hatte als Juso am Zaun des Bonner Kanzleramts gerüttelt, zog in den Berliner Amtssitz, den Kohl für sich geplant hatte, und setzte Reformen des Sozialstaates durch – die "Hartz-Gesetze" von denen seine Nachfolgerin Angela Merkel bis heute profitiert, vor allem durch die geringere Arbeitslosigkeit.

Deutschland, der wirtschaftliche Riese, der ein politischer Zwerg bleiben muss – dieses Bild stimmte sogar noch nach der Wiedervereinigung, Helmut Kohl pflegte es wie seine Vorgänger. Aber der Exportweltmeister ist inzwischen auch wieder eine politische Führungsmacht. Angela Merkel nimmt diese Rolle mit einer bemerkenswerten Ruhe ein, gegenüber dem machttrunkenen Russen Putin ebenso wie gegenüber dem unberechenbaren Amerikaner Trump.

Deutschland ist wieder Großmacht, obwohl keiner der führenden Politiker danach gestrebt hat, im Gegenteil. Möge sich das deutsche Volk seine Intelligenz bewahren, weiter berechenbare Führungen zu wählen.