Politik | Ausland 05.12.2011

Bomben und Finsternis in Tripolis

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Kein Licht brennt in Libyens Hauptstadt in der Nacht. Kein Radio, kein TV, Fastenbrechen bei Kerzenschein.

Abdrouf M. ist auf der Durchreise in Wien. Seine Familie hat er hierher in Sicherheit gebracht, aber er selbst wird wieder zurückgehen nach Tripolis, wo "sein ganzes Leben" ist: Sein Haus, seine Fotoalben, seine Großfamilie.

Eine Erholung ist Wien aber allemal, wo Wasser und Strom fließen, das Joghurt im kalten Kühlschrank frisch ist und M. bestenfalls zusammenzuckt, wenn jemand eine Mülltonne recht laut schließt. "Der NATO-Fluglärm ist unerträglich", erzählt der Enddreißiger dem KURIER. "Dazu kommen fünf bis zehn - sehr genaue - Bombenexplosionen pro Tag." (Das Gespräch wurde noch vor dem NATO-Angriff geführt, siehe Artikelende), Anm.) Und in den Nächten Schießereien unbekannten Ursprungs.
"Manchmal sind es Freudenfeuer bei einer Hochzeit, in gewissen Stadtvierteln, aber auch Schusswechsel zwischen Angehörigen des "Untergrunds von Tripolis".

Seit einer Woche laboriert die Stadt, sechs Monate nach Bürgerkriegsbeginn und fünf Monate nach Beginn des alliierten Bombardements, an massiven Energieengpässen. Das große kalorische Kraftwerk westlich der Hauptstadt hat nicht mehr genug Diesel. "Der geht an die Militärs. Jetzt haben wir nur drei bis vier Stunden Strom pro Tag" - bei 35 bis 40 Grad untertags. "Die Kühlschränke sind dahin und alle Nahrungsmittel, die wir gelagert hatten. Auch die Kühlschränke in den Supermärkten fallen aus. Die Ware wird kaputt und man weiß nicht, ob man das Lamm oder das Joghurt überhaupt kaufen soll - bei im Schnitt um 100 Prozent gestiegenen Preisen." Das Sortiment, das die rund 30 Prozent der noch offenen Shops führen, sei aber einigermaßen groß.

Schichtbetrieb an den Tankstellen

Im Visier der NATO: In Tripolis wird täglich gebombt. Allein der Fluglärm der NATO-Jets macht viele Einwohner übernervös. Ungefähr die Hälfte von ihnen hat die Stadt verlassen.
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Mangels Strom haben viele Einfamilienhäuser kein Wasser mehr. Die Pumpen für das Grundwasser arbeiten nicht. Wegen des fehlenden Stroms fallen auch die Mobilnetze immer wieder aus. "Und am Abend liegt Tripolis in absoluter Finsternis. Kein Fernseher, kein Radio geht mehr und das Fastenbrechen im Ramadan begehen wir bei Kerzenlicht."

Vor den Tankstellen, berichtet M., "stehen die Menschen im Schichtbetrieb an. Da wechseln einander Autobesitzer, Bruder und Cousin ab, um nach zehn bis 14 Tagen rationierte 20 Liter Benzin zu ergattern." - "Die Stimmung ist gedrückt. Jeder hofft, dass es bald vorbei ist. Die Jungen, die noch da sind, sagen, es sei unerträglich. Die Alten, die die Sanktionen gegen
Libyen erlebten, meinen oft: Das halten wir auch noch aus, auch Jahre." In Schlüsselpositionen seien aber nicht nur Leute, die sagen: Ich sterbe für Gaddafi, sondern viele, "die sich auch eine Zeit danach vorstellen können".

Insgesamt ortet M. "tiefes Misstrauen unter den Menschen". Wegen der vielen Geheimdienstler. Und wegen der fremden Gesichter. Denn der Krieg brachte einen Bevölkerungsaustausch mit sich. Wer aus dem Osten stammte, verließ Tripolis, wer im Süden wohnte, wurde herangekarrt. Und so hat der Diktator noch immer zwischen 10.000 und 100.000 Unterstützter in einer Stadt, deren Bevölkerung sich auf rund eine Million halbierte.

NATO-Angriff: Dutzende Zivilisten tot?
Einen schweren Vorwurf erhob das Gaddafi-Regime am Dienstag gegen die NATO: Bei einem Luftangriff der Allianz auf das Dorf Majar sollen Dutzende Zivilisten getötet worden sein. Die NATO wies das zurück. Bei den zwei getroffenen Bauernhöfen, die zu Militärlagern umgebaut worden seien, habe es sich klar um ein militärisches Ziel gehandelt. "Wir erwarten keine zivilen Opfer", so NATO-Sprecher Lavoie. Die genaue Auswertung der Luftschläge liege aber noch nicht vor.
Laut libyschem Staats-TV wurden bei dem Angriff mindestens 85 Menschen getötet. Wie viele Zivilisten sein sollen, wurde nicht gesagt. Gezeigt wurden die verkohlten Leichen von drei Kindern. Die amtliche Nachrichtenagentur sprach von 20 getöteten Familien.
In der Führung der Rebellen zeichnen sich indes Risse ab. Mustafa Abdel Jalil, der Präsident des Übergangsrates in der Rebellenhochburg Bengasi und bis vor wenigen Monaten Gaddafis Justizminister, hat die gesamte Regierung entlassen. Ein neues Exekutivkomitee werde zusammengestellt, hieß es.
Erst kürzlich war der Militärchef der Aufständischen, Abdul Fattah Junis (Gaddafis Ex-Innenminister), in einem Hinterhalt erschossen worden - mutmaßlich von eigenen Leuten. Vermutet wird, dass eine islamistische Miliz in den Reihen der Rebellen dahinter steckt.

Erstellt am 05.12.2011