Politik | Ausland
06.12.2017

Der bescheidene Strippenzieher

Die Premierministerin muss vielleicht gehen, die graue Eminenz Kaczynski bleibt.

Wieder sorgt eine nicht bestätigte Nachricht aus der Zentrale der polnischen Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" ( PiS) für Aufsehen: Premierministerin Beata Szydlo soll durch Wirtschaftsminister Mateusz Morawiecki abgelöst werden, kolportierte die konservative Zeitung Rzeczpospolita am Dienstag. Egal wer kommt, alle Fäden laufen ohnehin bei Parteichef Jaroslaw Kaczynski zusammen, einem formal nur einfachen Abgeordneten. In diesem Monat soll er nicht nur eine Regierungsumbildung, sondern auch die Verabschiedung zweier umstrittener Gesetze zur Gerichtsbarkeit in Polen in die Wege leiten.

Während die Opposition daher das Ende des Rechtsstaats beschwor, bleibt der 68-jährige Jurist gelassen – und werkelt weiter am Umbau des Staates. Dabei scheint Jaroslaw Kaczynski von seiner Person her nicht wirklich als nationalkatholischer Politiker "funktionieren" zu können. Zwar ist er Spross von Eltern, die 1944 im Warschauer Aufstand gegen die deutschen Besatzer kämpften, doch lebt er als Single – in dem katholischen Land bemerkenswert. "Die Hingabe am Dienst an Polen" erlaube ihm die Ehe nicht, erklärte Parteikollege Marek Suski.

Doch da diese Erklärung wohl nicht allein genügt, ließ Kaczynski wichtige Ämter von seinem Zwillingsbruder Lech bekleiden, der Justizminister, Präsident der Stadt Warschau, später des polnischen Staates wurde. Als Lech Kaczynski bei einem Flugzeugabsturz bei Smolensk am 10. April 2010 starb, wurde der Verbliebene, so wird allgemein angenommen, schwer traumatisiert.

Und wie für Traumatisierte üblich, klammert sich der Politiker an Rituale und die Vergangenheit: Jeden zehnten des Monats zieht er mit seinen Anhängern nach der Messe in einer sakralen Prozession vor den Warschauer Präsidentenpalast und verspricht, man werde der Wahrheit über den Absturz, den er für einen Anschlag hält, bald näher kommen. Mit dem Nationalkonservativen schauen seine Anhänger vor allem durch das Prisma der Vergangenheit in die Zukunft.

Da Kaczynski bescheiden lebt, taugt er als Identifikationsfigur auch für all jene, die mit dem Wandel zum Kapitalismus nicht zurechtkommen, und für die jungen Polen mit schlecht bezahlten Jobs.

Diese Mischung kommt an – mit knapp 50 Prozent führen die Nationalkonservativen in den Umfragen, die verzagte ehemalige Regierungspartei kann gerade einmal 17 Prozent überzeugen.