Politik | Ausland
27.10.2017

Bruder gegen Bruder im Terrorprozess

Er war der Vorläufer der Terrorwelle in Frankreich: Mohamed Merah, der 2012 in Toulouse mordete. Jetzt steht ein Bruder wegen Beihilfe vor Gericht, ein anderer Bruder ist Zeuge der Anklage.

Es ist selten, dass in einem Gerichtssaal, fast alle Anwesenden, inklusive der Gerichtsschreiberin und der Wachebeamten, zum gleichen Zeitpunkt um Fassung ringen, sich Tränen aus den Augen wischen oder zumindest verdächtig herumschnupfen. Aber genau das war der Fall im zurzeit in Paris laufenden Prozess um die Verbrechen, die der Dschihadist Mohamed Merah im März 2012 in Toulouse und Umgebung beging – und zwar als Zeugen schilderten, wie Merah drei Kinder in einer jüdischen Schule, darunter einen Dreijährigen mit einem Schnuller im Mund, aus nächster Nähe erschoss.

Der 23 jährige Al-Kaida-Anhänger Mohamed Merah war der Vorläufer der Terrorwelle, die ab 2015 in Frankreich voll einsetzte. Erst lauerte er Soldaten auf. Drei erschoss er, einen vierten verletzte so schwer, dass er seither querschnittgelähmt ist. Weil diese drei ersten Todesopfer Muslime waren, und der Verletzte ein Schwarzer, der aus der Karibik stammte, suchten die Behörden zuerst ausschließlich nach einem rechtsradikalen Attentäter.

Verblendete Behörden ermitteln nur bei Rechten

Eine Spur zum lokalen Islamistenmilieu wurde ausgeklammert. Örtliche Sicherheitsbeamte, die in diese Richtung ermitteln wollten, wurden von ihren Vorgesetzten in Paris explizit angewiesen, dies zu unterlassen. Dabei war Mohamed Merah den örtlichen Sicherheitsbehörden bereits aufgefallen. Der in einer Sozialsiedlung in Toulouse aufgewachsene Bursch war 18 Mal wegen diverser Delikte, meistens mit Gewaltanwendung, angezeigt worden. Er hatte 21 Monate hinter Gittern verbracht. Während dieses Gefängnisaufenthalts hatte er sich islamistisch radikalisiert. Danach war er, so wie einer seiner Brüder, der jetzt Angeklagte Abdelkader Merah, als Bewunderer von Osama Bin Laden in Erscheinung getreten. Dazu kamen Reisen nach Pakistan, ins Grenzgebiet zu Afghanistan.

Die Vernachlässigung des Islamistenmilieus trug dazu bei, dass Merah zuerst unbehelligt blieb, und zwar drei Tage bis zur Verübung seines Gemetzels in einer jüdischen Schule. Vor dem Schultor erschoss er einen Familienvater und seine zwei Kinder im Alter von fünf und drei Jahren. Dann rannte er einer Achtjährigen in den Schulhof hinterher, ergriff sie bei den Haaren und schoss ihr in den Kopf. Der Täter, der sein Gesicht unter einem Helm verbarg, flüchtete auf einem Motorrad. Den Abend verbrachte er in einer Disko. Zwei Tage später wurde er gestellt und erschossen.

Im jetzigen Prozess sitzen der 35 jährige Abdelkader Merah, also der erwähnte Bruder des Attentäters, und ein Freund der beiden wegen Beihilfe zu den Anschlägen auf der Anklagebank. Feststeht dass Abdelkader, ein fanatischer Islamist, enormen Einfluss auf seinen, um sechs Jahre jüngeren Bruder Mohammed ausübte. Dass er in die Vorhaben von Mohammed konkret eingeweiht war, lässt sich aber schwer nachweisen. Der gemeinsame Freund, ein Unterweltler hat zwar zugegeben, dass er Mohammed die Waffen verschaffte. Er will aber von seinen Attentatsabsichten ebenfalls nichts gewusst haben.

Demokratische Muslime gegen Islamisten

Aber jenseits dieser juristischen Aufarbeitung lieferte dieser Prozess ein Sittenbild aus dem Inneren der Familie eines Dschihadisten. Er gestaltete sich auch zu einer erschütternden Konfrontation zwischen Muslimen, und zwar jenen die sich zum demokratischen Rechtsstaat bekennen, und jenen, die ihn bekämpfen. Neben den Beschuldigten stammen auch die Ankläger vielfach aus muslimischen Familien: von der Staatsanwältin bis hin zu den Angehörigen der ermordeten Soldaten und ihren Anwälten.

Die aus Algerien eingewanderte Familie Merah war selber Schauplatz dieses Ringens. Wobei Gewalt schon sehr früh die inneren Beziehungen prägte. Der Familienvater prügelte in einem Fort seine Frau, Zoulikha, bis es zur Scheidung kam.

Die Mutter wurde von den drei heranwachsenden Buben – dem ältesten Abdelghani, dem mittleren Abdelkader und dem jüngsten Mohamed – tyrannisiert. Die drei quälten auch jeweils ihre jüngeren Brüder. Die beiden Töchter, Souad und Aicha, waren der Gewalt ihrer Brüder ausgeliefert.

Aicha, die jüngste, nahm als 17 Jährige aus diesem, von ihr als „Hölle“ bezeichneten Familienmilieu Reißaus. Sie sagte jetzt vor Gericht, ihre Mutter habe „sie nie verteidigt und sich nur um ihre Söhne gekümmert.“ Aicha, heute als Friseurin tätig, tritt unverschleiert auf und bekennt: „Ich glaube nicht an Gott“.

