Politik | Ausland 08.11.2015

Bunt, bunter, Kanadas neue Regierung

50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männer sitzen im Kabinett von Trudeau. © Bild: REUTERS/CHRIS WATTIE

50 Prozent Frauen, Muslime, Sikhs & ein Astronaut: Regierungschef Justin Trudeau präsentierte sein neues Kabinett.

Es gibt drei Dinge, die mit Kanada in Verbindung gebracht werden: Erstens die Ahornblattflagge, die im Februar 1965 Großbritanniens Union Jack abgelöst hat; zweitens die Québécois, die frankokanadische Bevölkerung im Osten des Landes, die bereits als eine eigene Nation im geeinten Kanada anerkannt ist; und drittens die Mounties, die nationale Polizei, die mit dem traditionell roten Waffenrock, den Reitstiefeln und dem braunen Hut weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt sind.

Mounties sind für gewöhnlich größer
A child wearing a Mountie uniform waits for Prime Minister-designate Justin Trudeau and the Members of Parliament who will compr… © Bild: AP/Justin Tang
Politisch war das Land, dem eine Hassliebe zum Nachbarstaat USA nachgesagt wird, neun Jahre lang durch denkonservativen Politiker Stephen Harper geprägt. Bei der Parlamentswahl am 19. Oktober 2015 war jedoch die Liberale Partei von Justin Trudeau klare Wahlsiegerin. Er zieht nun mit einer absoluten Mehrheit in den Langevin Block in Ottawa ein, dort, wo bereits sein Vater Pierre Trudeau von 1968 bis 1984 residierte.

Ein Kabinett für 2015

Der 43-jährige Trudeau ist so etwas wie der Rockstar der kanadischen Politik. "Ich werde der Premierminister aller Kanadier sein", versprach er der Bevölkerung. Der Vorsitzende der Liberalen Partei ist im Gegensatz zu seinem Vorgänger für die Legalisierung von Marihuana, das Recht auf Abtreibung und gegen die kanadische Beteiligung am Krieg gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat".

Justin Trudeau bei der Vereidigung
Prime Minister Justin Trudeau speaks to the crowds outside Rideau Hall after the Cabinet's swearing-in ceremony in Ottawa Novemb… © Bild: REUTERS/BLAIR GABLE
Vergangene Woche stellte der neue Regierungschef sein 30-köpfiges Kabinett vor. Was in vielen Staaten von der Bevölkerung mit einem beiläufigen Nicken zur Kenntnis genommen wird, wurde in Kanada als der Coup der vergangenen Jahre gefeiert. Trudeau, so internationale Medien, habe das umgesetzt, was sich viele Kanadier wünschten: Ein Regierung, die Kanada repräsentiert.

Die neue Ministerriege besteht aus einer perfekten Balance zwischen den Geschlechtern, 15 Frauen und 15 Männer. Viele von ihnen haben für Politiker sehr ungewöhnliche Lebensläufe, berichtet Radio Canada. So befinden sich in der Regierung ein Inuit, ein Flüchtling aus Afghanistan, ein Homosexueller, ein Astronaut und vier Sikhs, von denen einer fälschlicherweise als Khalistan-Fundamentalist beschuldigt, gefoltert und für zwei Jahre in Indien gefangen genommen worden ist.

Sikhs und Indigene

Harjit Sajjan ist neuer Verteidigungsminister
Canada's new National Defence Minister Harjit Sajjan gestures after being sworn-in during a ceremony at Rideau Hall in Ottawa, C… © Bild: REUTERS/BLAIR GABLE
An der Spitze des Verteidigungsministeriums steht Harjit Sajjan, ein Sikh, dessen Familie von Indien nach Kanada emigrierte, als er fünf Jahre alt war. Sajjan arbeitete als Kriminalbeamter in Vancouver, bevor er seinen Dienst beim kanadischen Militär antrat. Der aus Punjab stammende Sajjan ist ein hochdekorierter Soldat, der schnell zum Oberstleutnant aufstieg und Einsätze in Bosnien und Afghanistan leitete. Er wird der erste Sikh sein, der einen Posten innerhalb derNATObekleidet - immer mit Bart und Turban, so wie es sein Glaube, der Sikhismus, verlangt.

Es sei ein Disput mit Stephen Harper um die indigenen Völker Kanadas gewesen, der Jody Wilson-Raybould veranlasst hat, für die Liberalen zu kandidieren. Die neue Justizministerin ist eine von acht Indigenen im neuen Parlament, sie stammt von den Kwakwaka'wakw ab. Zunächst arbeitete Puglaas, so ihr Kwak'wala Name, als Staatsanwältin in British Columbia, 2009 wurde sie zur Regionalchefin der First Nations (indigene Völker in Kanada) gewählt.

