Politik | Ausland
22.07.2017

Warum der deutsche "Hans" "Tayyip" so verärgert

Auch wenn Erdoğan und sein Premier versuchen zu beruhigen, geht Schlagabtausch weiter.

Nach der harten Kritik Deutschlands an der türkischen Politik der Masseneinkerkerung – auch deutscher Staatsbürger – schlägt der türkische regierungsnahe Boulevard hart zurück. "Bei uns ist die Justiz unabhängig, Hans", titelte etwa Türkiye. Zur Erklärung: Präsident Recep Tayyip Erdoğan nennt die Deutschen spöttelnd immer wieder "Hans". Und Aksam meinte süffisant doppeldeutig "Die Deutschen toben", was auch mit "Die Deutschen sind tollwütig geworden" übersetzt werden kann.

Damit setzt sich der Prozess der Entfremdung zwischen den beiden Staaten fort. Nach der Inhaftierung hatte der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) angekündigt, Wirtschaftshilfen und Exportgarantien für die Türkei zu überdenken. Zudem sollen Rüstungsaufträge auf Eis gelegt werden. Ferner wurden die Reisehinweise für das Land am Bosporus verschärft.

"Wie in der DDR"

Selbst der ansonsten eher zurückhaltende deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble ( CDU) nannte die Türkei ein Risikoland für Touristen: Dort würde man inzwischen willkürlich verhaften – "wenn dir was passiert, kann dir keiner helfen", sagte er der Bild. "Das erinnert mich daran, wie es früher in der DDR war."

Das deutsche Blatt fragte danach, ob " Erdoğan jetzt auch Urlauber verhaftet". Ein Abgeordneter der regierenden AK-Partei nannte dies geistige Brandstiftung – womit er weiter Öl ins Feuer goss.

Dieses nun einzudämmen, versuchte am Freitag der türkische Premier Binali Yıldırım, der zu Besonnenheit aufrief. "Es bringt weder Deutschland noch der Türkei etwas, wenn die Beziehungen geschädigt sind."

Doch viel Porzellan ist bereits zerschlagen. Die jüngste Enthüllung wird den Prozess befördern. Denn wie Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen der Neuen Osnabrücker Zeitung sagte, habe sich der türkische Geheimdienst außerhalb des deutschen Rechts bewegt, indem er Informationen über Personen gesammelt habe. Zudem habe es Versuche gegeben, türkischstämmige Deutsche einzuschüchtern.

Für Aufregung sorgte jüngst auch eine angebliche Liste von deutschen Unternehmen in der Türkei – von Großkonzernen bis zur Dönerbude –, die Ankara in die Nähe der Terror-Unterstützer rückt.

"Kriegserklärung"

Darauf befinden sich angeblich "Riesen" wie Daimler, BASF oder Siemens. Ein Beteiligter dazu zur Süddeutschen Zeitung: "Das ist eine Kriegserklärung." Im Land am Bosporus sind rund 6800 deutsche Firmen tätig. Allein Daimler beschäftigt dort 6000 Menschen, Siemens 3000 und MAN 2000. Erdoğan war gestern auch in dieser Causa um Schadensbegrenzung bemüht. Es gebe keine Ermittlungen gegen deutsche Unternehmen in der Türkei. Das sei "böse Propaganda".

Doch der Schaden war schon vorher angerichtet: Während die deutschen Exporte insgesamt im ersten Quartal 2017 um 8,5 Prozent anwuchsen, brachen sie in Bezug auf die Türkei um acht Prozent ein. Es könnte für die Türken noch dicker kommen: Die deutschen Nachrichtensender n-tv und N24 haben in ihren Werbeblöcken Spots gestoppt, die für den Wirtschaftsstandort Türkei werben.