Die ältere Tochter Souad ging 2014 mit ihren Kindern nach Syrien, wo bereits ihr Mann beim „Islamischen Staat“ angedockt hatte. Zuvor hatte sie mehrmals gedroht, „sich in der U-Bahn mit ihren Kindern in die Luft zu jagen“. Ihre Opfer wären ja „keine Unschuldigen sondern Ungläubige“.

„Geboren, um Juden zu hassen“

Mutter Zoulikha erklärte ihren Kindern: „Wir Araber sind dazu geboren, die Juden zu hassen“. Und als ihr jüngster, Mohammed, seine Morde begangen und als Täter identifiziert worden war, frohlockte sie: „Mein Sohn hat Frankreich in die Knie gezwungen“. Als der mittlere Sohn und ideologische Einpeitscher, Abdelkader, nach den Massakern, die Mohamed verübt hatte, festgenommen wurde, tröstete er seine Mutter bei ihrem Besuch im Gefängnis: „Du brauchst Dich nicht zu sorgen, Mama. Das Geschenk, das mir Mohamed gemacht hat, ist einmalig“.

Belegt sind diese Sprüche durch Abhör- und Einvernahme-Protokolle. Die Quintessenz dieser Stimmung aber förderten der älteste Bruder, Abdelghani Merah, seine Frau und ihr Sohn zu Tage, die alle drei vor Gericht als Zeugen der Anklage aussagten.

Abdelghani, heute 40 jährig, war wie seine beiden nachfolgenden Brüder in seiner Jugend ein Schläger und Delinquent. Aber als seine Brüder in den Islamismus abdrifteten, zog Abdelghani nicht mit. Die Kluft wuchs, als sich Abdelghani mit einer nicht-muslimischen Französin liierte, Anne Chenevat.

Ursprünglich fand Anne als 16 jährige Einlass in dem Familienclan. Sie wurde von den Geschwistern Merah wohl gelitten und beging mit ihnen den muslimischen Fastenmonat Ramadan. Als aber die Mutter Zoulikha erfuhr, dass Anne einen jüdischen Großvater hatte, beschimpfte sie die junge Frau als „dreckige Jüdin“. Dazu meinte Anne vor Gericht relativierend, dass Mutter und Geschwister Merah, „wenn sie wütend waren“, sie auch als „dreckige Französin“ bezeichneten. Nachsatz: „Sie hatten mich trotzdem gern“.

Allerdings weigerte sich Anne zum Islam überzutreten. Anne und ihr Mann, Abdelghani Merah, verliehen ihrem gemeinsamen Sohn zudem einen nicht-muslimischen Namen: Theodore. Was die Wut der Mutter und drei hyper-religiösen Geschwister entfesselte.

Der Kampf einer Mutter

Um Theodore entbrannte ein erbitterter Kampf. Die fanatisierte Souad, der jetzt angeklagte mittlere Bruder Abdelkader und der spätere Attentäter Mohamed versuchten den Heranwachsenden gegen die „ungläubige“ Mutter aufzuhetzen. Vor Gericht erzählte der inzwischen 21-jährige Theodore, wie sein Onkel Abdelkader andauernd mit ihm über „die Vorbereitung auf den Tod im Dienste Gottes“ sprach. Zur Einstimmung wollte er ihn zu einem „Rundgang in die Leichenchauhäuser“ bewegen.

Seine Mutter Anne schilderte vor Gericht, wie ihr Sohn eines Abends von einer Versammlung, zu der ihn Abdelkader geleitet hatte, heimkehrte und sie fragte: „Wenn die Muslime alle Ungläubigen töten werden, wirst Du dich bekehren?“. Sie habe verneint, und ihr Sohn habe nachgefragt: „Und für mich, Mama, wirst Du Dich bekehren?“. Und sie habe abermals „Nein“ geantwortet. Resümee der Mutter: „So habe ich die Beziehung zu ihm aufrechterhalten“.

Theodore, der sich jetzt auf den Eintritt in eine „Grande Ecole“ (eine französische Elite-Hochschule) vorbereitet, bestätigt: „Meine Mutter hat mich durch ihre Standfestigkeit und nie lahmende Bereitschaft zur Diskussion gerettet. Sie hat mir ein differenziertes Urteilsvermögen beigebracht.“

Den schwierigsten Abnabelungsprozess vollzog freilich der Mann von Anne, Abdelghani. Der noch in Algerien erstgeborene Sohn von Zoulikha engagiert sich seit Jahren gegen den radikalen Islamismus. Im vergangenen Winter zog er zu Fuß durch Teile Frankreichs, um vor dem Fanatismus, den er in seiner eigenen Familie erlebt hatte, zu warnen.

Vor Gericht erinnerte Abdelghani daran, dass das jüngste Opfer seines Bruders Mohamed drei Jahre alte war. Er und seine Geschwister seien „im Hass auf Juden und Nicht-Muslime“ erzogen worden. Nachsatz: „Ich will meine Stimme gegen diese tödliche Doktrin, die auch meine Familie zerstört hat, erheben.“

Und die Mutter einer der ermordeten Soldaten, die Marokkanerin Latifa Ibn Ziaten, die ebenfalls seit Jahren unentwegt in Schulen und Vororten auftritt, um gegen die radikal-islamistische Versuchung anzukämpfen, meinte mit Blickrichtung auf den Beschuldigten Abdelkader Merah: „Ich schäme mich für ihn. Das ist nicht mein Islam, das ist eine Sekte, die eine extreme Gefahr für unsere Gesellschaft und Republik darstellt.“