Yannis Boutaris: Bodenständig­keit statt Protz

Giannis Boutaris
Foto: AP/Nikolas Giakoumidis Yannis Boutaris ist der beliebte Bürgermeister von Thessaloniki.

Thessalonikis Bürgermeister modernisierte die Stadt und macht Außenpolitik.

Er ist laut Spiegel der "außergewöhnlichste Politiker Griechenlands", Yannis Boutaris, der Bürgermeister von Thessaloniki. Der 75-Jährige ist in der Tat ungewöhnlich: Tätowiert, Flinserl im Ohr und Kettenraucher. Boutaris ist Kult. Der ehemalige Unternehmer, erfolgreiche Winzer und studierte Chemiker ist ein Reformer.

In der Krise modernisierte er Thessaloniki und sanierte die Finanzen.Das Personal im Rathaus wurde von 5000 auf 3000 reduziert, Stadtviertel erneuert, die Müllabfuhr verbessert und die Korruption bekämpft. Ein Vierteljahrhundert herrschte hier die konservative Nea Demokratia. Boutaris’ Vorgänger sitzt wegen Veruntreuung im Gefängnis, 51,4 Millionen Euro hat er der Stadtkasse entwendet. Heute hat Thessaloniki einen Budgetüberschuss.

Boutaris kümmert sich nicht nur um seine Kommune, sondern auch um Außenpolitik. "Ich habe die Annäherung an die Türkei forciert, der Republik-Gründer Kemal Atatürk wurde in Thessaloniki geboren. Atatürks Haus wurde renoviert, jetzt kommen 100.000 Touristen aus der Türkei", erzählt er dem KURIER.

Jüdisches Leben

Ein Anliegen ist Boutaris, das jüdische Leben und die jüdische Kultur wieder zu beleben. "Ohne die Vergangenheit zu kennen, gibt es keine Zukunft. Abgesehen von Alexander dem Großen ist Thessaloniki vom Römischen Reich, Byzanz und dem jüdischen Einfluss geprägt. Thessaloniki war das ,Jerusalem des Balkans‘." Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es 40 Synagogen, 50.000 Juden lebten dort. "Wir bauen jetzt ein jüdisches Museum. Damit wollen wir zeigen, was Totalitarismus, Faschismus und Hass anrichten können. Durch die Deportation und die Ermordung der Juden hat Thessaloniki seine Seele verloren."Boutaris engagiert sich auch für die Lösung des jahrelangen Namenstreits mit dem Nachbarland, das offiziell FYROM heißt (Frühere Jugoslawische Teilrepublik Mazedonien).

Eben war er in Skopje, wo er die gesamte Staatsriege traf. "Der neue Regierungschef Zoran Zaev hat keine nationalistischen Ideen wie sein Vorgänger Nikola Gruevski, der ein schreckliches Unglück für das Land war. Zaev will einen Kompromiss bei der Namensgebung: Republik Neu-Mazedonien oder Nord-Mazedonien. Republik Mazedonien würde Griechenland niemals akzeptieren." Mit dem neuen Namen könnte Mazedonien "eine neue Identität für sich und die Menschen finden. Wenn man nach Skopje kommt, ist man in Disney-Land. Gruevski hat das Stadtbild verändert".Ist die Landesbezeichnung endlich gefunden, könnte Mazedonien mit den Beitrittsverhandlungen und der NATO-Annäherung beginnen.

Unzufrieden ist der Bürgermeister mit der EU-Flüchtlingspolitik. Die Inseln seien völlig überfordert, die Migranten dürfen nicht aufs Festland, weil es die EU wegen des Türkei-Abkommens verbietet. Selbst geht er innovative Wege in der Flüchtlingsbetreuung, die Gemeinde kaufte oder mietete leer stehende Gebäude und bringt hier Asylwerber für einige Monate unter, die Kinder bekommen Unterricht, auch Hunderte unbegleitete Jugendliche werden versorgt. Boutaris befürchtet, dass der Flüchtlingsstrom "wieder stärker wird".

Auf die Frage, ob Griechenland die Finanzkrise gelöst habe, antwortet er mit "Nein". Die Krise sei nicht ökonomisch, sondern sozial. "Es ist das kapitalistische System: Reiche werden reicher, Arme ärmer und das soziale System wird immer schwächer."In Griechenland kommt dazu, dass "die Politiker die Krise miserabel gemanagt haben". Dennoch geht Boutaris davon aus, dass Premier Alexis Tsipras "definitiv überleben" wird. " Man kann nicht sagen, wer die Wahlen gewinnen wird, aber die Konservativen überzeugen die Menschen nicht und die PASOK ist tot."

(kurier) Erstellt am
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