„Während es im Gesundheits-, Bildungs- und Transportwesen an allen Ecken mangelt, werden Milliarden für den Bau von Stadien ausgegeben“, kritisiert Erwin Kräutler, Bischof im brasilianischen Amazonas

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Brasilien
05/29/2014

Bischof Kräutler: "Wer steigt da nicht auf die Barrikaden"

Der in Brasilien tätige Geistliche übt massive Kritik an den Umständen der Fußball-WM.

von Walter Friedl

Das Eröffnungsspiel zur Fußball-Weltmeisterschaft (Brasilien gegen Kroatien) in São Paulo wird er am 12. Juni noch in seiner alten Heimat Österreich verfolgen, wo er derzeit zu Besuch ist. Doch schon beim zweiten Antreten der Seleção (gegen Mexiko am 17. Juni) wird Bischof Erwin Kräutler wieder in seiner Diözese im Amazonasgebiet sein. Im KURIER-Interview lässt der gebürtige Vorarlberger kein gutes Haar an den Umständen des sportlichen Großereignisses.

KURIER:Die WM beginnt in wenigen Tagen. Wie ist die Stimmung in Brasilien?Bischof Erwin Kräutler:Es gibt natürlich einen ungeheuren Fußball-Enthusiasmus im Land, zugleich aber auch viele Missstände. Und weil die ganze Welt nach Brasilien blickt, werden die Menschen das nützen, um darauf hinzuweisen. Ich glaube, wir können uns noch gar nicht vorstellen, was da auf uns zukommt.

Konkret: Was liegt im Argen?

Im Gesundheits-, im Bildungs- und im Transportbereich sind wir weit weg von den Standards, die uns die FIFA (Weltfußballverband) für die Stadien etwa vorschreibt. In den Städten beispielsweise müssen sich die Menschen nach einem harten Arbeitstag in völlig überfüllte Busse zwängen, wie die Sardinen, und brauchen dann wegen des Verkehrschaos oft zwei Stunden nach Hause. Oder: Selbst in Rio liegen die Patienten in den Spitälern auf dem Boden. Das ist menschenunwürdig. Wer steigt da nicht auf die Barrikaden?!

Das heißt, Sie halten die zu erwartenden Proteste für berechtigt?

Ja, aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin nicht gegen Fußball, nur die Proportionen stimmen nicht. Denn während es in den genannten Sektoren an allen Ecken mangelt, wurden Milliarden für Stadien-Bauten ausgegeben. Nehmen Sie das Beispiel Brasilia. Hier gibt es überhaupt keine Fußball-Tradition wie in Rio oder São Paulo. Die Mannschaft dort spielt in einer Liga, die in Österreich der Landesliga entspricht. Die Arena wird nach der WM ein "weißer Elefant" sein – ebenso die in Manaus. Die Regierung will uns mit "Brot und Spielen" abspeisen, aber das lassen sich immer mehr Brasilianer nicht gefallen.

Wer trägt den Protest?

Federführend sind junge Leute von den Unis und höheren Schulen, die etwa über Facebook gut vernetzt sind, aber auch Arbeiter gehören dazu. Die oberen Zehntausend sicher nicht, die sitzen dann in den Stadien.

Vielfach arten die Demonstrationen allerdings in Gewalt aus...

... ja, das vermittelt kein gutes Bild. Im Prinzip aber will die Jugend friedlich ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Doch bei 500.000 Demonstranten mischen sich halt leider auch einige Chaoten unter die Menge, die dann das mediale Interesse auf sich ziehen.

In Brasilien ist für viele die FIFA ein richtiges Feindbild. Warum ist das so?

Weil sie autoritär und präpotent auftritt, und die Regierung ist ihr hörig. Aber wir brauchen keine Regierung über der Regierung. Der frühere Präsident Lula hat die WM und auch Olympia (2016) ins Land geholt, und seither sind die Verantwortlichen nur noch unterwürfig. So akzeptiert die FIFA keine Standeln von Einheimischen in einem bestimmten Umkreis der Stadien. Für die Bevölkerung ist das Wahnsinn, die gehören zu unserer Kultur.

Wird die WM Auswirkungen auf die Präsidentschaftswahlen im Herbst haben?

