German Chancellor and top candidate for the Christian Democratic Union (CDU) Angela Merkel toasts with beer after her speech during an electoral rally in Dachau near Munich August 20, 2013. Merkel laid a wreath at Dachau concentration camp on Tuesday, making her the first German chancellor to visit the death camp where Nazis killed more than 41,000 people in the Holocaust. REUTERS/Michael Dalder (GERMANY - Tags: POLITICS ELECTIONS TPX IMAGES OF THE DAY)

© Reuters/MICHAEL DALDER

Bundestagswahl
08/23/2013

Der Beruhigungs-Wahlkampf

Die SPD schafft es nicht, die CDU-Chefin Merkel wirksam anzugreifen

von Reinhard Frauscher

Seit einer Woche hängen wieder die Plakate, noch mehr und noch unverbindlicher als 2009. Jedenfalls die der Volksparteien: „Das Wir entscheidet“, ist Hauptparole der einen, „Gemeinsam erfolgreich“ die der anderen. Ohne Parteilogo mit der Kanzlerin und CDU-Chefin Merkel auf letzterem und ihren SPD-Gegenkandidaten Peer Steinbrück auf Ersterem wären sie nicht zuzuordnen.

Das sei typisch für den „faden“ Wahlkampf, finden die Bürger so wie überwiegend die Presse. Daran änderten auch klare Akzente der Kleinparteien und wechselnde aktuelle Themen wenig: Nie war in Allensbach-Umfragen ein Monat vor der Wahl das Interesse daran so gering.

Denn den Wählern geht es laut ARD-Umfrage zuerst um „angemessene Löhne“ und „Absicherung im Alter“, dann um die „Energieversorgung“ und „Steuerpolitik“. Die „Euro-Rettung“ rangiert bisher am fünften Platz, der von der Opposition mit Spiegel-Hilfe hochgezogene Streit um hier verdächtiges US- Lauschen an letzter Stelle.

Wachsender Abstand

Das spüren die SPD und ihr Kanzlerkandidat Steinbrück. Weniger bei den vielen Auftritten unter geeichten Genossen als in den Umfragen: Seine und der SPD Werte stagnieren oder sinken derzeit gar wieder, sein Abstand zu ihr als Wunschkanzler steigt: 57 zu 21 Prozent (Forsa) ein Monat vor der Wahl ist auch historisch einmalig.

Viele der SPD-Kader hätten schon resigniert, berichten Insider. SPD-Chef Sigmar Gabriels spontane Themenwechsel verwirrten alle, besonders die Stammwähler. Ein solcher war diese Woche sein Abrücken vom 30-Milliarden-Euro Steuererhöhungsprogramm, „so wir die US-Konzerne hier zu mehr Steuern zwingen.“ Die Presse nannte das „Luftballons“, „Hasenfüßigkeit“ der grüne Wunschpartner. Dem Widerspruch der Parteilinken folgte prompt Gabriels und Steinbrücks Rück-Schwenk.

Er bestätigte die Kritik des früheren, Wahlkampf-gestählten SPD-Chefs Franz Müntefering, der sich über den aktuellen seiner Partei öffentlich „entsetzte“. Er konstatierte „schwerste“ handwerkliche und inhaltliche Fehler: Das von ihr erzwungene „Umschminken“ Steinbrücks vom wirtschaftsnahen Pragmatiker zum lauten Linken koste beiden viel Glaubwürdigkeit.

Dem steht CDU-Chefin Merkel mit einem auf beruhigende Kontinuität und möglichst viel Konsens setzenden Wahlkampf gegenüber. Die gute Konjunktur, ihre Übernahme alter rot-grüner Themen und die bisher erfolgreich kleingeredeten Kosten der Eurokrise verhindern jede Wechselstimmung: Keiner kommt derzeit der breiten Wählermitte näher als die Kanzlerin.

Und die Taktik der „asymmetrischen Mobilisierung“ durch die nun wieder betont liberalere FDP, scheint auch diesmal zu funktionieren: Die Umfragen sehen die FDP weiter im Bundestag, wenn auch ohne die vielen Leihstimmen der CDU von 2009.

