Arabische Investoren werden hofiert – und bringen Spannungen.

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Kommunalwahl in Bosnien
10/02/2016

Bosnien: Vor allem Muslime fürchten Extremisten

Arabische Investitionen und "Terrordörfer" – eine schleichende Radikalisierung?

von Karoline Krause-Sandner

"Alkohol ist verboten nach den Lehren des Islam", sagt Mohamed Yugo und muss schon während des Satzes schmunzeln. Natürlich legt auch die Islamische Gemeinschaft (Rijaset) in Bosnien, "ihren" Muslimen den Verzicht auf Alkohol nahe. "Aber wer die Bosnier kennt", sagt der internationale Rijaset-Vertreter, "weiß, dass das oft unmöglich ist".

Alkohol ist nur ein Beispiel für den hier gelebten liberalen Islam. "Moderat", "europäisch", "säkular" – das sind die Attribute, die ihm zugefügt werden. Rund 50 Prozent der Bosnier sind Muslime. Doch ohne ohne Musik und Tanz, ohne ihre Freiheiten bei Kleidung, Essen und Trinken wollen auch die meisten bosnischen Muslime nicht leben. Man bezeichne sich als Muslim – was auch Teil der Identität ist –, sagt Bosnien-Kenner Florian Bieber von der Uni Graz. Doch über die großen Feiertage geht die Religiösität oft nicht hinaus.

Bei der Islamkonferenz in Sarajewo vergangene Woche, bei der auch das österreichische Außenministerium mitgearbeitet hat, bekannte sich der Großmufti erneut zum "Islam europäischer Prägung" und sprach sich für "Säkularität und Kontextualisierung" aus, also die Religion in den historischen Zusammenhang zu setzen. Dieses Modell wolle man nun auch unter den Muslimen in Europa promoten.

"Terrordörfer"

Doch es gibt auch die andere Seite des Islam in Bosnien. Zu sehen in Dörfern wie Osve oder Gornja Maoca. 28 solcher Gemeinschaften soll es in ganz Bosnien geben, in denen streng puristische Salafisten, konservative Muslime, zurückgezogen leben und – teilweise – von einem Kalifat träumen. Auch Extremisten finden in solchen Gemeinden Unterschlupf. In Gornja Maoca sah man etwa bis vor Kurzem IS-Symbolik, aus Osve kam etwa jener Terrorist, der 2011 einen Anschlag auf die US-Botschaft in Sarajevo verübt hat. Aus beiden Dörfern waren auch Dschihadisten nach Syrien gegangen bzw. kehrten wieder zurück.

Die "Terrordörfer" sind unter Kontrolle, heißt es aus Geheimdienstkreisen. Valentin Inzko, Hoher UN-Repräsentant in Bosnien, bestätigt das dem KURIER: Die 180 Syrien-Kämpfer aus Bosnien seien entweder tot, in Haft oder würden überwacht.

Arabische Lehren

Doch auch vor einem anderen Phänomen warnen Geheimdienste: Investitionen aus konservativ-muslimischen Staaten – vor allem aus dem wahhabitischen Saudi-Arabien oder anderen Golfstaaten. In der Nachkriegszeit wurde ein Boom verzeichnet. 80 Prozent der Moscheen waren zerstört, staatliche Investoren vom Golf bauten sie wieder auf – und schickten ihre Gelehrten mit ihren strengen Lehren auf den Balkan.

Rijaset versuchte heuer, auch diese Moscheen unter ihr Dach und somit unter Kontrolle zu bekommen. Und hat es, bis auf eine Handvoll, auch geschafft. Die übrigen werden von den Behörden überwacht.

Andere Scheichs kaufen ganze Landstriche und bauen Feriendörfer, Hotels, Shoppingcenter – in denen zwar die üblichen (westlichen) Marken verkauft werden, jedoch etwa kein Alkohol. Das Angebot für muslimische Gäste, was Halal-Fleisch oder die Trennung der Geschlechter betrifft, wird größer. Auch das Landschaftsbild verändert sich: Frauen in Burka und Nikab auf den grünen Wiesen Bosniens, Touristen im traditionell muslimischen Gewändern mit Selfie-Stick in Sarajewo.