Wenn Brasilien Weltmeister wird, wird der Jubel quer durch das Land alles andere zunächst zudecken. Aber die Euphorie wird vergehen, denn die Probleme sind deswegen ja nicht verschwunden. Und wenn Brasilien nicht Weltmeister wird, wird das sehr wohl Folgen für die Politik haben.

Welche?

Der nationale Frust wird dann so groß sein, dass Präsidentin Dilma (Rousseff) bei der angepeilten Wiederwahl sicher Stimmen verlieren wird. Der Frust wird auch die Proteste noch mehr anheizen. Und die Milliarden, die die Regierung für den Bau der FIFA-Stadien hinausgeschmissen hat, werden noch intensiver eingeklagt werden.

Werden Sie sich die WM-Partien im Fernsehen anschauen?

Natürlich! Gerade wenn Brasilien spielt, kann man ohnehin nichts anderes machen, da steht das ganze Land still. Es hätte gar keinen Sinn, da einen Gottesdienst oder eine Versammlung anzusetzen.

Zu wem halten Sie?

Die Frage ist überflüssig (Brasilien).

Noch eine persönliche Frage: Sie werden heuer 75 Jahre alt. Laut Kirchenrecht müssen sie zu diesem Zeitpunkt dem Papst ihren Rücktritt anbieten, der ihn annehmen kann oder auch nicht. Haben Sie schon Hinweise, was passieren wird?

Ich überlasse diese Entscheidung ganz dem Papst. Aber ich glaube, dass das nicht von einem Tag auf den anderen erledigt sein wird. Denn meine Diözese (Xingu), die so groß wie Deutschland ist, wird dreigeteilt. Das ist wichtig, weil die Distanzen enorm sind. Ich denke, dass ich dieses Projekt noch abwickeln soll.

Das heißt: Sie bleiben noch eine Zeit lang Bischof?

Kann gut sein.

"Dom Erwin": Im Dienst der Indianer

Österreich

Erwin Kräutler wird am 12. Juli 1939 in Koblach, Vorarlberg, geboren. Nach der Priesterweihe 1965 geht er als Missionar in die Prälatur Xingu im brasilianischen Amazonas, wo er bis heute tätig ist.

Brasilien

1981 wird er Bischof von Xingu. Als solcher setzt er sich speziell für die Indianer ein – von 1983 bis 1991 ist er Präsident des Indianer-Missionsrates der Brasilianischen Bischofskonferenz. 2006 wird er erneut Präsident dieses Gremiums. Wegen seines Engagements wird er bedroht, von der Militärpolizei geschlagen und festgenommen. Auch ein Attentat wird 1987 auf ihn verübt. Einige seiner Mitstreiter werden ermordet. "Dom Erwin", wie ihn die Brasilianer nennen, gibt nie auf. Zeitweilig musste er rund um die Uhr beschützt werden.

Auszeichnung

2010 erhält Bischof Kräutler, der die österreichische und die brasilianische Staatsbürgerschaft hat, den Alternativ-Nobelpreis.

Es geht darum, den Schrei der Armen zu hören

75 Jahre wird Bischof Erwin Kräutler heuer. Fast 50 Jahre davon verbrachte der gebürtige Vorarlberger im brasilianischen Amazonasgebiet. In seinem jüngst erschienenen Buch blickt der Geistliche auf diese Zeit zurück und gewährt Einblicke in sein Leben und Wirken.

Er beschreibt die Anfänge, als der Regenwald noch intakt war, der jetzt durch "skrupellose Zerstörung" vernichtet wird. Er berichtet über die herzliche Aufnahme der Einheimischen, mit denen er dann "Hand in Hand" den Weg ging. Und Erwin Kräutler, der über sich selbst sagt, "ich bin Brasilianer, in Österreich geboren", legt sein bedingungsloses Engagement für die Entrechteten und Ausgestoßenen dar: "Es geht darum, die konkrete Realität zu sehen, den Schrei der Armen zu hören, dann ihre Situation im Lichte des Wortes Gottes zu analysieren und daraus entsprechende Konsequenzen in Form von Einsatz und Aktionen zu ziehen."

Erwin Kräutler. Mein Leben für Amazonien. An der Seite der unterdrückten Völker. 2014 Tyrolia-Verlag. 232 Seiten. 22,95 Euro.

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