Experte Schmidinger: "Der Putsch war dilettantisch"

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Foto: KURIER/Dominik Schreiber Thomas Schmidinger, Politikwissenschafter Universität Wien

Der Politikwissenschaftler Thomas Schmidinger von der Universität Wien hält es für durchaus möglich, dass der Putsch in der Türkei nur eine Inszenierung war.

KURIER: Kam für Sie der Putsch überraschend, oder war die versuchte Machtübernahme des Militärs eine mit Ansage?

Thomas Schmidinger: Der Zeitpunkt ist definitiv überraschend. Es war aber eindeutig zu beobachten, dass sich das Regime Erdogan in den vergangenen Jahren und Monaten immer mehr verengt hat und auch innerhalb der AKP immer mehr Leute hinaus oder an den Rand gedrängt wurden. Dazu zählen nicht nur die Gülen-Bewegung, sondern auch andere Teile der AKP.

Wer steht dann aktuell hinter dem Putschversuch?

Aktuell lässt sich das noch nicht wirklich beantworten. Wir wissen auch nicht, ob der Putschversuch authentisch war, oder nur eine Inszenierung des Regimes. Ich halte es auch durchaus für möglich, dass der Putsch von Teilen der AKP aus betrieben worden ist.

Aber ist das nicht eine Verschwörungstheorie?

Der Putschversuch war offenbar sehr dilettantisch und wurde von keiner wesentlichen politischen Kraft in der Türkei unterstützt. Auch die Opposition und selbst Fetullah Gülen, der von Erdogan namentlich beschuldigt wird, hinter den Putschisten zu stehen, haben sich klar gegen den Umsturz ausgesprochen. Deswegen ist es durchaus möglich, dass dieser Putsch inszeniert war. In der Türkei gab es auch schon konstruierte Anschläge, man sollte diese Theorie nicht ausschließen.

Sie halten es auch für unwahrscheinlich, dass die letzten Kemalisten im türkischen Militär hinter diesem Putsch stehen könnten?

Es sieht auch nicht nach Kemalisten aus, zumal sich auch die kemalistische Partei gegen den Umsturz ausgesprochen hat.

Was heißt das für die unmittelbare politische Zukunft der Türkei?

Es ist zu befürchten, dass die Regierung noch autoritärer wird. Unabhängig davon, ob der Putschversuch authentisch war oder nicht: Er wird Erdogan nützen. Es ist zu befürchten, dass die politischen Säuberungen innerhalb des Militärs, aber auch gegen Kritiker innerhalb der AKP noch schneller durchgeführt werden und die Türkei noch autoritärer regiert werden wird.  

Gibt es die Wahrscheinlichkeit, dass sich dieser gescheiterte Putsch noch zu einem Bürgerkrieg entwickelt?

Dafür scheinen die Putschisten zu schwach zu sein. Derzeit gibt es noch Kämpfe in Ankara, also sie haben noch nicht aufgegeben. Was aber durchaus sein kann, ist, dass sich aus diesem Putsch, sollte er authentisch sein, eine bewaffnete Guerillabewegung entwickelt. Aber derzeit scheint es, dass es dafür keine Unterstützung aus der Bevölkerung gibt.

Was heißt das konkret für die Minderheiten in der Türkei und für die Opposition?

Für alle Demokraten, Linken und Liberalen, aber auch für alle Minderheiten in der Türkei ist diese Entwicklung natürlich fatal, da Erdogan noch repressiver agieren wird können. Und auch der Krieg gegen die Kurden wird noch intensiver ausgeweitet werden.

(Kurier) Erstellt am
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