Sportministerin bei Paralympics

Als Ministerin für Demokratische Institutionen wurde die in Afghanistan geborene Maryam Monsef ernannt. Im Kindesalter flüchtete die mittlerweile 30-Jährige mit ihrer Mutter aus dem Land am Hindukusch. Ihr Vater und ihr Onkel sind während sowjetischer Invasion in den 80er Jahren aus bisher unerklärlichen Gründen verschwunden. Es wird vermutet, dass sie sich der antisowjetischen Bewegung in Afghanistan angeschlossen haben.

Die ehemalige Paralympionikin Carla Qualtrough ist Sportministerin
Canada's new Sport, and Persons with Disabilities Minister Carla Qualtrough is sworn-in during a ceremony at Rideau Hall in Otta… © Bild: REUTERS/CHRIS WATTIE
Eine besondere Erscheinung istCarla Qualtrough. Bei ihrer Ernennung zur Ministerin für Sport und Menschen mit Beeinträchtigung sagte sie: "Es ist absolut surreal. Es ist bestimmt einer meiner schönsten Tage meines Lebens." Die 44-Jährige, die seit ihrer Geburt blind ist, vertrat ihr Land bei den Paralympischen Spielen 1988 in Seoul und 1992 in Barcelona. Nach ihrer Schwimmkarriere studierte Qualtrough Politikwissenschaften und arbeitete bei der Organisation Human Rights Commission Canada, die sich für Gleichberechtigung aller Bevölkerungsschichten einsetzt.

Ex-Chef in der Regierung

Hunter Tootoo, Minister für Fischerei
Canada's new Fisheries and Oceans, and Canadian Coastguard Minister Hunter Tootoo is sworn-in during a ceremony at Rideau Hall i… © Bild: APA/AFP/CHRIS WATTIE
Chrystia Freeland, die als freie Journalisten während derKrimkrise aus der Ukraineberichtete und seitdem auf der Liste jener Personen steht, die nicht mehr inRusslandeinreisen dürfen, amtiert als Ministerin für Internationalen Handel. Das Ministerium für Fischerei wird von Hunter Tootoopräsentiert, er gehört zu den Inuit aus dem Norden Kanadas. Und mit der 54-jährigen Jane Philpott wird zum ersten Mal eine ausgebildete Ärztin Gesundheitsministerin.

Für das Amt als Verkehrsminister hat sich Trudeau einen besonderen Experten ausgesucht. Denn wer könnte künftige Transportschwierigkeiten nicht besser bewältigen, als der erste Kanadier im Weltraum? Der 66-jährige ehemalige Astronaut Marc Garneau war drei Mal im All (1984, 1996 und 2000) und jahrelang Präsident der kanadischen Weltraumbehörde.

Geschlechter-Parität

Kent Hehr, Minister für Veteranen-Angelegenheiten
Canada's new Veterans Affairs, and Associate Minister of National Defence Minister Kent Hehr is sworn-in during a ceremony at Ri… © Bild: REUTERS/CHRIS WATTIE
Der ehemalige Anwalt für Behinderte, Kent Hehr, ist der neue Minister für Angelegenheiten der Veteranen. Der 45-Jährige setzt sich seit geraumer Zeit gegen Waffengewalt ein und forderte die Regierung des Öfteren auf, die Polizeistärke in seiner Heimatstadt Calgary zu erhöhen. Hehr ist seit seinem 22. Lebensjahr querschnittsgelähmt. Schüsse aus einem vorbeifahrenden Auto brachten den ehemaligen College-Hockey-Spieler ins Krankenhaus, das er nach neun Monaten im Rollstuhl verlassen durfte.

Neben den zahlreichen Neulingen in der Regierung holte Trudeau Alteingesessene wieder in die vorderste Reihe. Dazu gehört unter anderem der ehemalige Vorsitzende der Liberalen Partei, Stéphane Dion, der nun das Amt des Außenministers innehat.

"Weil wir das Jahr 2015 schreiben"

Jody Wilson-Raybould stammt von den Kwakwaka'wakw ab.
Canadian Prime Minister Justin Trudeau speaks with Minister of Justice Jody Wilson-Raybould during a swearing-in ceremony at Rid… © Bild: APA/AFP/ADRIAN WYLD
Trudeau besetzte die Hälfte der Regierung mit Frauen, eine Quote von 50 Prozent. Auf die Frage einer Reporterin, warum er die Geschlechter-Gleichheit für wichtig erachte, antwortete der neue Premier: "Weil wir das Jahr 2015 schreiben."

Experten in Kanada sehen die Besetzung im neuen Kabinett positiv. Angesichts der steigenden Islamfeindlichkeit im Land sei Trudeaus Entscheidung, auf Multikulturalität zu setzen, mutig und richtig gewesen. Das neue Kabinett sei ein Potpourri aus routinierten Politikern und Newcomern, die Erfahrungen aus der Privatwirtschaft und aus Nichtregierungsorganisationen mitbringen - ein Modell für das 21. Jahrhundert, das auch ein Ressort "Umwelt und Klimawandel" vorsieht.

( kurier.at , jk ) Erstellt am 08.11.2015