Syrien-Krieg
12/19/2016

Busse in Brand: Evakuierungen aus Aleppo stocken

Mindestens 20 Evakuierungsbusse sind von Bewaffneten in Dörfern rund um Aleppo in Brand gesetzt worden. UNO-Abstimmung über UN-Beobachter wurde verschoben. Erst in der Nacht ging die Evakuierung weiter.

Nach einer Unterbrechung der Evakuierungen aus dem Osten von Aleppo sind am Montag in der Früh erneut mehr als tausend Menschen aus den Rebellengebieten der Stadt gebracht worden. Rund 20 Busse mit Bewohnern aus Aleppo seien am Sammelpunkt westlich der Stadt eingetroffen, sagte Ahmad al-Dbis, Chef einer Gruppe Mediziner und Freiwilliger, die dort die Evakuierungen koordiniert.

"Hier sind etwa 1200 bis 1300 Menschen." Die in London ansässige Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte dagegen berichtete, dass seit Mitternacht 65 Busse rund 3.500 Menschen aus Aleppo gebracht haben. Demnach würden sich noch rund 30.000 Menschen in dem Rebellengebiet aufhalten.

Busse in Brand

Die Evakuierungen aus Ost-Aleppo waren in den vergangenen Tagen immer wieder ausgesetzt worden. Die Pläne sind mit dem Schicksal der Dörfer Foua und Kefraya verknüpft. Am Sonntag waren mehrere Busse für die Evakuierung der beiden Ortschaften vermutlich von islamistischen Rebellen in Brand gesteckt worden, daraufhin wurden die Aktionen erneut ausgesetzt.

In der Nacht auf Montag seien mindestens fünf Busse mit hunderten Bewohnern in Gebieten westlich der Metropole angekommen, die von den Aufständischen kontrolliert werden.

Auch die geplanten Evakuierungen aus den schiitischen Dörfern Fua und Kafraja in der nordwestlichen Provinz Idlib, die von den Rebellen belagert werden, seien vorläufig gestoppt worden, erklärte die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag. Zuvor hatten Bewaffnete mindestens 20 Busse für die Evakuierung der schiitischen und Assad-treuen Bevölkerung der beiden Dörfern in Brand gesetzt.

Unter Aufsicht des Roten Kreuzes und des Roten Halbmondes sind am Sonntag die ersten Busse in den zerstörten Ostteil der Stadt gefahren, um die restlichen dort ausharrenden Kämpfer und Zivilisten abzuholen, berichteten syrische Medien. Die Vereinten Nationen schätzen, dass noch rund 30.000 Menschen im Osten Aleppos sind.

Ein Teil der Menschen aus Ost-Aleppo soll in die Provinz Idlib gebracht werden, die großteils von radikalen Islamisten beherrscht wird. Der Rest soll in Stadtteile Aleppos ausweichen, die unter der Kontrolle der Regierung sind.

Rebellen und Regierung hatten sich am Samstag auf ein neues Abkommen geeinigt, das den Abzug der restlichen Kämpfer und Zivilisten aus dem umkämpften Stadtteil ermöglichen soll. Neben Ost-Aleppo sollen danach auch Verletzte aus den Schiitendörfern al-Fua und Kefraya in der Provinz Idlib in Sicherheit gebracht werden. In den Dörfern sind nach Angaben der "Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte" etwa 20.000 Menschen eingeschlossen, unter ihnen etwa 4.500 Kämpfer aufseiten der Regierung von Präsident Bashar al-Assad. Zudem sollten Verletzte zwei Orte nahe der libanesischen Grenze, Sabadani und Madaya, verlassen dürfen, die von Kämpfern des Regierungslagers belagert werden.

Rebellen blockierten Evakuierung

Islamistische Rebellen verhinderten nach Angaben der "Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte" den Abtransport Verletzter aus den belagerten Schiitendörfern al-Fua und Kefraya. Die früher unter dem Namen Al-Nusra-Front bekannte Rebellengruppe blockierte die Fahrt der Evakuierungsbusse in die beiden Ortschaften, erklärte die Beobachtungsstelle. Später berichtete der Hisbollah-Fernsehsender al-Manar, Busse und Fahrzeuge des Roten Kreuzes seien an der Zufahrt zu den belagerten Dörfern eingetroffen. Die Beobachtungsstelle und das staatliche Fernsehen berichteten wiederum, dass fünf Busse attackiert, in Brand gesetzt und zerstört worden seien. Im Staats-TV hieß es, dass es sich um eine Attacke "bewaffneter Terroristen" handle, womit üblicherweise Aufständische gemeint sind.

Abstimmung über UNO-Beobachter

Der UN-Sicherheitsrat beriet am Sonntagabend über einen Resolutionsentwurf, der die Entsendung von UN-Beobachtern nach Aleppo vorsieht. Nach einer russischen Veto-Drohung und mehr als drei Stunden Verhandlung hinter verschlossenen Türen wurde die geplante Abstimmung verschoben. Die Abstimmung sei nun für Montag um 15.00 Uhr MEZ geplant, teilten mehrere UNO-Botschafter nach Ende des Treffens am Sonntag in New York mit.

Russland hatte zuvor damit gedroht, eine von Frankreich eingebrachte Resolution, die Zugang für neutrale UNO-Beobachter und humanitäre Hilfe fordert, zu blockieren, und einen Gegenentwurf eingebracht. Hinter verschlossenen Türen habe man dann "konstruktiv" an einem gemeinsamen Text gearbeitet, hieß es. Russland ist ein Verbündeter des syrischen Machthabers Bashar al-Assad.

Laut dem von Frankreich eingebrachten Entwurf würde sich der Sicherheitsrat "alarmiert" über die sich immer weiter verschlechternde humanitäre Lage in Aleppo äußern. Der Text hält fest, dass "zehntausende belagerter Einwohner von Aleppo" Hilfe brauchen und in Sicherheit gebracht werden müssen. Die Beobachter sollen den Abtransport von Zivilisten überwachen und ihren Schutz gewährleisten. In der Resolution wird UN-Generalsekretär Ban Ki-moon aufgefordert, schnell humanitäres Personal nach Aleppo zu entsenden, das sich bereits in Syrien befindet. Dieses solle eine "angemessene neutrale Überwachung und direkte Beobachtung" der "Evakuierung der belagerten Teile Aleppos" sicherstellen.

"Weiteres Srebrenica verhindern"

Syrien wird aufgerufen, den UN-Beobachtern Zugang zu gewähren. Ban soll dem Text zufolge dem Sicherheitsrat binnen fünf Tagen nach Beginn der Mission berichten, ob der Zugang nach Aleppo tatsächlich möglich ist.

Der französische UN-Botschafter Francois Delattre sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Entsendung internationaler Beobachter nach Aleppo würde "ein weiteres Srebrenica" verhindern. Dort hatten 1995 bosnisch-serbische Milizen etwa 8.000 muslimische Männer und Buben getötet. Das Massaker ging als das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg in die Geschichte ein.

Über die Initiative hatte sich Frankreich nach Angaben Delattres eng mit Deutschland abstimmt, das dem Sicherheitsrat nicht angehört. Das mächtigste UN-Gremium hat sich im Syrien-Konflikt allerdings wiederholt als nicht handlungsfähig erwiesen.

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