China
07/15/2013

Zwangsbesuch bei der Mama

Damit die Alten nicht verwahrlosen, verordnet der Staat den Kinder „häufige“ Eltern-Besuche.

Mei Chen hat den Koffer voller Krimskrams und Geschenke. Die hat sie aus Peking mitgebracht. Die 44-Jährige teilt aus: Ihre Mutter bekommt neue Handtücher und zwei Blusen. Der Vater Knabbereien aus der Hauptstadt. Dann setzen sich die Eltern mit ihrer Tochter in dem einfachen Bauernhaus zu Tisch. Endlich können sie wieder einmal gemeinsam essen. Sich unterhalten, miteinander lachen.
Drei Monate ist der mittlerweile letzte Besuch bei den Eltern schon her. Seither hat Mei Chen Vater und Mutter in der Provinz Anhui, eintausend Kilometer von Peking entfernt, nicht mehr gesehen. „Ich würde sie ja gerne öfter treffen. Die Zugfahrkarte ist aber so teuer,“ stöhnt Mei Chen.
Die Chinesin lebt in der Hauptstadt Peking, wo sie ihr Geld als Putzfrau verdient. „Außerdem muss ich ja arbeiten, ich kann nicht so oft frei haben.“

Neues Gesetz

Doch nun wird sie zu weiteren Besuchen verpflichtet. Die Regierung hat zum ersten Juli eine entsprechende Verordnung verabschiedet. Diese nennt sich „Gesetz zum „Schutz der Rechte und Interessen älterer Menschen“ und schreibt vor, dass alle über 60 Anspruch auf regelmäßigen Kontakt mit Verwandten haben. Kinder sollen ihre Eltern auch finanziell und geistig unterstützen.
Der Grund für die merkwürdige Bestimmung ist: Die chinesische Gesellschaft überaltert rapide. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua waren 2011 mehr als 185 Millionen Menschen in China über sechzig Jahre alt. 2050 werden es 500 Millionen sein.

Doch trotz des rasanten Wirtschaftswachstums während der vergangenen Jahre hat die Regierung im nach wie vor sozialistischen China bis heute kein ausreichendes Rentensystem aufgebaut. Wissenschaftler der Peking- Universität sagen: Ein Fünftel der Alten lebt unterhalb der Armutsgrenze, vor allem auf dem Land. Viele Familien sind auf die Unterstützung der Kinder angewiesen.

Altersheim

Auch die Versorgung der Alten liegt im Argen. Die Zahl der Altersheime reicht nicht aus. Einrichtungen wie das Heim Yiyangnian im Westen Pekings sind die Ausnahme.

Obwohl sie alles andere als schwerhörig ist, hat Yu Hua den Fernseher in ihrem Zimmer voll aufgedreht. Die 74-Jährige ist eigentlich noch fit, trotzdem hat sie sich vor zwei Jahren entschlossen, in das Heim zu ziehen. „Meine Tochter lebt in Schanghai und kann sich nicht so oft um mich kümmern“, erzählt die ehemalige Ärztin. „Seit dem Tod meines Mannes vor ein paar Jahren war ich alleine. Ich hatte zwar noch immer Bekannte, aber die wurden ja auch älter und ich konnte sie nicht ständig um Hilfe bitten.“
Doch solche Heim-Betreuung können sich nur die wenigsten Chinesen leisten.

Vor allem im Internet hagelt es deswegen Kritik an dem neuen Gesetz. Der Staat versuche, seine Verantwortung auf die Familien abzuwälzen, schreiben aufgebrachte Chinesen. Hinzu kommt: „Die Regierung hat nicht definiert, was man unter häufigen Besuchen zu verstehen hat“, bemängelt Anwalt Ding Yiyuan vom Peking Yingke Anwaltsbüro. Das sei auch gar nicht schlimm, sagt wiederum Juraprofessor Xiao Jinming von der Shandong-Universität, der das Gesetz mitausarbeitete: „Uns ging es vor allem darum, auf die Rechte der Älteren nach emotionaler Unterstützung hinzuweisen. Wir wollten das Bedürfnis betonen.“
Dass die Kinder die betagten Eltern versorgen und ihnen im Alter Respekt entgegenbringen, hat in China eigentlich Tradition. Doch mit dem gesellschaftlichen Wandel erodiert das herkömmliche System.

Hunderte Millionen Chinesen, vor allem arme Bauern, haben in den vergangenen Jahren die heimische Scholle verlassen, um in Städten Geld zu verdienen. Im Elternhaus zurück bleiben die greisen Alten, der Volksmund spricht von „leeren Nestern“.
Die Situation verschärft sich noch wegen der staatlich verordneten Ein-Kind-Politik. Denn anders als in Europa, wo sich eventuell mehrere Geschwister um alte und kranke Eltern kümmern können, lastet die Verantwortung alleine auf den Schultern der Einzelkinder.

Unverständnis

Gerade wegen der Bürde fragen sich viele Chinesen: Was soll das Gesetz nun ändern? „Ich verstehe, dass Mei Chen uns nicht öfters besuchen kann“ erzählt etwa Mei Chens Mutter Xin Ding in Anhui. „Sie muss in Peking ihr Geld verdienen, mehr Besuche gehen einfach nicht.“ Noch sind sie und ihr Mann rüstig und fit. Doch was tun, wenn sie pflegebedürftig werden? „Dann wird doch auch das neue Gesetz nichts ändern“, sagt Xin Ding. „Unsere Tochter kann hier kein Geld verdienen, sie muss nun mal in der Stadt leben.“
Mit der neuen Verordnung reagiert die Regierung jedoch auch auf schockierende Fälle, die zuletzt bekannt wurden. Etwa von einer alten Frau, die von ihrem Sohn in einem Schweinestall eingesperrt war. Oder von einer Gruppe alter Menschen in einem dreckigen Kellerloch. Sie waren völlig verwahrlost, niemand hatte sich um sie gekümmert.

Einen ersten Fall hat ein Gericht in der Stadt Wuxi nun auch schon gleich behandelt. Eine 77 Jahre alte, gehbehinderte Frau hatte ihre Tochter zu Besuchen verklagt. Die hatte sich nach einem Familienkrach einfach nicht mehr sehen lassen. Die Richter urteilten: Die Tochter müsse ihre Mutter alle zwei Monate besuchen. Beobachter meinen: Weitere Fälle könnten folgen.
Dennoch bleiben viele Chinesen skeptisch. Das Gesetz betrachten sie als Bankrotterklärung einer immer härteren Gesellschaft. Aufmerksamkeit und Besuche per Paragraf festlegen? Liebe und Fürsorge sehen anders aus.

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