Unsichere Umfragen

Von der Schwäche der SPD profitieren die anderen linken Parteien: Die postkommunistische „Linke“ ist überraschend stabil, die Grünen legen sogar zu. Obwohl ihr Linksdrall mit einer nicht nur von der Konkurrenz so bezeichneten „Steuererhöhungsorgie“ auch für die Mittelschicht das größte Experiment dieses Wahlkampfs ist.

Neben dem der „Alternative für Deutschland AfD“ mit ihrem monothematischen „Nein zu mehr deutscher Euro-Hilfe“. Gewalt linker und grüner Aktivisten gegen ihre Wahlveranstaltungen bezeugt ihre Außenseiterrolle wie die drei Prozent in den Umfragen. Obwohl sie manche, wie Forsa-Chef Manfred Güllner, als schwer berechenbar sehen.

Ohnehin sind die Institute unsicher wie nie: Sie interpretieren ihre „Rohdaten“ immer stärker, weil die von ihnen nur am Festnetztelefon befragten Wähler weniger werden, dazu unentschlossener und unehrlicher als früher. Mit oder ohne dominantes Thema bis zur Wahl trifft wohl Merkels stete Prognose zu: „Es wird sehr, sehr knapp“ – für jedes Lager.

Nur für eine Große Koalition unter ihr nicht.

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Merkel gibt sich lockerer

Wahlkämpfe waren bisher nicht Angela Merkels Stärke. 2005 verlor sie binnen zweier Monate fast den riesigen Vorsprung von 21 Prozentpunkten zu SPD-Kanzler Gerhard Schröder. 2009 führte sie die Union auf einen Tiefststand. Nur die FDP rettete ihr die Kanzlerschaft. Diesmal scheint es besser zu laufen.

Sie urlaubte daher noch in Südtirol, während Herausforderer Peer Steinbrück schon durch die Republik zog. Die 56 Veranstaltungen der CDU mit ihr als Zugpferd absolviert sie mit Routine, zunehmend auch mit ungespielter Lockerheit.

Termine mit politischen Journalisten reduziert Merkel auf Unentbehrliches, wobei sie sich noch mütterlicher gibt als bisher. Steinbrück, den Mann forscher und neuerdings linker Sprüche, erwähnt sie nie. Wird sie doch auf ihn angesprochen, streichelt sie ihn fast zu Tode: „Er war mir ein guter Finanzminister in der Großen Koalition, ich weiß nicht, was ihn jetzt umtreibt.“

Tugenden und Sünden

Viel lieber pflegt sie die publizistische Landschaft dort, wo die CDU ihre größten Defizite hat: bei Frauen und Jugend. Dabei kokettiert sie mit kontrollierten Einblicken in ihr bisher streng gehütetes Privatleben – wenn auch weniger melodramatisch als Steinbrück mit seiner Frau.

Einer Frauenzeitschrift schilderte Merkel, dass „man nicht einfach so zu schwierigen Euro-Verhandlungen gehen kann, sondern einen klaren Plan braucht“. Dafür stehe sie schon zehn Minuten früher auf, „um alles in Ruhe vorzubereiten“. Schröder rühmte sich einst des Gegenteils.

Beziehungstipps

Einem Lifestyle-Magazin beichtete Merkel ihre „größte Jugendsünde“: Einmal zu viel Kirschwein getrunken! Und gab Beziehungstipps: „Sich ausreichend Freiheit gönnen und Toleranz üben.“ Der Brigitte verriet sie, dass sie „an Männern schöne Augen attraktiv“ finde.

Zum Jahrestag des Mauerbaus ging sie in ein Gymnasium im Berliner Osten. Die TV-Kameras mussten im Hof bleiben, in der Klasse war nur die Reporterin einer Schülerzeitung dabei. Von der erfuhr man, dass die Kanzlerin mit ihrer Biografie als „Normalbürgerin der DDR unverkrampft“ umgehe, oft sogar mit Kichern.

Dieser Wahlkampf bringt sogar Einblick in Merkels Küche: In einem CDU-Flyer rühmt sie sich ihrer Rouladen und Kartoffelsuppe. Nur ihrem öffentlichkeitsscheuen Ehemann, dem Physikprofessor Joachim Sauer, seien „immer zu wenig Streusel auf meinem Kuchen: Er bleibt halt ein Konditorenkind“. KURIER.at/bundestagswahlDas Special zur Deutschland-Wahl

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