Doch hier handle es sich um private Geschäfte. Die Investitionen seien außerdem viel geringer als jene von europäischen Ländern, erklärt der bosnische Wissenschaftler Amir Duranovic. Es gehe vor allem darum, die arabische Mittelschicht anzulocken, die sich ein Urlaubsdomizil in London oder am Genfer See nicht leisten könne, fügt Bieber hinzu. "Das ist kein Masterplan der Radikalisierung." Doch der konservative Islam bringe Spannungen.

Sorge um die Jugend

Sorgen müsse man sich aber um die Jugend in Bosnien machen, sind sich viele einig. "Die jungen haben viel Potenzial, aber wenig Perspektive in Bosnien", bedauert Inzko. Das müsse sich ändern. Die wirtschaftliche Lage ist katastrophal, bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent sei die Gefahr hoch, für IS-Rekrutierer anfällig zu werden. Und auch Rijaset findet kaum Kontakt zu den Jungen. Diese Kombination nennt Inzko einen "fruchtbaren Boden für Radikalisierung."

Nikab im Wahlkampf

Eine schleichende Radikalisierung manifestiert sich allerdings nicht in den Wahllisten zur heutigen Kommunalwahl in Bosnien, sagt Politologe Florian Bieber. Für Aufsehen hat – auch in Österreich – gesorgt, dass auf einer Wahlliste auch eine junge Frau mit Nikab auftaucht. Indira Sinanovic ist Journalistin und strenge Muslimin. Auf Listenplatz 11 einer relativ unbedeutenden Partei hat sie aber keine Chance, tatsächlich in die Stadtregierung von Zavidovici zu gelangen, wo sie antritt. Ihre Kandidatur habe eher "Gelächter oder Verwunderung" ausgelöst, erzählt Bieber.

Auch Inzko bestätigt: "Der Islam, radikal oder nicht, ist in diesem Wahlkampf überhaupt kein Thema." Und noch etwas fügt er hinzu: "Wissen Sie, wer in Bosnien die größte Angst vor radikalem Islam hat?" – "Die Muslime."

Geteiltes Land am Balkan: Die Gräben werden wieder tiefer

Durch den Vertrag von Dayton, ausgearbeitet von der internationalen Gemeinschaft im Jahr 1995, wurde das Land in zwei Verwaltungszonen aufgeteilt: die Föderation Bosnien und Herzegowina auf der einen Seite und die Republika Srpska auf der anderen Seite. Das historische Abkommen nach den Balkankriegen vereinte die drei großen Volksgruppen – muslimische Bosniaken, mehrheitlich orthodoxe bosnische Serben und mehrheitlich katholische Kroaten – unter einem Dach.

Bis heute steht das Land unter starker internationaler Kontrolle, die mittlerweile umstritten ist. Der Österreicher Valentin Inzko ist derzeit Hoher Repräsentant der Vereinten Nationen in Bosnien. Ihm obliegt es, Umsetzung und Einhaltung der Dayton-Regelung zu überwachen. Er kann etwa gewählte Politiker entlassen, Gesetze erlassen und neue Behörden schaffen.

Das Dayton-Abkommen, in dem eine Verfassung für den Staat Bosnien und Herzegowina verankert ist, wird immer heftiger kritisiert. Vor allem, weil heute, mehr als 20 Jahre nach der Ratifizierung, die Aufteilung nach Volksgruppen gerade die Gräben zwischen ihnen zu vergrößern scheint. Doch heute eine neue Verfassung auszuarbeiten – da sind sich viele Experten einig – würde große Gefahren für die Einheit bergen.

Umstrittene Befragung

In den vergangenen Jahren haben sich in dem seit dem Krieg serbisch geprägten Landesteil, der Republika Srpska, Politiker mit nationalistischen Tönen immer wieder für eine Abspaltung ausgesprochen.

Vorige Woche hat sich das in einem umstrittenen Referendum manifestiert: Der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, ließ über den Nationalfeiertag der bosnischen Serben abstimmen. Der war bisher am 9. Jänner, dem Gründungstag der Republika Srpska 1992. Das Bundesverfassungsgericht hatte ihn für verfassungswidrig erklärt. An diesem Tag war der Grundstein für die Verfolgung und Tötung Tausender Bosniaken gelegt worden. Bosniens Nationalfeiertag ist am 25. November. Bosnische Serben lehnen ihn überwiegend ab.

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