Politik | Ausland
02.07.2017

Christliche Aramäer beklagen Kirchenkonfiszierungen in der Türkei

Türkischer Staat soll jahrtausendealtes aramäisches Kulturerbe konfiszieren.

Vertreter der christlichen Aramäer in Österreich haben sich besorgt über die Konfiszierung von Eigentum der syrisch-orthodoxen Minderheit in der Südosttürkei geäußert. Die "aktuellen überfallartigen Massenkonfiszierungen" in der Region Tur Abdin seien "beispiellos und haben unvorstellbare Ausmaße angenommen", beklagte Simon Danho, Obmann des Sport- und Kulturvereins Suryoyo, in einer Aussendung.

Demnach konfisziert nach Erlass eines Dekrets der türkische Staat jahrtausendealtes aramäisches Kulturerbe; mehr als 50 Kirchen und Klöster samt Grabstätten würden an die türkischen Religionsbehörde (Diyanet) übertragen. Die Aramäer seien in der Türkei nicht als Minderheit anerkannt und könnten daher ihre Rechte, wie das elementare Menschenrecht auf Religionsfreiheit, nicht entsprechend ausüben, so Danho.

"Absolut beispiellos"

Das Vorgehen Ankaras scharf kritisiert hatte kürzlich bereits die deutsche EU-Abgeordnete Renate Sommer. "Die momentanen Verstaatlichungen von jahrtausendealtem urchristlichem Kulturerbe sind absolut beispiellos", erklärte die CDU-Politikerin laut Kathpress. Dieses Kulturerbe könne nun leicht an Dritte veräußert, in Museen oder auch Moscheen umgewidmet werden. "Ganz offensichtlich arbeitet die türkische Regierung daran, die Minderheit der Aramäer im Land nicht nur - wie schon seit Jahren - weiterhin zu drangsalieren, sondern regelrecht auszulöschen", warnte Sommer. Vor diesem Hintergrund sei es ein "Hohn", dass die Türkei weiterhin offiziell darauf bestehe, Mitglied der EU zu werden.

Erhalt von Kirchengebäuden mit "massiven Schwierigkeiten verbunden"

Der Bundesverband der Aramäer in Deutschland äußerte sich in gleicher Weise. Die Lage sei "sehr komplex und undurchsichtig", so dessen Vorsitzender Daniyel Demir. In der Vergangenheit hatte der Verband bereits auf das Enteignungsverfahren des Klosters Mor Gabriel sowie die Beschlagnahmung des ehemaligen syrisch-orthodoxen Bischofssitzes, der St. Peter und Paul Kirche in Sanliurfa (Urfa), aufmerksam gemacht. Laut dem Bundesverband der Aramäer in Deutschland ist der Eigentumserwerb, Bau oder Erhalt von Kirchengebäuden mit "massiven" Schwierigkeiten und Hindernissen verbunden. Dies betreffe auch die Ausbildung von Priestern sowie Unterricht der aramäischen Sprache.

"Garten der Religionen" vorbei

Hatte der damalige Premier und heutige türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan vor der Aufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen mit seinem Land 2005 noch symbolträchtig in Belek nahe dem türkischen Touristenzentrum Antalya einen "Garten der Religionen" mit einer Moschee, einer Kirche und einer Synagoge in unmittelbarer Nähe zueinander eröffnet, hat sich die türkische Politik nicht nur in Sachen Religionsfreiheit, sondern auch Rechtsstaatlichkeit und Demokratie von EU-Standards entfernt. Ein Abbruch der Beitrittsverhandlungen, wie ihn Österreich fordert, ist unter den EU-Staaten aber umstritten.

Suryoyo, ist die zentrale Organisation etwa 5.000 Aramäer in Österreich. Die christlichen Aramäer sind hauptsächlich Angehörige der syrischen Kirchen, darunter syrisch-orthodox, syrisch-katholisch oder syrisch-chaldäisch. Das mit dem Hebräischen verwandte Aramäisch soll die Muttersprache Jesu Christi gewesen sein.