Politik | Ausland 23.01.2013

Der Mann, der Hoffnungen weckt

Keine Matura, aber viel graumeliertes Charisma: Yair Lapid, ehemaliger TV-Star, Boxer, Autor, Schauspieler, mischte die israelis… © Bild: AP/Sebastian Scheiner

Der frühere TV-Moderator Yair Lapid schaffte es mit Charisma und wenig Inhalt auf Platz zwei.

Er war die Überraschung der Wahl: Bekanntes Fernsehgesicht mit strahlender Zuversicht, liberales Gegenbild zu Benjamin Netanyahu, schön und gut. Aber aus dem Stand mit seiner „Es gibt eine Zukunft“-Partei auf den zweiten Platz und damit vielleicht mitentscheidendes Rad bei der schwierigen Regierungsbildung des Benjamin Netanyahu, der er sich vor der Wahl nicht abgeneigt zeigte – das hätte Yair Lapid niemand zugetraut.

Matura hat Yair Lapid nicht. Aber Erfolg. Als der Journalist, Schriftsteller, Script-Writer, Schauspieler, Moderator und jetzt Politiker aufgrund dieses Erfolges vor einigen Jahren von der Bar-Ilan-Universität als Doktorand angenommen werden sollte, verhinderte dies die Hochschulaufsicht – dass er mittlerweile seine Laufbahn als Politiker angetreten hatte, machte ihr Angst.

Lapid ist ein Politiker, der auch Politikern Angst einjagt. Spricht Lapid doch Hoffnungen an. Und die können Politiker selten wecken. Sogar eine „Lex Lapid“ war schon in Arbeit, die Umsteigern aus dem öffentlichen Leben in die Politik eine Wartezeit verordnet. Lapid kam dem zuvor.

Das Schreiben lag ihm in der Wiege. Der 49-Jährige ist der Sohn der Schriftstellerin Schulamit Lapid. Der Vater Josef Lapid, ein Holocaust-Überlebender aus Ungarn, war einer der führenden Journalisten Israels und auch Politiker.

Wie sein Vater ist auch Yair Lapid der öffentlichen Meinung immer einen Schritt voraus. Er redet der Öffentlichkeit nicht nach dem Mund, ahnt aber die Richtung des Mainstreams.

Zwischen Schreibtisch, Boxring, vor oder hinter der Kamera wechselten Lapids Interessen oft schneller als Meinungen bei Politikern. Er ist aber auch hartnäckig und beharrend. Über 19 Jahre schrieb er wöchentlich seine Kolumne. Seine Recherchen sind nicht so stark wie sein salopper Stil.

Einschaltrekorde

Als Moderator im Privatfernsehen brach er ständig Einschaltrekorde. Vor allem weibliche Zuschauer konnten bei so viel graumelierter Eloquenz nicht abschalten.

Er zeigt Empathie, auch mit Tränen. Er teilt Wut und Begeisterung. Er ist nett zu Netten, bös zu Bösen. Konkrete Meinungsäußerung erspart er sich aber lieber.

Der Mann ohne Abitur steht jetzt vor seiner politischen Reifeprüfung. Seine Teflon-Eigenschaften und Allround-Fähigkeiten kann er dabei gut brauchen. Seine unklaren Meinungen aber wird er offenbaren müssen.

Schwierige Regierungsbildung

Nach einer Wahl ist in Israel nicht immer alles klarer. Vor allem nicht die neue Regierungskoalition. Wie erwartet erhielt Israels Premier Benjamin Netanyahu, genannt „Bibi“, die meisten Stimmen. Er verlor aber mehr als erwartet an Parteien rechts von seinem Likud und an Nichtwähler. Ohne den Überraschungs-Zweiten in der Mitte, Yair Lapid und dessen Zukunftspartei, hat eine neue Koalition kaum Chancen.

Wie immer das neue Kabinett aussehen wird: Ganz zu Beginn stehen erst einmal drastische Etat-Kürzungen aller Ministerien an. Schläge, die der Boxer Lapid seinen Wählern aus dem Mittelstand ersparen möchte. Sie könnten zum eigenen Knockout werden.

Erst nach dieser finanziellen Hürde könnten die Parteien in der Regierung anfangen, über politisches Zurückstecken zu reden. Wobei sich in einem Dialog der ultra-orthodoxen Parteien und dem hyper-liberal auftretenden Lapid kein Kompromiss abzeichnet. Die einen wollen Sonderrechte behalten, der andere will sie ihnen nehmen. Ein Machtwort Netanyahus wäre dann fällig. „Aber der zaudert immer endlos zwischen jedem Für oder Wider“, wusste ein Ex-Berater Netanyahus. Das war noch vor den Wahlen, als er frustriert seinen Job aufgab.

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© Bild: KURIER

Möglich wäre eine einheitliche Koalitionsverweigerung aller Parteien in der Mitte und Links. Womit aber niemand in Israel rechnet. Netanyahu könnte in einem Kabinett Parteien rechts von ihm gegeneinander ausspielen. Über die Forderung nach einer Ausweitung der Wehrpflicht auch auf fromme Schriftgelehrte könnte sich der zweite Wahlaufsteiger, der nationalreligiöse Naftali Bennett, mit Lapid durchaus einig werden.

Schon im Wahlkampf sprach Lapid von pragmatischen Stufenmaßnahmen: „Mit Schnellschüssen ist da nichts zu machen.“

Bennett kann nur wenig Bereitschaft zeigen, wenn es um Verhandlungen mit den Palästinensern geht. Oder um Einsparungen bei Siedlungen. Damit tun sich aber die strengfrommen Parteien leichter. Dafür teilt der Selfmade-Millionär Bennett mit Lapid auch Ansichten zu Maßnahmen, die dem Mittelstand das Leben erleichtern sollen. Genau da aber zögert Netanyahu schon seit Jahren.

Eigentlich sind Bennett und Lapid einander sehr ähnlich: „Es gibt Momente, da sehen sie wie geklonte Söhne Netanyahus aus“, meint die Zeitung Maariv.

Israel setzt Politik der Kolonialisierung fort

Der palästinensische Uni-Dozent Adam Hanieh sieht für sein Volk auch nach den Israel-Wahlen in absehbarer Zeit kaum Veränderung zum Besseren. Das habe weniger mit dem Ergebnis des Urnenganges zu tun, so der Politologe, der an der Londoner Universität lehrt, als vielmehr mit einer grundlegenden Strategie der Israelis. „Und die lautet: Eine Vertiefung der Kolonialisierung der Palästinensergebiete. Das geschieht vor allem durch den Ausbau der Siedlungen, speziell um Jerusalem“, sagt Hanieh zum KURIER. Auch eine linke Regierung würde in diese Richtung gehen.

„Sie (die Israelis) kontrollieren alles – das Land, die Grenzen, die Bewegungsmöglichkeiten der Palästinenser, die Energie, die Wasser-Ressourcen und die Wirtschaft der Palästinenser. Diesen Ansatz verfolgen sie letztlich seit dem Sechstagekrieg 1967. Daran konnten auch die Osloer Verträge (durch die ab 1993 ein palästinensisch-israelischer Friede greifbar nahe erschien) nichts ändern“, analysiert der Experte, dessen Familie 1948 aus Jaffa vertrieben wurde.

Dass der Konflikt in diesem Wahlkampf im Gegensatz zu früheren Wahl-Auseinandersetzungen kaum eine Rolle gespielt hat, erklärt der Politologe mit einer gewissen Müdigkeit hinsichtlich des Themas. „Außerdem sind viele Israelis im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise sehr mit sich selbst und ihrem Überleben beschäftigt.“

Für „Ein-Staat-Lösung“

Dennoch sei der israelisch-palästinensische Konflikt fundamental für beide Völker und weit darüber hinaus. Wobei Hanieh – wie immer mehr Experten – nicht mehr an die „Zwei-Staaten-Lösung“ glaubt: „Dieses Modell ist tot. Es kann nur mehr die ,Ein-Staat-Lösung‘ geben, in der Israelis und Palästinenser dieselben Rechte haben. Das ist die einzige Alternative.“ Dazu bedürfe es aber eines Austausches des politischen Personals auf beiden Seiten, „denn die sind zu sehr in ihren alten Mustern gefangen“, meint Hanieh, der auf Einladung der entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisation VIDC in Wien war.

Er setzt vor allem auf die Auswirkungen der Umstürze im Zuge des „Arabischen Frühlings“ und hier speziell auf Ägypten: „Kairo hat etwa mit den Gaslieferungen an Israel echte Druckmittel in der Hand, um Bewegung in die Sache zu bringen. Langfristig bin ich durchaus optimistisch.“

Ruth Beckermann, Filmemacherin:

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Ruth Beckermann/American Passages…
Ruth Beckermann/American Passages
„Die Beinahe-Gleichstellung von Rechts und Links freut mich, weil ich einen starken Sieg der Rechten erwartet habe. Ich nehme an, dass vor allem liberale, städtische Menschen Lapid gewählt haben, weil er eine Mitte-Links-Position vertritt. Nicht regulativ wie die Arbeitspartei, aber doch sozial. Das Ergebnis zeigt aber, wie gespalten das Land ist – in Fragen der Religion und in sozialen Fragen. Das ist sehr beunruhigend.“

Oskar Deutsch, Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde:„Ich bin überrascht vom Erfolg von Yair Lapid, der mit Kandidaten antrat, die noch nie im Parlament waren. Aber das ist ebenso ein Ausdruck einer lebendigen Demokratie wie der Einzug so vieler Parteien in die Knesset. Um die Spaltung des Landes zu überwinden, würde ich mir die Bildung einer möglichst breiten Regierung wünschen, die die Herausforderungen zügig angeht. “

Erstellt am 23.01.2013